Iglu-Ergebnisse Auch Baden-Württemberg noch hinter Bulgarien

Deutschland schneidet bei der internationalen Untersuchung Iglu deutlich besser ab als bei der Pisa-Studie. Dennoch können sich die Bildungspolitiker nach Auffassung der Iglu-Forscher keineswegs beruhigt zurücklehnen.


Das relativ gute Abschneiden der Bundesrepublik in der Internationalen Grundschul-Lese-Untersuchung (Iglu) trügt: Zwar konnten sich die deutschen Viertklässler im oberen Mittelfeld der 35 untersuchten Staaten etablieren, doch liegt selbst das "Spitzenland" Baden-Württemberg noch unter dem Niveau Bulgariens. Dies zeigt eine am Mittwoch in Berlin vorgelegte neue Detailauswertung der Iglu-Studie aus dem Jahre 2001.

Kinder bei der Leipziger Buchmesse: Keine Entwarnung für Deutschland
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Untersucht wurde die Lesefähigkeit deutscher Grundschüler am Ende der vierten Klasse, wobei nur sechs der zwölf teilnehmenden Bundesländer in die neue Auswertung kamen. Alle anderen hatten keine ausreichend große Zufallsstichprobe aufzuweisen - wobei der Stadtstaat Bremen gesondert bewertet werden muss. Hier konnte die notwendige Datenmenge erst durch Einbeziehung der Ersatzschulen erreicht werden.

Ungeachtet dessen ergibt sich ein Bild, das aus Sicht der Bildungswissenschaftler "nur auf den ersten Blick beruhigend" wirken kann. Denn angeführt wird die Lese-Liste von Schweden (561 Punkte), den Niederlanden (554), England (553) und Bulgarien (550). Erst dann kommen Baden-Württemberg (549) und Bayern (546) - kurz vor Lettland mit seinen 545 Punkten. Hessen (544) folgt wenig später - kurz vor Kanada (544) und Litauen (543).

NRW zwischen Tschechien und Neuseeland

Selbst das oft gescholtene Bildungssystem der USA errang in der Studie mit 542 Punkten noch einen deutlichen Vorsprung vor dem deutschen Durchschnitt von 539 Punkten. Wenig später taucht das bevölkerungsreichste Bundesland Nordrhein-Westfalen (532) auf - zwischen Tschechien (537) und Neuseeland (529) eingebettet. Danach folgen Singapur, Russland, Schottland und Hongkong, bis endlich Brandenburg (526) kurz vor Frankreich (525) auftaucht. Deutsches "Schlusslicht" ist Bremen, das mit 507 Punkten aber immer noch über dem internationalen Durchschnitt von 500 Punkten liegt.

Rangliste bei Iglu: Platz 11, immerhin
DER SPIEGEL

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Dafür gingen die Forscher mit vier Kompetenzstufen tiefer ins Detail. Sie sollten helfen, die große Spanne in den Lesefähigkeiten deutlich zu machen: "Gesuchte Wörter im Text erkennen" bedeutete die unterste Stufe I, "Sachverhalte aus einer Textpassage erschließen" war Stufe II. In der Stufe III wurde gefordert, "Sachverhalte aufgrund des Kontextes erschließen" zu können. Die höchste Anforderung für die Viertklässler kam mit Stufe IV, wo "Textpassagen sinnvoll miteinander in Beziehung zu setzen" waren.

Deutlich wurde dabei, dass in Brandenburg und Bremen der Anteil der Kinder, die nicht einmal die Lesekompetenzstufe I erreichten, mehr als doppelt so hoch ist wie in anderen Vergleichsländern. Selbst bei der Kompetenzstufe II ist der Anteil in Bremen mit 21,1 Prozent "dramatisch hoch", wie die Autoren der Studie betonen. Unterhalb der Kompentenzstufe III lesen im Bundesdurchschnitt etwa 39 Prozent der Kinder, in Bremen sind es fast 60 Prozent. In Baden-Württemberg, Bayern und Hessen gelingt es immerhin, rund 20 Prozent der Kinder bis zur IV zu fördern.

"Die Diagnose Grundschule ist gut"

Allerdings ist nach den Worten des Leiters der Studie, des Hamburgers Professors Wilfried Bos, die Streuung der Leistungswerte am Ende der vierten Jahrgangsstufe in Deutschland noch klein. Erst im Vergleich zu Pisa, also dem Test der 15-Jährigen, werden die Unterschiede der Bundesländer greifbar: So liegen die Leseleistungen der Kinder aus Baden-Württemberg am Ende der vierten Jahrgangsstufe 10 Punkte über dem deutschen Mittelwert, bei PISA sind es 16 Punkte darüber. In Bayern liegt die Differenz sogar bei 8 Pluspunkten (Iglu) zu 26 Pluspunkten (Pisa).

In Nordrhein-Westfalen beträgt die negative Differenz zum deutschen Mittelwert bei Iglu 7 und bei Pisa nur 2 Punkte. In Brandenburg schneiden die Viertklässler mit 13 Punkten darunter ab, bei den Pisa-Jugendlichen sind es satte 25 Punkte. In Bremen bleibt der Unterschied mit je einem Drittel Standardabweichung unterhalb des Bundesdurchschnittes konstant.

Das Fazit von Bos ist kurz: "Die Diagnose Grundschule ist relativ gut. Alle Länder sind hier nahe beieinander." Doch machen dem Wissenschaftler die weiterführenden Schulen Sorgen: "Was ist los in der Sekundarstufe 1, dass es ein solches Ergebnis gibt?".

Von André Spangenberg, ddp



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