Iglu-Studie Deutschland dankt den Knirpsen

Die deutschen Grundschüler haben beim internationalen Iglu-Schultest passable bis gute Noten erhalten und schneiden weit besser ab als die 15-Jährigen, die sich bei Pisa blamierten. Die Probleme beginnen offenbar erst nach der vierten Klasse - jetzt gerät die frühe Auslese der deutschen Schüler auf den Prüfstand.

Von


Iglu-Studie: Diesmal keine Blamage

Iglu-Studie: Diesmal keine Blamage

Das Jahr 2002 wurde nach Veröffentlichung der desaströsen Pisa-Ergebnisse zum Annus horribilis für deutsche Lehrer und Bildungspolitiker. Jetzt dürfen sie endlich einmal ein durchweg positives Leistungsbild bei einem Schultest genießen: Die Internationalen Grundschul-Lese-Untersuchung (Iglu) zeige ein "überraschend erfreuliches Ergebnis", sagte Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn, als sie am Dienstagnachmittag die Studie gemeinsam mit der Kultusministerkonferenz in Berlin vorstellte.

Den Grundschullehrern sei ein gutes Zeugnis ausgestellt worden, sagte die SPD-Politikerin. Iglu bekräftige aber auch, dass Deutschland ein "ungerechtes Schulsystem" habe. "Es stellt sich die Frage, ob die Aufteilung auf die verschiedenen Schulformen nach der vierten Klasse sinnvoll ist."

Iglu-Ergebnisse: Platz im vorderen Mittelefled
DDP

Iglu-Ergebnisse: Platz im vorderen Mittelefled

Bereits vor der offiziellen Veröffentlichung der Ergebnisse war durchgesickert, dass Schweden, Niederlande und Großbritannien das Spitzentrio mit auffällig hohen Leistungen bilden. Die deutschen Grundschüler liegen beim Lesetest auf Platz 11 unter 25 Nationen, etwa gleichauf mit Gleichaltrigen unter anderem in Bulgarien, Lettland, Kanada, USA und Italien.

Sie erreichen ein Kompetenzniveau, das einem Vergleich mit europäischen Nachbarländern standhalten kann - nicht nur eine kleine Gruppe, sondern ein recht großer Teil der Schülerschaft. Damit schneiden die deutschen Zehnjährigen deutlich besser ab als die 15-jährigen Schüler beim internationalen Vergleichstest Pisa.

Soziale Schieflage setzt sich fort

Zusätzlich zum Lesen nahmen deutsche Viertklässler auch an Tests in Mathematik und den Naturwissenschaften teil. In Sachkunde sind die deutschen Grundschüler besonders gut und liegen im oberen Drittel des Ländervergleichs. Im Rechnen erhalten sie nicht ganz so gute Noten, rangieren aber immer noch deutlich über dem Mittelwert.

Entwarnung geben die deutschen Iglu-Forscher um den Hamburger Professor Wilfried Bos dennoch nicht. "Trotz Bildungsexpansion, kostenlosem Schulbesuch und ständiger Bemühungen der im Bildungssystem Beschäftigten gibt es auch in Deutschland Schülerinnen und Schüler, die nicht die Bildungsziele erreichen, die notwendig sind, um sich in der heutigen Gesellschaft zurechtzufinden und sich selbständig weiter zu entwickeln", heißt es in der Untersuchung.

Problematisch sei die Situation vor allem für Kinder aus Familien mit Migrationshintergrund, immerhin jeder fünfte Schüler. Der "Ausgleich sozialer Disparitäten" bleibe in der Grundschule ein "bildungspolitische Aufgabe von zentraler Bedeutung". Denn was dort nicht gelinge, lasse sich offenbar auf der Ebene der Sekundarstufe I nicht mehr kompensieren, sondern verschärfe sich noch.

Ministerin Bulmahn: "Ungerechtes Schulsystem"
DPA

Ministerin Bulmahn: "Ungerechtes Schulsystem"

Kurzum: Wer schon in der Grundschule abgehängt wird, findet meist auch in höheren Klassenstufen den Anschluss nicht mehr. Anders als in anderen Staaten werde das gute naturwissenschaftliche Potenzial der Viertklässler in der Sekundarstufe nicht ausgebaut, sagte Bildungsministerin Bulmahn: "Die Sekundarstufe verschärft in dramatischer Weise die Schwächen und schlechten Voraussetzungen von Kindern."

Zudem zeigt die Iglu-Studie auch, dass keineswegs nur die Leistungsfähigkeit der Schüler bei der Schulempfehlung zählt, sondern dass soziale Faktoren dabei eine große Rolle spielen. So erhalten bei gleicher Kompetenz 40 Prozent der Kinder eine Empfehlung für die Realschule, 33 Prozent für das Gymnasium und 22 Prozent für die Hauptschule. Bulmahn sprach von einer "himmelschreienden Ungerechtigkeit".

Ist längere Grundschulzeit die Lösung?

Die Ministerin bekräftigte ihre Forderung nach schulformübergreifenden Bildungsstandards und einer besseren Lehrerausbildung. Zugleich übte sie Grundsatzkritik: "Man muss feststellen, dass unser dreigliedriges Schulsystem nicht die Leistungen wie das anderer Länder, zum Beispiel Schweden oder Finnland, erbringt." Bulmahn erneuerte ihr Angebot an die Länder zum Aufbau einer nationalen Bildungsagentur.

Lehrer: Leisten in Grundschulen offenbar gute Arbeit
DPA

Lehrer: Leisten in Grundschulen offenbar gute Arbeit

Unterdessen forderte Eva-Maria Stange, Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), eine längere Grundschulzeit. "Längeres gemeinsames Lernen über die Klasse 4 hinaus, das wäre sicherlich ein Erfolgsrezept", sagte Stange in einem Radiointerview.

Die Grünen sehen die "Reform an der Grundschule als Blaupause für die Erneuerung unseres Schulsystems", weil den Grundschullehrern ein offenerer Unterricht mit Freiarbeit und Gruppenphasen gelinge. "Das gute Abschneiden der deutschen Grundschulen könnte bedeuten, dass die Probleme an unseren Schulen erst mit der Selektion ab Klasse 5 beginnen", sagte Grietje Bettin, bildungspolitische Sprecherin der Grünen. Einige unionsregierte Länder haben allerdings bereits bekräftigt, dass sie am traditionellen dreigliedrigen Schulsystem festhalten wollen.



© SPIEGEL ONLINE 2003
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.