Iglu-Studie Deutsche Knirpse in der weltweiten Spitzengruppe

Beim Iglu-Vergleichstest schneiden Deutschlands Grundschüler gut ab. Der große Haken: die soziale Schieflage nach der vierten Klasse. Denn Professoren-Kinder kommen leicht aufs Gymnasium, Arbeiter- und Migrantenkinder oft auf die Hauptschule - bei gleicher Leistung.
Von Jochen Leffers und Lisa Sonnabend
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Der Bildungsforscher strahlte, als wäre er der Weihnachtsmann persönlich mit einem großartigen Überraschungsgeschenk im Gepäck. "Es ist Weihnachtszeit, da kommt man mit guten Botschaften", sagte Wilfried Bos, "ich bringe Ihnen heute auch eine." Und die lautete: Die deutschen Grundschulen sind besser als ihr Ruf.

Bos, Professor für Schulentwicklungsforschung in Dortmund, leitete den deutschen Teil "Internationalen Grundschul-Lese-Untersuchung" (Iglu). Schon bei der ersten Iglu-Veröffentlichung vor vier Jahren hatte Deutschland sehr passabel abgeschnitten, diesmal noch etwas besser: Rang 11 unter 45 Staaten und Regionen und somit im ersten Viertel.

Platz eins erreichte diesmal Russland vor Hongkong und der kanadischen Provinz Alberta. Die deutschen Grundschüler schafften durchschnittlich 548 von maximal 700 Punkten. In keinem Land der Europäischen Union seien die Leseleistungen signifikant höher als bei den deutschen Zehnjährigen. Die Zahl besonders schwacher Schüler, sogenannten Risikokinder, sei gesunken, während die der starken Leser zugenommen habe, heißt es in der Studie. Und auch die Unterschiede zwischen Jungen und den Mädchen, die international beim Lesen stets vorn liegen, sind in Deutschland nicht so groß wie anderswo.

Bei der Berliner Iglu-Pressekonferenz heute Nachmittag konnten Wilfried Bos, Bundesforschungsministerin Annette Schavan (CDU) sowie Jürgen Zöllner (SPD), Präsident der Kultusministerkonferenz, die Lehrer mit Lob verwöhnen: "Die Ergebnisse sollten Anlass sein, allen, die in Schulen arbeiten, zu sagen, dass sie großartige Arbeit geleistet haben", so Schavan. Auch Bos vergab die Note "zwei plus - die deutsche Grundschule hat ihre Hausaufgaben gemacht". Versäumnisse sieht er eher in den weiterführenden Schulen: "Auch in der Sekundärstufe I muss Leseförderung stattfinden, doch die Lehrer sind nicht ausgebildet. Vielleicht sind wir deswegen bei Pisa nicht so gut." Ein Mathematiklehrer denke oft, sein Schüler sei schlecht in Mathe, dabei habe der "schlicht die Textaufgabe nicht verstanden".

Chancengleichheit: Mangelhaft

Ein Problem können indes auch die erfreulichen deutschen Ergebnisse nicht übertünchen - ein ziemlich großes: In kaum einem anderen Land haben es Kinder aus Unterschichts- und Einwandererfamilien so schwer wie in Deutschland. Um eine Gymnasialempfehlung zu bekommen, müssen sie weitaus bessere Leistungen bringen als Kinder aus Akademiker-Elternhäusern.

"Managersohn aufs Gymnasium, Arbeitertochter zur Hauptschule" - Iglu-Koordinator Wilfried Bos hatte die typischen Bildungswege bereits nach der ersten Studie 2003 plakativ beschrieben. Die neue Auswertung liefert dafür eine Fülle weiterer Belege. Zunächst interessant ist ein Blick auf die tatsächlichen Unterschiede beim Leseverständnis: Kinder wohlhabender Eltern liegen im Schnitt um 67 Punkte vor Klassenkameraden aus bildungsfernen Schichten - ein großer Vorsprung, der "signifikant größer ausfällt als im internationalen Mittel", so die Iglu-Studie.

Was aber passiert mit Schülern beider Gruppen, die bei den Leistungen gleichauf liegen? Das Iglu-Ergebnis ist eindeutig, und es ist krass: Damit Lehrer Kinder von un- und angelernten Arbeitern das Gymnasium empfehlen, müssen diese um 77 Punkte mehr Lesekompetenz beweisen. Erst bei 614 Punkten überzeugen sie die Lehrer - aber bei Akademikerkindern reichen schon unterdurchschnittliche 537 Punkte. "Bei gleichen kognitiven Fähigkeiten und gleicher Leseleistung haben Kinder aus der Oberschicht eine mehr als zweieinhalb Mal so große Chance, von ihren Eltern eine Gymnasial-Empfehlung zu bekommen, wie Kinder von Facharbeitern oder leitenden Angestellten", heißt es in der Iglu-Studie. Und gegenüber 2001 habe sich dieses Problem sogar noch verschärft.

Hinzu kommt, dass bildungsferne Eltern ihrem Kind auch weit weniger zutrauen, sich viel seltener dahinter klemmen, dass es aufs Gymnasium kommt. "Eltern von Professorenkindern wollen das meist unbedingt", sagt Wilfried Bos. "Sie bezahlen die Nachhilfe ihres Kindes, wenn es auf der Kippe steht."

Gymnasium als Königsweg der Akademikerkinder

In Zahlen: Laut Iglu sind Eltern der "oberen Dienstklasse" schon ab einer Lese-Leistung von 498 Punkten von der Gymnasial-Eignung überzeugt, die Arbeiter-Eltern dagegen erst bei der herausragenden Punktzahl von 606. "Wir verschenken Potenzial, abgesehen vom persönlichen Leid jedes einzelnen Schülers. Wichtig ist es, Gymnasien in Ganztagsschulen umzuwandeln", sagte Bos, der schon in den letzten Jahren das Lottospiel bei den Schulempfehlungen scharf krisitiert hatte.

Die insgesamt vorzeigbaren deutschen Iglu-Resultate offenbaren also auf den zweiten Blick ihre Tücken. Vorab wurden am Abend die Ergebnisse der neuen Pisa-Studie bekannt. Auch die deutschen 15-jährigen können sich demnach in ähnlich guter Form präsentieren wie die Grundschulzwerge. Bei Pisa liegt der Schwerpunkt diesmal auf den Naturwissenschaften.

Kummer und Sorgen kennen Deutschlands Kultusminister aus zwei Pisa-Studien gut. Sie setzen darauf, dass ihre Reformbemühungen etwa bei Ganztagsschulen, frühen Sprachtests und gemeinsam Bildungsstandards allmählich ihre Wirkung entfallen. Berlins Bildungssenator Jürgen Zöllner erklärte: "In Bildungspolitik kann nicht von heute auf morgen die Welt eine andere sein. Der Erfolg wird als erstes beim Erfolg von Iglu sichtbar."

Bundesbildungsministerin Annette Schavan frohlockte erst einmal über die Iglu-Studie: "Die Botschaft des Tages ist, dass wir die besten Schulen Europas haben", sagte sie.

Beispielaufgabe aus Iglu: Diesen Text sollen Viertklässler lesen und deuten können

Eine Aufgabe aus dem Iglu-Test 2007

Die Nächte der jungen Papageientaucher
(von Bruce McMillan)

Jedes Jahr besuchen schwarz-weiße Vögel mit orangefarbenen Schnäbeln die isländische Insel Heimaey. Diese Vögel heißen Papageientaucher. Wegen ihrer bunten Schnäbel und schwerfälligen Bewegungen sind sie als die "Clowns der Meere" bekannt. Besonders beim Starten und Landen fliegen die Papageientaucher sehr ungeschickt, weil sie untersetzte Körper und kurze Flügel haben.

Hella wohnt auf der Insel Heimaey. Jeden Tag sucht sie den Himmel ab. Während sie von einer Klippe über dem Meer aus den Himmel beobachtet, entdeckt sie den ersten Papageientaucher der Saison.

Sie flüstert liese: "Lundi", das heißt auf Isländisch 'Papageientaucher'.

Bald ist der ganze Himmel von ihnen bedeckt - Papageientaucher, überall Papageientaucher. Sie kommen gerade von hoher See zurück, wo sie den Winter verbracht haben. Nun kehren sie zurück zu Hellas Insel und zu den benachbarten unbewohnten Inseln, um Eier zu legen und ihre Küken aufzuziehen. Die "Clowns der Meere" suchen jedes Jahr dieselben Nisthöhlen auf. Sonst kommen sie überhaupt nicht an Land.

Hella und ihre Freunde klettern über die Klippen, um die Vögel zu beobachten. Sie sehen, wie Männchen und Weibchen ihre Schnäbel aneinander tip-tip-tippen. Jedes Pärchen wird bald ein Ei tief in den Klippen ausbrüten. Wenn die Küken geschlüpft sind, werden die Eltern Fisch nach Hause bringen, um sie damit zu füttern. Jedes Küken wird zu einem Jungvogel heranwachsen. Wenn die Jungen ihre ersten Flugversuche unternehmen, sind die Nächte der jungen Papageientaucher gekommen. Obwohl bis dahin noch viele Wochen vergehen werden, denkt Hella schon jetzt daran, ein paar Pappkartons vorzubereiten.

Den ganzen Sommer über fischen die erwachsenen Papageientaucher und sorgen für ihre Küken. Im August sind die Nisthöhlen von Blumen bedeckt. Wenn die Blumen in voller Blüte stehen, weiß Hella, dass das Warten auf die Nächte der jungen Papageientaucher nun ein Ende hat.

Die Küken sind in ihren versteckten Nestern zu Jungvögeln herangewachsen. Jetzt ist es Zeit für Hella und ihre Freunde, ihre Pappkartons und Taschenlampen für die Nächte der jungen Papageientaucher bereit zu halten. Heute Nacht geht es los. Während der nächsten beiden Wochen werden die Jungvögel die Inseln verlassen, um den Winter auf hoher See zu verbringen.

Im Dunkel der Nacht verlassen die Jungvögel ihre Nisthöhlen und versuchen zum ersten Mal zu fliegen. Von den hohen Klippen aus flattern sie los, aber sie kommen noch nicht weit. Die meisten plumpsen unversehrt ins Meer. Aber einige lassen sich vom Lichtschein des Dorfes verwirren - vielleicht halten sie ihn für Mondlicht, das sich auf dem Wasser spiegelt. Jede Nacht machen Hunderte von jungen Papageientauchern eine Bruchlandung im Dorf. Vom Boden aus können sie nicht losfliegen, und so laufen sie umher und versuchen sich zu verstecken.

Hella und ihre Freund verbringen nun jede Nacht damit, nach den gestrandeten Jungvögeln zu suchen. Aber die Hunde und Katzen des Dorfes sind ebenfalls auf der Suche. Selbst wenn die Katzen und Hunde sie nicht zu fassen kriegen, können die jungen Papageientaucher von Autos oder Lastwagen überfahren werden. Die Kinder müssen die verirrten jungen Papageientaucher unbedingt als erste finden! Um zehn Uhr abends sind alle Kinder auf den Straßen von Heimaey unterwegs.

Hella und ihre Freunde beeilen sich, die Jungvögel zu retten. Mit Taschenlampen bewaffnet, ziehen sie durchs Dorf und schauen in alle dunklen Ecken. Hella entdeckt einen Jungvogel. Sie rennt hinter ihm her, schnappt ihn und setzt ihn sicher in einen Pappkarton.

Zwei Wochen lang schlafen die Kinder von Heimaey morgens lange aus, damit sie nachts noch unterwegs sein können. Sie retten tausende von jungen Papageientauchern.

Sie nehmen die geretteten Jungvögel für die Nacht mit nach Hause. Am nächsten Tag gehen sie mit Kisten voller junger Papageientaucher hinunter zum Strand.

Nun ist es Zeit, die Vögel freizulassen. Hella lässt als erste einen frei. Sie hält ihn ganz hoch, damit er sich daran gewöhnen kann, mit den Flügeln zu schlagen. Sie hält ihn vorsichtig in beiden Händen, holt dann ein wenig Schwung und wirft ihn weit über das Wasser. Der junge Papageientaucher flattert ein Stück weit und plumpst dann unversehrt ins Wasser.

Tag für Tag paddeln Hellas Jungvögel davon, bis die Nächte der jungen Papageientaucher für dieses Jahr vorbei sind. Hella sieht den letzten kleinen und großen Papageientauchern nach, wie sie sich aufmachen, um den Winter auf See zu verbringen, und verabschiedet sich von ihnen bis zum nächsten Frühling. Sie wünscht ihnen eine gute Reise und ruft ihnen hinterher: "Auf Wiedersehen!"

Die Aufgaben

1. Warum sind Papageientaucher beim Starten und Landen so ungeschickt?

Weil es in ihrer Umgebung nur Eis und Schnee gibt. Weil sie fast nie an Land kommen. Weil sie sich fast immer auf den hohen Klippen aufhalten. Weil sie untersetzte Körper und kurze Flügel haben.

2. Wo verbringen die Papageientaucher den Winter?

In den Klippen Am Strand Auf hoher See Auf dem Eis

3. Weshalb kommen die Papageientaucher zur Insel?

Um gerettet zu werden Um nach Nahrung zu suchen Um Eier zu legen Um fliegen zu lernen

4. Woher weiß Hella, dass die Jungvögel nun bald fliegen werden?

Die Eltern bringen ihnen Fisch. Die Blumen stehen in voller Blüte. Die Küken werden versteckt. Der Sommer hat gerade angefangen.

5. Was geschieht in den Nächten der jungen Papageientaucher?

Männchen und Weibchen tip-tip-tippen ihre Schnäbel aneinander. Die jungen Papageientaucher versuchen zum ersten Mal zu fliegen. Die Küken schlüpfen aus den Eiern. Die jungen Papageientaucher kommen von hoher See an Land.

6. Was könnten die Leute aus dem Dorf tun, um zu verhindern, dass die Jungvögel versehentlich dort landen?

Das Licht ausmachen. Pappkartons bereithalten. Katzen und Hunde einsperren. Mit ihren Taschenlampen in den Himmel leuchten.

7. Erkläre, wie Hella ihre Taschenlampe benutzt, um die jungen Papageientaucher zu retten.

8. Erkläre, wie Hella die Pappkartons benutzt, um die jungen Papageientaucher zu retten.

9. Welche der folgenden Gefahren für junge Papageientaucher wird im Text angesprochen?

Sie können ertrinken, wenn sie im Meer landen. Sie können sich in den Nisthöhlen verirren. Sie bekommen vielleicht nicht genug Fisch von ihren Eltern. Sie können von Autos und Lastwagen überfahren werden.

10. Warum muss es Tag sein, wenn die Kinder die jungen Papageientaucher freilassen? Benutze Informationen aus dem Text, um das zu erklären.

11. Was tun die jungen Papageientaucher, nachdem Hella und ihre Freunde sie freigelassen haben?

Sie laufen über den Strand. Sie fliegen von der Klippe hinunter. Sie verstecken sich im Dorf. Sie schwimmen im Meer.

12. Schreibe zwei verschiedene Gefühle auf, die Hella vielleicht hat, nachdem sie die jungen Papageientaucher freigelassen hat. Erkläre, weshalb sie jedes dieser Gefühle haben könnte.

13. Würdest du auch gerne mit Hella und ihren Freunden junge Papageientaucher retten? Benutze für deine Erklärung das, was du im Text gelesen hast.


Quiz für Knirpse: Beispielaufgaben aus Iglu 2003

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