Iglu-Test In den Grundschulen ist die Welt noch in Ordnung

Bei der Iglu-Studie schnitten deutsche Viertklässler nicht nur im Lesen, sondern auch in Mathematik ordentlich ab. Die durch das Pisa-Fiasko gebeutelten Bildungspolitiker atmen auf, und manche fordern bereits eine längere gemeinsame Schulzeit anstelle früher Selektion.

Auch in Mathematik und Naturwissenschaften sammelten deutsche Grundschüler offenbar vorzeigbare Noten. Die Internationale Grundschul-Lese-Untersuchung wird offiziell zwar erst am Dienstag in Berlin und Boston präsentiert, doch erste Ergebnisse sickerten bereits letzte Woche durch. Demnach schafften deutsche Viertklässler bei der Lesekompetenz den 11. Rang von insgesamt 35 Nationen. Und nach einem Bericht der Zeitschrift "Focus" sieht es bei der Ergänzungsstudie Iglu/E für Mathematik und Naturwissenschaften ganz ähnlich aus: Sie liegen ebenfalls über dem von den Forschern berechneten Durchschnittswert und erreichten einen Platz im vorderen Mittelfeld.

Zudem fallen die Leistungsunterschiede zwischen den besten und schlechtesten Schülern eher gering aus - obwohl Deutschland weniger Geld in die Grundschulen investiert als die meisten anderen Länder und die Lehrer größere Klassen unterrichten müssen. Überdies ist die Hälfte der Lehrer älter als 50 Jahre. Aber offenbar sind sie hoch motiviert: Nach einer Umfrage der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft schneiden die Grundschulen im Urteil der Eltern hervorragend ab und stoßen auf hohe Akzeptanz. Die meisten Eltern gaben an, ihre Kinder gingen gern zur Grundschule und seien dort weder über- noch unterfordert.

Nach dem Schock der miserablen Ergebnisse für die 15-jährigen Schüler aus Deutschland beim Pisa-Vergleich (nur Rang 21) atmen Bildungspolitiker auf, dass wenigstens die Knirpse zur Ehrenrettung beitragen. Insgesamt 147.000 Schüler aus 35 Staaten hatten sich an Iglu beteiligt; auch Eltern, Lehrer und Schulleiter wurden befragt.

In Deutschland füllten rund 10.000 Neun- und Zehnjährige von 245 Schulen die Fragebögen aus und gaben zusätzlich Auskunft über ihre Lesegewohnheiten. Und hatten sogar "großes Vergnügen an der Testsituation", wie Wilfried Bos, Leiter des Iglu-Projekts in Deutschland, berichtete: "Der Test hat Riesenspaß gemacht", habe zum Beispiel ein Kind in krakeliger Schrift dazu geschrieben.

Einen Bundesländer-Vergleich wie bei Pisa wird es allerdings nicht geben - wie "Focus" meldet, scheiterte das für den Herbst geplante Ranking an der schwachen Datenlage, weil neun der 16 Länder den Zusatztest verweigerten.

Schon vor der Veröffentlichung der Iglu-Studie ist eine Debatte über die künftige Schulstruktur entbrannt. "Nach den bereits bekannt gewordenen Ergebnissen werden die Kinder noch international wettbewerbsfähig an den Toren der Sekundarstufe abgeliefert", sagte der Essener Bildungsforscher Klaus Klemm. Die Grundschule sei offenbar "nicht die Hauptbaustelle im deutschen Schulsystem, die Probleme liegen im Sekundarbereich und damit nach der Aufteilung der Schüler auf die verschiedenen Schulformen".

Tatsächlich werden deutsche Schüler im internationalen Vergleich auffällig früh getrennt: Das Ende des vierten Schuljahres bedeutet eine Zäsur, die Kinder werden auf die verschiedenen Schulformen verteilt. Nirgends ist die gemeinsame Schulzeit kürzer als in Deutschland und Österreich. Bei den Iglu-Siegern Großbritannien und Schweden beispielsweise sind die Jugendlichen bereits 16 Jahre alt, wenn sie auf eine weiterführende Schule wechseln.

Klaus Klemm empfiehlt deshalb sogar, die gemeinsame Schulzeit aller Kinder in Deutschland von vier auf neun bis zehn Jahre auszudehnen. Eine achtjährige Regelschule regte Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn an und kritisierte die frühe Selektion. Die Folge sei, dass "viele Hauptschüler nichts in den Hauptschulen zu suchen haben, genau wie viele Gymnasiasten nicht ins Gymnasium gehören", so die SPD-Politikerin.

Unterdessen plädierte die FDP-Bundestagsabgeordnete Ulrike Flach für eine zweijährige Orientierungsstufe mit gezielter Förderung nach der Grundschule, während die bayerische Kultusministerin Monika Hohlmeier (CSU) eine längere Grundschulzeit ablehnte und auf "klare Leistungskriterien nach Klasse vier" setzt.

Die kuriose Folge der Iglu-Studie: Bildungspolitisch galten Orientierungsstufe und Gesamtschule als Ladenhüter, als Auslaufmodell und Relikt der sozialdemokratischen Reformeuphorie der siebziger Jahre - und nun sorgen die überdurchschnittlichen Ergebnisse der Grundschüler für eine Neuauflage der Debatte.

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