Unterricht beim Spitzenkoch Obsttörtchen plus Lebenshilfe

Schmecken soll's und nicht viel kosten: Ein Spitzenkoch bringt Kindern in einem heruntergekommenen Duisburger Stadtteil bei, sich für wenig Geld ein leckeres Essen zu machen. Und Kochen ist nicht das Einzige, was man bei ihm lernen kann.

dapd

Das Haus wirkt heruntergekommen, einige der blauen Kacheln an der Fassade sind gerissen. Vor den großen Fenstern machen Drogendealer ihre Geschäfte, manchmal prügeln sich Jungen. Dass sich einmal ein Spitzenkoch hierher verirren würde, hätte wohl kaum jemand erwartet. Doch Tom Waschat, 44, ist gekommen. Seit über drei Jahren führt er in Duisburg-Bruckhausen eine kleine Kochschule, in der er seinen Gästen kostenlos beibringt, wie sich auch mit wenig Geld ein leckeres Essen machen lässt.

"Als ich hier angefangen haben, dachten die Leute im Viertel zuerst, ich wäre ein Undercover-Agent", erinnert sich Waschat und lacht. Muslimische Väter beäugten ihn kritisch, wenn er seine Töchter unterrichtete. "Sie liefen vor meinen Fenstern auf und ab und schauten immer wieder herein." Doch von dem Misstrauen ist wenig übriggeblieben. Heute kommen die Menschen aus der Gegend nicht nur mit Küchenfragen zu Waschat. Auch in Alltagsdingen ist er ihr Berater geworden.

"Sie kommen zum Beispiel mit Behördenformularen, wenn sie nicht weiterwissen", sagt der Koch. Er rät Müttern, wie sie mit ihrem Geld umgehen sollen und sagt ihnen dabei auch, dass sie kein schlechtes Gewissen haben sollen, wenn sie nicht frisch kochen. Wichtiger sei es, mit dem Geld auszukommen. Und dass sie ihren Kindern vorlesen und Wärme geben. Kindern bringt er beim Kochen spielerisch das Rechnen bei. Wenn einer keine Pflaumen mag, muss er bei jeder falschen Antwort eine essen. "Was meinst du, wie schnell er das dann im Kopf hat", sagt Waschat.

Zum Geldverdienen in Spitzenrestaurants

Die Viertklässlerin Esra kommt regelmäßig zu Waschats Kochstunden. "Ich habe schon früher zu Hause gebacken, aber jetzt kann ich es ganz alleine", sagt sie und lächelt. Cihad hingegen hat sich früher nie in die Küche verirrt, doch das hat sich geändert: Inzwischen beglückt er die ganze Familie mit dem, was er bei Waschat lernt. Ebenso wie Maik: "Alles, was ich hier koche, koche ich auch zu Hause", berichtet der Junge stolz.

Für die sechs Jungen und zwei Mädchen der Koch-AG der Grundschule Bruckhausen sei der Besuch in Tom Waschats Küche das Highlight der Woche, sagt Lehrerin Irina Androshchuk. "Die Kinder lachen die ganzen anderthalb Stunden hier." Heute steht Gebäck mit Eischnee und Früchten auf dem Programm, und etwas über Kräuter lernen die jungen Besucher auch.

Waschat lädt derzeit vor allem Kinder ein, ehrenamtlich zweimal pro Woche, mehr lässt seine Zeit nicht zu. "Ich muss halt auch Geld verdienen", sagt er und fügt fast entschuldigend hinzu: "Ich habe vier Kinder." An vier Tagen pro Woche fährt er daher nach Münster, wo er als Küchendirektor mehrere hoch angesehene Häuser betreut. Von mittags bis nach Mitternacht dauert sein Arbeitstag.

Er will Kindern eine Idee geben, wie etwas schmecken soll

Auch in Bruckhausen kann er sich kaum ausruhen. "Es ist anstrengend, wenn die Kinder da sind, weil man immer aufpassen muss, dass nichts passiert", sagt Waschat. Die Kochschule wird durch Spenden am Leben gehalten. "Manchmal merke ich am 15. eines Monats, dass noch nicht genug Spenden da sind." Dann werde ihm schon ein wenig mulmig.

Ob er es schon einmal bereut hat, seine Kochschule gegründet zu haben? Waschat überlegt, seine Augen streifen ein kleines Bild an der Wand. "Wie bin ich nur in diese Scheiße geraten?", steht dort in schnörkeliger Schrift. Waschat lacht. Nein, sagt er. Die Arbeit mit den Kindern mache unheimlichen Spaß. "Die Kinder sollen eine Idee davon bekommen, wie etwas schmecken soll", sagt er. Selbstgemachtes sei nicht nur leckerer, sondern oft auch gesünder als Fertigessen.

Und wenn die Kinder nach Hause gehen, haben sie wieder ein Rezept gelernt, das man auch für wenig Geld umsetzen kann. Das sei der Unterschied zu den vielen Kochsendungen im Fernsehen, sagt Waschat. "Was dort gemacht wird, ist Kochen für reiche Leute. Was wir machen, kann jeder nachkochen."

Von Tonia Haag, dapd / son



insgesamt 4 Beiträge
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autocrator 27.03.2012
1. Nur so
Nur so geht's! Und genau hierfür sollten öffentliche Gelder gebraucht werden! Lehrt die Kinder und helft den Armen! Hier müssen Sozialarbeiter, freiwillige Helfer, ein Förderverein, ein Beauftragter des Sozial-/Familien-amtes, eine Stiftung mit Kapital und Gelder aus sicher bereitstehenden Fördertöpfen her!
Nemetz 28.03.2012
2. jomei,
Zitat von sysopdapdSchmecken soll's und nicht viel kosten: Ein Spitzenkoch bringt Kindern in einem heruntergekommenen Duisburger Stadtteil bei, sich für wenig Geld ein leckeres Essen zu machen. Und Kochen ist nicht das Einzige, was man bei ihm lernen kann. http://www.spiegel.de/schulspiegel/0,1518,822285,00.html
"Spitzenkoch in Duisburg", SPON you make me laugh! In ganz, GANZ Germanien gibt es einen einzigen international anerkannten Ultrakoch, der heisst Harald W. und residiert in Baiersbronn. Und nicht im abgefuckten Duisburg.
Neualt68er 28.03.2012
3. Gut kochen - gesund leben!
Zitat von autocratorNur so geht's! Und genau hierfür sollten öffentliche Gelder gebraucht werden! Lehrt die Kinder und helft den Armen! Hier müssen Sozialarbeiter, freiwillige Helfer, ein Förderverein, ein Beauftragter des Sozial-/Familien-amtes, eine Stiftung mit Kapital und Gelder aus sicher bereitstehenden Fördertöpfen her!
Neualt68er 28.03.2012
4. Gut kochen - gesund leben!
Zitat von autocratorNur so geht's! Und genau hierfür sollten öffentliche Gelder gebraucht werden! Lehrt die Kinder und helft den Armen! Hier müssen Sozialarbeiter, freiwillige Helfer, ein Förderverein, ein Beauftragter des Sozial-/Familien-amtes, eine Stiftung mit Kapital und Gelder aus sicher bereitstehenden Fördertöpfen her!
Preiswert kann auch sehr gut kochen sein! Und vor allem Lebenshilfe wird hier erbracht! Wenn wir gleichzeitig die Familien sprengen, egal ob Hausmann oder Hausfrau - wird die Motivation der jungen Menschen zum sinnvollen Gestalten, und zur Übernahme von manchmal unangenehmen Pflichten nicht steigen! Komischerweise kenne ich kaum Kinder, die unter sinnvoller, sprich für Sie nachvollziehbarer, Anleitung, auch mit strengen Grenzen, sich nicht voll einbringen! Emanzipation mal anders, im Sinne unserer Jugend! DANKE!
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