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05. Dezember 2017, 10:00 Uhr

Studie

Fast jeder fünfte Viertklässler kann nicht richtig lesen

Von und

Viele Grundschüler in Deutschland haben massive Schwierigkeiten beim Lesen. Das zeigt die neue Iglu-Studie. Deutschland fällt damit im internationalen Vergleich zurück - es gibt aber auch Lichtblicke.

Mehr leistungsstarke, aber auch mehr leistungsschwache Schüler: Die Ergebnisse der Internationalen Grundschul-Lese-Untersuchung (Iglu) fallen aus deutscher Sicht ziemlich durchwachsen aus.

So stieg zwar die Zahl der besonders lesestarken Viertklässler von 8,6 Prozent (2001) auf 11,8 Prozent (2016). Gleichzeitig erhöhte sich aber auch die Zahl der Grundschüler mit starken Leseschwächen: 2001 waren es noch 16,9 Prozent, 15 Jahre später liegt ihr Anteil bei 18,9 Prozent - 2006 und 2011 waren es deutlich weniger Kinder mit schlechten Ergebnissen.

Mit anderen Worten: Fast jeder fünfte Schüler im Alter von rund zehn Jahren erreicht derzeit nur eine der beiden unteren Kompetenzstufen auf einer insgesamt fünfstufigen Skala. "Es ist davon auszugehen, dass sie mit erheblichen Schwierigkeiten beim Lernen in allen Fächern in der Sekundarstufe I konfrontiert sein werden", schreiben die Studienmacher. Die Leistungen der Kinder hängen dabei stark von ihrem Elternhaus ab.

Und: Andere Länder haben aufgeholt - und damit Deutschland überholt, so dass Deutschland im internationalen Vergleich nicht mehr im oberen Drittel landet, sondern eher im guten Mittelfeld. "Es ist nicht genug passiert", sagte Studienautor Wilfried Bos. So gebe es zwar mehr Ganztagsschulen, diese seien aber oft reine Betreuungseinrichtungen.

Die neuen Iglu-Daten, die 2016 erhoben worden waren, wurden am Dienstag in Berlin vorgestellt. Deutschland nimmt seit 2001 am internationalen Vergleich der Lesekompetenz seiner Grundschüler teil. Seither werden alle fünf Jahre das Verständnis von Sach- und literarischen Texten, die Einstellungen der Viertklässler zum Lesen und ihre Lesegewohnheiten getestet. Die Forscher schauen dabei auch auf das Umfeld der Kinder: Welchen sozialen Hintergrund haben die Eltern? Wie viele Bücher gibt es im Haushalt?

Die wichtigsten Ergebnisse:

Zur Studie: Den weltweiten Lesekompetenzvergleich der Viertklässler gibt es seit 2001, er wird alle fünf Jahre durchgeführt. International firmiert er als Progress in International Reading Literacy Study (Pirls), hierzulande ist er als Iglu-Studie bekannt. An der Untersuchung 2016, deren Daten jetzt veröffentlicht wurden, haben sich insgesamt 57 Staaten und Regionen beteiligt.

In Deutschland gingen die Forscher an 208 Grund- und Förderschulen und testeten dort insgesamt 4277 Viertklässler. Die Kinder waren durchschnittlich rund zehn Jahre alt. Zudem waren rund 3000 Eltern, 200 Deutschlehrkräfte und 190 Schulleitungen an der Untersuchung beteiligt.

Mehr Kinder mit Förderbedarf

Insgesamt sei die Schülerschaft an Grundschulen heterogener, als dies noch 2001 der Fall war, stellen die Autoren der aktuellen Studie fest. Es seien mehr Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf an den Regelschulen sowie mehr Kinder mit Migrationshintergrund.

Zuletzt hatte eine andere Schulstudie für Schlagzeilen gesorgt, nach der Deutschlands Viertklässler innerhalb der vergangenen fünf Jahre in Mathematik, beim Zuhören und in Rechtschreibung zurückgefallen sind: Im Vergleich zur ersten Erhebung vor fünf Jahren haben sich die Werte im Bundesdurchschnitt teils deutlich verschlechtert, einzig im Bereich Lesen sind sie laut IQB-Bildungstrend weitgehend stabil.

Demnach erreichte 2016 jeder achte Viertklässler in Deutschland beim Lesen nicht einen bestimmten Mindeststandard. Für die Bereiche Zuhören und Orthografie seien hingegen "signifikant negative Trends zu verzeichnen, die größer ausfallen", so die Studienmacher.

Mit Material von dpa

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