Jung und schwul in England Sag es mit einem langen Kuss

Auch in England ist "schwul" für Schüler ein Schimpfwort, jeder zweite homosexuelle Jugendliche leidet unter Angriffen von Gleichaltrigen. Kein Wunder, dass Jay Singh, 19, sich lange nicht outete. Doch dann küsste er beim Schulfest einen Freund.

DPA

Er wirkt wie ein selbstbewusster junger Mann. Jay Singh, 19, interessiert sich für Mode, hat die Haare hochgestylt, trägt Sonnenbrille, ein betont legeres T-Shirt. Als Schüler fing er an, in der Modebranche zu jobben, schon vor dem Abitur hat er sich als Stylist einen Namen gemacht und bekam Angebote aus London. Dass er schwul ist, weiß Jay schon lange, und in der Modebranche sei sein Schwulsein sogar förderlich, findet er. Richtig glücklich sei er darüber aber nicht.

Jay lebt in der ehemaligen Autostadt Coventry in der Mitte Englands. In Großbritannien werden viele Jugendliche wegen ihrer Homosexualität noch immer angegriffen und gehänselt. Jays Coming-out etwa war alles andere als einfach - entgegen der landläufigen Meinung, dass Schwule und Lesben nicht mehr stigmatisiert werden.

Gehemmt habe ihn zusätzlich sein familiärer Hintergrund: Sein Vater und seine Mutter wanderten aus Indien nach England ein, sagt Jay. Seine Eltern seien westlich und modern. "Aber da kommen sie einfach nicht mit." Insgeheim würden sie wohl hoffen, dass es nur eine Phase ist. "Sie wollen den vielen Verwandten natürlich nicht erklären müssen, dass ihr einziger Sohn Männer liebt und keine Frauen."

Fotostrecke

8  Bilder
Einmal um die Welt: So leben Jugendliche

Auch auf seiner Schule war es nicht einfach: Er habe seine Homosexualität so lange wie möglich geheim gehalten, um sich Ärger zu ersparen, sagt Jay. Er habe miterlebt, wie ein Freund, der sich outete, fertiggemacht wurde; Lehrer und Schulleitung seien nicht eingeschritten. Das habe ihn abgeschreckt. "Da überlegt man es sich schon zweimal", sagt Jay.

Nach der jüngsten Studie der britischen Schwulen- und Lesbenorganisation Stonewall aus dem vergangenen Jahr werden 55 Prozent der jungen homosexuellen Jugendlichen in Großbritannien gemobbt. "Das sind zehn Prozent weniger als bei der letzten Studie 2007, aber immer noch bedenklich hohe Zahlen", sagt Stonewall-Sprecher James Lawrence.

Und während die gesellschaftliche Toleranz zunehme, bleibe "schwul" auf dem Schulhof nach wie vor ein Schimpfwort. An Schulen, an denen Ausdrücke wie "Schwuchtel" oder "Kampflesbe" sehr verbreitet sind, steige der Anteil der gemobbten homosexuellen Schülerinnen und Schüler auf 68 Prozent. Mehr als die Hälfte wage es nicht, sich bei Lehrern oder der Schulleitung zu beschweren - auch aus Angst, alles noch schlimmer zu machen.

Ein Kuss, und die Welt ging nicht unter

Dabei versucht auch die Regierung, für mehr Toleranz zu werben: "Mobbing von schwulen und lesbischen Jugendlichen ist unzumutbar. Kein Kind sollte damit leben müssen, weder in der Schule noch außerhalb", sagt ein Sprecher des Bildungsministeriums in London. Jede Schule müsse Maßnahmen ergreifen, um Mobbing auszuschließen. Das Bildungsministerium arbeitet mit Stonewall und der Anti-Mobbing-Organisation Each (Educational Action Challenging Homophobia) zusammen, um gemeinsam mit Rektoren und Lehrern gegen Mobbing an Schulen anzugehen.

So sollen Lehrer beispielsweise Strategien einüben, wie sie im Schulalltag gegen Vorurteile angehen können. Zudem diskutieren sie mit ihren Schülern über die Wörter "schwul", "lesbisch" oder "bi". Für einen Moment hätten die Schüler eine Vorstellung davon, was es heißt, anders zu sein, sagt Each-Direktor Jonathan Charlesworth.

Jay outete sich Stück für Stück: Erst sagte er es einem Freund, dann einem anderen. An der Schule fand er auch in einer lesbischen Mitschülerin eine Stütze. Nach und nach fand er eine neue Clique, in der er sich aufgehoben fühlte, wie er sagt. Und irgendwann auf einem Schulfest küsste er einen Freund. "Die Welt ist nicht untergegangen. Aber ich war nun auch so weit, damit umzugehen", sagt Jay. Nun zieht er zu einem Studium des Modemarketing nach London. Er freue sich auf die Herausforderung, sagt er, und er möchte Erfolg haben. Auch um anderen jungen schwulen Männern indischen Ursprungs in Zukunft ihr Coming-out zu erleichtern.


Michael Godehardt
Lesen Sie mehr zum Thema Outing bei Jugendlichen

Charleen lässt es raus: Bei der CSD-Parade 2010 in Düsseldorf zeigte die damals 17-Jährige bunte Flagge. Dem SchulSPIEGEL erzählte sie, wie es dazu kam, wie sie sich in ihre erste Freundin verliebte und was ihre Mitschüler sagten. mehr...


Thomas Cronenberg/dpa/fln

insgesamt 7 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
BlogBlab 16.10.2013
1. Vorbildliche Programme gegen Homophobie
Zitat von sysopDPAAuch in England ist "schwul" für Schüler ein Schimpfwort, jeder zweite homosexuelle Jugendliche leidet unter Angriffen von Gleichaltrigen. Kein Wunder, dass Jay Singh, 19, sich lange nicht outete. Doch dann küsste er beim Schulfest einen Freund. http://www.spiegel.de/schulspiegel/ausland/in-england-werden-viele-schwule-und-lesbische-jugendliche-gemobbt-a-926787.html
Das dürfte in Deutschland ähnlich sein. Die vom britischen Bildungsministerium eingeführten Programme zur Bekämpfung der Homophobie an den Schulen ist vorbildlich und sollte auch hierzulande flächendeckend umgesetzt werden. Es wird stattdessen immer noch das Hauptaugenmerk auf die Ausländerfeindlichkeit gelenkt, obwohl diese hier viel weniger verbreitet ist als die Homophobie, denn an Deutschlands Schulen wird nicht jeder zweite Schüler mit Migrationshintergrund wegen seiner Herkunft gemobbt.
danielheidelberg 16.10.2013
2. Absurd
Abgesehen davon dass dein Beitrag fremdenfeindlich ist, ist er auch hoechst unlogisch. Deine Aussage lautet: Auslaender benehmen sich daneben und deswegen bemueht sich die Gesellschaft dort eher um den Abbau von Diskriminierung. Man wuerde eher das Gegenteil erwarten. Aber, wie gesagt: Deine Argumentation ist vollkommen absurd und diente wohl auch keinem anderen Zweck als ueber Auslaender zu hetzen.
wincel 16.10.2013
3.
Sorry Danielheidelberg, vielleicht noch mal genauer lesen, was BlogBlab geschrieben hat, die Reaktion ging ja wohl voellig am Kommentar vorbei. o.O
sternfeldthommy 16.10.2013
4. nur noch peinlich
...herzlich willkommen im 21.Jahrhundert... oder eher..in der Steinzeit? was sind das für armselige Kreaturen, die scheinbar ausserstande sind, Menschen so leben zu lassen, wie sie das für richtig empfinden. Was sind das für Schulen ???? Was sind das für Lehrer ??? Was sind das wohl für unfähige Versagereltern, die ihren Kindern nicht ein Mindestmaß an Toleranz und Respekt beibringen können ??? Man möchte nur noch kotzen !
nadelix 16.10.2013
5. Verwexelt?
Zitat von wincelSorry Danielheidelberg, vielleicht noch mal genauer lesen, was BlogBlab geschrieben hat, die Reaktion ging ja wohl voellig am Kommentar vorbei. o.O
Danielheidelberg bezog sich nicht auf BloBlab, sondern auf einen - inzwischen vermutlich gelöschten - Beitrag von Cosmic303
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.