Internationale Vergleichsstudie Jeder fünfte Schüler kann nicht mit Computern umgehen

Deutschland liegt bei den Computerfähigkeiten seiner Schüler im europäischen Mittelfeld, ein Drittel der Achtklässler haben kaum Computerkenntnisse - und Mädchen schneiden weltweit besser ab als Jungen.
Digital Natives? Fehlanzeige. Diese Kinder kennen keine Welt mehr ohne Web mehr, doch die Fähigkeiten sind sehr ungleich verteilt

Digital Natives? Fehlanzeige. Diese Kinder kennen keine Welt mehr ohne Web mehr, doch die Fähigkeiten sind sehr ungleich verteilt

Foto: Thomas Frey/ picture alliance / dpa

Über ein Jahrzehnt nach dem ersten Pisa-Schock verlieren internationale Schulvergleiche für Deutschland allmählich ihren Schrecken: Die Bundesrepublik landet regelmäßig im Mittelfeld. So auch bei der heute in Brüssel und in Berlin vorgestellten Untersuchung mit dem Namen ICILS (International Computer and Information Literacy Study), die weltweit die Computerfähigkeiten von Schülern untersucht (hier als pdf ).

Auf der schon aus Pisa vertrauten Punkteskala kommt die Bundesrepublik auf einen Leistungsmittelwert von 523 Punkten. Damit liegt sie im Schnitt der Länder der Europäischen Union (525 Punkte), aber über dem Mittelwert der OECD-Länder (516 Punkten). (Die ganze Liste finden Sie in der Tabelle weiter unten)

Die ICILS-Studie kommt von der Organisation International Association for the Evaluation of Educational Achievement (IEA), die auch andere Vergleichsstudien wie Timss oder Iglu koordiniert. 21 Länder nahmen teil, in Deutschland gaben mehr als 2000 Schüler und knapp 400 Lehrer Auskunft. Für den deutschen Teil sind der Dortmunder Schulforscher Wilfried Bos und seine Paderborner Kollegin Birgit Eickelmann verantwortlich.

Ein Drittel der Achtklässler hat höchstens "basale" Kenntnisse

"Die Studie zeigt, dass die Mehrzahl unserer Jugendlichen im Umgang mit modernen Computer- und Informationstechniken vertraut ist", kommentierte die Präsidentin der Kultusministerkonferenz Sylvia Löhrmann die Ergebnisse. Recht scharf kritisierte Bildungsforscher Bos die schlechte und veralteten Ausstattung an deutschen Schulen: "Hierzulande lernen Schüler den Umgang mit Computern trotz Schule", sagt Bos.

Allerdings wiederholen sich in ICILS negative Befunde, die auch aus anderen Schulstudien bekannt sind. So erreichen rund 30 Prozent der Achtklässlerinnen und Achtklässler in Deutschland im Umgang mit Computern nur eine der beiden unteren Kompetenzstufen I oder II, haben also allenfalls "basale" Computerkenntnisse, wie es die Forscher nennen.

Diese Schülergruppe, so schreiben die Forscher, die den deutschen Teil der Studie koordiniert haben, werden es "voraussichtlich schwer haben, erfolgreich am privaten, beruflichen sowie gesellschaftlichen Leben des 21. Jahrhunderts teilzuhaben". Dieser Sockel der Abgehängten macht Bildungsforschern bereits seit Jahren Sorgen, er liegt je nach Studie bei rund einem Fünftel der Schüler. Dazu passt auch der Befund, dass Kinder aus Migrantenfamilien schlechter abschneiden.

Erneut konstatieren die Bildungsexperten, dass Bildung stark vom sozialen Hintergrund abhängt. So ist es auch bei den Computerfähigkeiten: Kinder aus bildungsorientierten Familien sind geübter im Umgang mit moderner Informationstechnik als Kinder aus bildungsfernen Familien. Als Parameter für hohe Bildung hat die IEA eine Kategorie in ihre Fragebögen mit aufgenommen, die mit elektronischen Medien wenig zu tun hat: Die Schüler mussten angeben, ob zuhause mehr oder weniger als 100 Bücher im Regal stehen.

Tschechen, Kanadier und Australier liegen vorn

Mit 570 zu 503 Leistungspunkten erreichen Gymnasiastinnen und Gymnasiasten hierzulande wesentlich bessere Ergebnisse als Schüler anderer weiterführender Schulformen. Auch der Befund, dass Mädchen weltweit besser sind als Jungen (509 zu 491 Punkte), überrascht nur auf den ersten Blick, weil er gängigen Klischees widerspricht. Tatsächlich hat die Bildungsforschung auch in anderen Studien Jungen als Sorgenkinder bei Leistungsvergleichen ausgemacht.

Mit 570 Punkten liegen die deutschen Gymnasiasten damit über dem mittleren Leistungsniveau derjenigen Nationen, die die Rangliste anführen: Das sind zum Beispiel die Tschechische Republik (553 Punkte), die kanadische Provinz Ontario (547 Punkte), Australien oder Dänemark (jeweils 542 Punkte). Woher der Vorsprung der so bunt gemischten Spitzengruppe rührt, darüber gibt ICILS im Detail keine Auskunft.

Dass auf der Welt eine Generation von "digital natives", digitalen Ureinwohnern, heranwachse, davon kann laut der neuen Studie keine Rede sein. Zwar sind Grundkenntnisse weltweit Standard, doch kommen nur zwei Prozent der Schüler auf das höchste Kompetenzniveau. Selbst in der Spitzennation Korea sind es nur fünf Prozent.

Ein Grund für die schmale Spitze mag auch sein, dass ausgefallenere Anwendungen im Unterricht nur sehr selten vorkommen. Laut der Studie sind vor allem Textverarbeitung, Präsentations-Software und Datenbanken gebräuchlich. Schon bei digitalen Lernspielen wird es dünn.

Wie haben die Länder abgeschnitten?

Teilnehmer Punktzahl
Tschechische Republik 553
Kanada (Ontario) 547
Australien 542
Dänemark3 542
Polen 537
Norwegen1,2 537
Republik Korea 536
Niederlande3 535
Kanada (Neufundland, Labrador)2 528
Schweiz3 526
EU 525
Deutschland 523
Slowakische Republik 517
Russische Föderation2,5 516
Hongkong2,3 509
VG OECD 516
Kroatien 512
Slowenien 511
Internat. Mittelwert 500
Litauen 494
Chile 487
Argentinien (Buenos Aires)3 450
Thailand5 373
Türkei 361
1 Die nationale Zielpopulation entspricht nicht der 8. Jahrgangsstufe
2 Die Gesamtausschlussquote liegt über 5%
3 Die Schüler- und Schulgesamtteilnahmequote liegt unter 75%
5 Abweichender Erhebungszeitraum
Quelle: International Computer and Information Literacy Study 2013

Immerhin einen Spitzenwert kann die Bundesrepublik aufweisen, womöglich als Konsequenz aus den Plagiatsaffären vergangener Jahre: Drei Viertel der Lehrkräfte äußern hierzulande Bedenken, dass Internet-Nutzung zu Copy und Paste von Quellen führe. Dazu schreiben die Forscher: "In keinem anderen ICILS-2013-Teilnehmerland wird dies häufiger berichtet."

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Foto: Peter Steffen/ picture-alliance/ dpa

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