Fotostrecke

Relikt des Kalten Kriegs: Geschichtsunterricht im Bunker

Foto: Oliver Dietze/ dpa

Geschichtsunterricht im Bunker "Hier halte ich es nicht lange aus"

Es ist eng, kalt und dunkel - saarländische Gymnasiasten drängen sich für ihren Geschichtsunterricht in einen alten Bunker. Während die Schulleiterin dort unten mit der Platzangst kämpft, fehlt den Schülern etwas anderes: das Internet.

Um etwas über den Kalten Krieg zu lernen, geht die Klasse 6a in den Keller. Denn in den kühlen und tiefen Gängen des Hochwald-Gymnasiums im saarländischen Wadern liegt ein historischer Ort: der einstige Notbunker der Saar-Landesregierung. Er war 1959 angelegt worden als Zufluchtsort für Politiker und Sicherheitskräfte im Kriegs- oder Krisenfall. Hinter zwei großen Stahltüren verbergen sich vier Räume mit Pritschen, Bänken, Duschen, Toiletten und zwei Notausstiegen. "Es ist eng", sagt die elfjährige Emely. "Hier würde ich es nicht lange aushalten."

In Räumen liegen verstaubte Gasmasken neben einer Belüftungsanlage. Im Geräte- und Betriebsbuch sind Bunker-Kontrollen seit 1969 akribisch festgehalten. Die Kontrolleure kamen vom saarländischen Innenministerium, mal alle paar Tage, mal alle paar Wochen. Bis vor 20 Jahren. Der letzte handschriftliche Eintrag stammt vom November 1993: "Schalter in Hauptverteilung muss auf 'Auto' stehen", heißt es darin.

Die Schüler der 6a legen sich auf die schmalen Etagen-Pritschen, kurbeln an der Belüftungsanlage, studieren den alten Fernschreiber, klettern in den Notausstieg und wählen an den Scheiben der alten Telefone. Zu dem Bunker gehörte eine eigenes Telefonnetz mit 50 Apparaten und ein eigenes Stromnetz, das mit einem Generator betrieben wurde. Die Notausstiege enden auf dem Schulhof.

Seit Mitte 2010 darf das Gymnasium die Bunkeranlage nutzen. "Es ist ein Geschenk für eine Schule, einen solchen historischen Ort zur Verfügung zu haben, an dem man Geschichte erspüren und erfahren kann", sagt Schulleiterin Ellen Küneke, 57. "Mich erstaunt, wie offen und frei die Kinder mit der Problematik umgehen", sagt sie. Denn die Schüler untersuchen neugierig die Räume und stellen viele Fragen. "Hier ist ein völlig anderer Zugang zur Geschichte möglich."

"Die Menschen hätten hier nur ein paar Tage überlebt"

Die saarländische Landesregierung hatte zur Zeit des Kalten Krieges die 17.000-Einwohner-Stadt Wadern als möglichen Ausweichsitz ausgesucht, "weil dies ein Ort ist, wo sich Fuchs und Hase Gute Nacht sagen - und niemand etwas Politisches vermutet", sagt Küneke. Plan sei gewesen, vom Bunker aus nach einem Angriff durch konventionelle oder atomare Waffen einen Gegenschlag zu organisieren. Heute sei klar: "Die Menschen hätten hier nur ein paar Tage überlebt", sagt Haustechniker Peter Bonerz. Der Stand der Technik sei damals ein anderer gewesen.

Das Gymnasium mit rund 850 Schülern nutzt die Räume auch für Führungen am Schulfest. Zudem plant Leiterin Küneke, das Thema Bunker in einem Seminarfach in der Oberstufe zu integrieren. "Neben einer wissenschaftlichen Arbeit zum Kalten Krieg könnten die Schüler auch praktischen Forschung vor Ort betreiben", sagt Küneke. Sie selbst fordere der Aufenthalt im Bunker aber stets heraus: "Ich habe Klaustrophobie und muss an mir arbeiten, um ruhig und gelassen zu bleiben."

Auch Laura Görgen aus der achten Klasse findet es im Bunker beengend und "wäre schon lieber wieder oben, wo Tageslicht ist". Dass ihre Schule solch eine Anlage im Keller hat, findet sie aber toll. "Das ist was Besonderes." Schüler Janis sagt nach dem Bunker-Besuch: "Ich könnte ein paar Tage hierbleiben." Und fügt hinzu: "Aber nur mit Internet."

Birgit Reichert/dpa/juj