In Uniform zur Schule Fischen im Loch Ness der Bildungspolitik

Unter Bildungspolitikern kommt die Forderung nach Schuluniformen in Mode. Elternvertreter indes halten das nicht für den letzten Schrei, und eine FDP-Politikerin erinnert die seltsame Debatte gar an ein schottisches Seeungeheuer.


Schuluniformen (Realschule in Herkenrath): Schwarze Jacken, weiße Hemden, identische Jeans
DDP

Schuluniformen (Realschule in Herkenrath): Schwarze Jacken, weiße Hemden, identische Jeans

Berlin - Die Sommerferien neigen sich in einer Reihe von Bundesländern ihrem Ende entgegen. Manche Schüler dürften sich - mehr als auf den neuen Lernstoff - auf das Vorführen neuer Klamotten freuen, um damit die Klassenkameraden zu beeindrucken. Dem will Katherina Reiche, bildungspolitische Sprecherin der Unions-Fraktion, ein Ende setzen. Sie forderte am Dienstag die Einführung einer einheitlichen Schulkleidung.

Schuluniformen "lenken die Aufmerksamkeit wieder auf den Unterricht, vermitteln ein Gefühl der Zusammengehörigkeit und bringen Eltern wie Kindern soziale Entlastung", schrieb die CDU-Politikerin in einem Beitrag für die "Rhein-Zeitung".

Zuvor hatten sich bereits der Berliner Bildungssenator Klaus Böger ("Eine einheitliche Schulkleidung finde ich gut und vernünftig") sowie sein Bremer Kollege Willi Lemke für Schuluniformen ausgesprochen. Lemke hatte das Sommerloch genutzt, um via "Bild-Zeitung" eine "Anstandsoffensive" zu starten und unter anderem die "Sexbomben an unseren Schulen" kritisiert. "Wenn es einen Weg gäbe, wegzukommen von dieser Markenhysterie, würde ich das absolut gut finden", so Lemke.

Uniform-Fan Reiche: "Soziale Entlastung"
DDP

Uniform-Fan Reiche: "Soziale Entlastung"

Für Katherina Reiche hat indes Ulrike Flach, Vorsitzende des Bundestagsausschusses für Bildung und Forschung, hat dafür nur Spott übrig: Da habe die junge Kollegin wohl im "Loch Ness der Bildungspolitik" gefischt, aus dem regelmäßig in den Sommerferien die Schuluniform wie das berühmte Seeungeheuer "Nessie" auftauche.

Inhaltlich machte die FDP-Politikerin deutlich, dass sie Reiches Argumentation nicht für zu Ende gedacht hält. So wäre der soziale Druck auch bei Schuluniformen vorhanden: Erfahrungen aus anderen Ländern zeigten, dass es Schüler mit maßgeschneiderter Schulkleidung gebe, aber auch solche mit "Billiguniformen". Wo Reiche im Fehlen einer Uniform-Verordnung "falsch verstandene Liberalität" sehe, habe sie als Liberale "zutiefst Bauchschmerzen" - mit einer staatlichen Verfügung, wonach Kinder in Uniformen zur Schule gehen müssten.

Versuch mit Uniform (in Wiesbaden): Nach einigen Monaten gescheitert
DPA

Versuch mit Uniform (in Wiesbaden): Nach einigen Monaten gescheitert

Renate Hendricks, Vorsitzende des Bundeselternrates, wünscht Reiche, dass ihr "mit zunehmender Lebenserfahrung inspiriertere Beiträge zur Bildungspolitik" gelingen. Derartige Ideen gingen schlicht "an der gesellschaftlichen Realität vorbei", stellte sie fest.

Die Aufgabe bestehe im Gegenteil von Vereinheitlichung - nämlich in der Förderung der Individualität der Schüler. Hendricks warnte auch deshalb vor einheitlicher Schulkleidung, weil die Kinder damit "nach Schulformen formatiert" sofort als Gymnasiast oder Hauptschüler erkennbar wären.

Thema verfehlt, sechs, setzen?

Ohnedies sei "Bildung keine Frage der Kleidung". Die Schüler müssten lernen, dass Unterschiedlichkeit nicht Wertigkeit ausdrücke. Ein wichtiger Bildungsauftrag an die Schulen sei es zu vermitteln, dass "nicht die Klamotten, sondern die Leistung zählt", betonte die Elternvertreterin.

Vorbild Großbritannien: Dort haben Uniformen Tradition
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Vorbild Großbritannien: Dort haben Uniformen Tradition

Renate Hendricks verwies zudem darauf, dass "monopolisierte Schuluniformen" teuer seien. Weniger gut verdienenden Eltern werde damit die Möglichkeit genommen, preisgünstige Kleidung für ihre Kinder einzukaufen.

Reichlich genervt reagierten Lehrerorganisationen. "Die bildungspolitische Sprecherin einer großen Bundestagsfraktion sollte sich mit den wirklich wichtigen Dingen befassen", rüffelte Josef Kraus, Vorsitzender des Deutschen Lehrerverbandes, die CDU-Politikerin. Er habe von Reiche beispielsweise "noch nichts gehört über Gewalt an den Schulen".

Ulf Rödde von der Lehrergewerkschaft GEW stellte fest: "Am meisten wäre den Schulen gedient, wenn man wieder über Schulthemen diskutieren würde statt über diese Randthemen. Die bringen uns nicht weiter." Einhellig vertraten die tendenziell linke GEW und der konservativere Lehrerverband die Auffassung, dass Schuluniformen das soziale Gefälle an Schulen nicht milderten.

"Das Modegeäffe sucht sich andere Kanäle"

"Soziale Gleichheit schafft man nicht, indem man alle gleich anzieht", sagte Rödde. Die Unterschiede würden spätestens hinterm Schultor wieder ersichtlich.

Auch Kraus betonte, mit Schuluniformen "kriegen wir den sozialen Druck nicht weg". Das "Modegeäffe" der Schüler suche sich dann eben andere Kanäle - Schuhe, Uhren, Schultaschen. Außerdem gebe es keine Sanktionsmöglichkeit, wenn sich Schüler weigerten, die Uniform zu tragen.

Das Kinderhilfswerk befragt derzeit im Internet die Betroffenen selbst. Eine Online-Erhebung unter www.kindersache.de hat bislang ein uneinheitliches Stimmungsbild ergeben. Bis Dienstagabend hatten sich genau 3964 Kinder beteiligt. 44 Prozent lehnten Schuluniformen ab, 34 Prozent waren für die Einführung, weitere 14 Prozent würden Uniform tragen, wenn diese "modisch" wäre. Das Kinderhilfswerk räumt aber ein, dass die Umfrage nicht repräsentativ sei.

Von Katharina Ugowski, ddp



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