Inklusion Stefans Odyssee

Schüler mit Förderbedarf haben unter bestimmten Umständen Anspruch auf einen Schulbegleiter. Doch viele Eltern - und Kommunen - sind verzweifelt: Es gibt kaum welche. Mitunter werden Kinder deshalb von der Schule ausgeschlossen.

Inklusiver Unterricht in einer fünften Klasse in Mannheim (Archivbild)
Uwe Anspach/ DPA

Inklusiver Unterricht in einer fünften Klasse in Mannheim (Archivbild)

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Stefan Meier* ist ein schlauer Junge. Der Siebenjährige kann schon multiplizieren und, seit er vier ist, lesen. Doch weil er Asperger-Autist ist, hat er große Probleme im Umgang mit anderen Menschen. Stefan kann deren Gestik und Mimik oft nicht deuten, ist stark auf seine Interessen fixiert und hat Angst vor Veränderungen. "Kommt es zu einer Reizüberflutung, etwa weil es sehr laut wird, droht im schlimmsten Fall ein Nervenzusammenbruch", sagt seine Mutter.

Wer Stefan kennenlernt, wie er sich bei großem Lärm die Ohren zuhält und dann in seiner Verzweiflung schrill das Schreien anfängt, kann ihn sich im ersten Moment kaum in einem überfüllten Klassenzimmer einer Grundschule oder gar auf dem Pausenhof vorstellen. Tatsächlich besuchte der Siebenjährige aus München wegen seiner Schwierigkeiten bislang einen heilpädagogischen Kindergarten. Wegen seiner hohen Intelligenz wollten ihn seine Eltern jedoch unbedingt in die normale Grundschule vor Ort schicken - und nicht in eine Förderschule.

Stefans Mutter Monika* überlegte deshalb gemeinsam mit der Schule und Stefans Psychologen, wie dessen Einschulung gelingen könne. Die Antwort war schnell klar: Der Junge braucht einen Schulbegleiter. Ein solcher Integrationshelfer hilft Kindern mit Behinderung oder Förderbedarf - in Stefans Fall etwa beim Umgang mit anderen Kindern oder wenn er überfordert ist. Droht eine Eskalation, kann der Begleiter mit ihm aus dem Klassenzimmer gehen, sodass der Autist den Unterricht nicht stört.

Mutter Monika war guter Dinge, als sie sich bereits ein Jahr vor der Einschulung auf die Suche nach einem Integrationshelfer machte. Doch dann erlebte sie nach eigener Aussage eine regelrechte Odyssee. Sie meldete ihn bei zahlreichen Schulbegleitdiensten an. "Doch viele haben nicht mal reagiert", erinnert sich Meier. Andere hatten keinen Platz. Sie habe große Angst gehabt, ob ihr Junge überhaupt die Schule besuchen könne, sagt sie.

Verzweifelte Eltern

Ein Problem: Viele Anbieter fangen oft gar nicht an zu suchen, wenn keine Finanzierungszusage des Jugendamts vorliegt - und die Bescheid-Erstellung dauert in München und vielen anderen Städten häufig mehrere Monate, mitunter sogar länger als ein halbes Jahr. Denn die Behörden kommen den steigenden Fallzahlen kaum noch hinterher.

Hauptursache für die Hängepartien vieler Eltern ist jedoch ein Mangel an Integrationshelfern. "Immer öfter haben Eltern zu Schulbeginn noch keinen Schulbegleiter"; sagt der Münchner Behindertenbeauftragte Oswald Utz. Die Dienste suchen händeringend Personal. Allein die Malteser hatten Ende September an der Isar noch mehr als 50 Kinder auf der Warteliste. Auch in anderen Teilen Bayerns berichten Jugendämter, Bezirke und Hilfsdienste von fehlenden Schulbegleitern. "Nicht wenige Kinder haben zu Schulbeginn noch keinen Schulbegleiter", sagt Simone Fleischmann, Präsidentin des Bayerischen Lehrerinnen- und Lehrerverbands (BLLV).

Auch außerhalb Bayerns schlagen Behindertenvertreter wie der Sozialverband VdK zunehmend Alarm wegen der immer schwerer werdenden Suche nach Integrationshelfern. Fälle, in denen bis zum Schuljahresanfang noch kein Schulbegleiter gefunden wurde, häufen sich, warnt auch Fabian Diekmann vom Selbsthilfeverband Autismus Deutschland. Es gebe sogar Eltern, die im Ausland nach Helfern suchten.

Viele Hilfskräfte ohne Fachausbildung

Besonders schlechte Chancen haben Eltern, die einen pädagogisch qualifizierten Integrationshelfer suchen. Der sei oft nicht zu finden, weiß Diekmann. Zum einen zahlen die Jugendhilfeträger oft zu wenig, damit die Begleitdienste mit Kinderheimen, Jugendzentren oder anderen pädagogischen Einrichtungen beim Gehalt mithalten können - zum anderen ist der Markt für Pädagogen leergefegt. Und so bestätigen diverse Anbieter auf Anfrage, dass sie vor allem mit nicht ausgebildeten Hilfskräften arbeiten. Verena Bentele, VdK-Präsidentin nennt dies "problematisch". Auf Kritik stößt auch, dass viele Helfer nicht viel mehr als den Mindestlohn verdienen.

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Doch viele Begleiter machen trotz fehlenden Fachwissens sehr gute Arbeit, wie Diekmann anerkennt. Längst sind sie aus dem Schulalltag inklusiver Klassen kaum mehr wegzudenken. Umso schwerer wird es für die Lehrer, wenn sich kein Helfer findet oder wenn er durch Krankheit länger ausfällt. Letzteres kommt laut Autismusverband und BLLV öfter vor. "Fehlt der Begleiter, ist dies natürlich ein immenses Problem für das Kind, aber auch für die ganze Klasse", sagt Lehrer-Funktionärin Fleischmann. Wenn der Integrationshelfer krank sei, würden die Kinder etwa in die Lehrerzimmer mitgenommen, "weil die Lehrer Angst haben, dass Pausen auf dem Pausenhof nicht gut gehen", so die Pädagogin.

Für Autisten, die besonders Stabilität brauchen, sei ein fehlender Schulbegleiter "besonders fatal", sagt auch Diekmann. Obwohl in Deutschland eine Schulpflicht besteht, gibt es unter ihnen offenbar viele, denen der Besuch des Unterrichts regelmäßig verwehrt wird. Bei einer Umfrage von Autismus Deutschland unter gut 620 Eltern von autistischen Schülern hatte 2016 jeder Fünfte angegeben, das eigene Kind sei schon einmal von der Schule ausgeschlossen worden - teils über Monate hinweg. Häufige Ursache war demnach das Ausfallen des Integrationshelfers. Denn bis ein geeigneter Nachfolger gefunden wird, dauert es oft lange.

Zehnmal mehr Bewilligungen

Der Mangel an Schulbegleitern könnte sich sogar noch verschärfen. Die Zahl der von den zuständigen Behörden genehmigten Integrationshelfer stieg in den vergangenen Jahren massiv an - das ergaben Anfragen des SPIEGEL bei zahlreichen Kommunen und kommunalen Verbänden quer durch die Republik. Und kaum ein Jugendamt geht davon aus, dass sich dieser Trend bald abschwächt.

Die Situation in ausgewählten Bundesländern
Baden-Württemberg
In Stuttgart versiebenfachte sich allein die Zahl der bewilligten Schulbegleiter für seelisch behinderten Kinder von 2008 bis 2018 auf 120. Auch in vielen anderen Landkreisen in Baden-Württemberg explodierten die Zahlen.
Bayern
In Bayern verdreifachte sich die Zahl aller geistig oder körperlich behinderten Schüler, die Anspruch auf einen Schulbegleiter haben, dem Bayerischen Bezirketag zufolge von 1496 im Jahr 2009 auf 4416 im Jahr 2018. Massive Anstiege verzeichneten auch die Jugendämter der kreisfreien Städte und Landkreise. Sie müssen den Schulbegleiter bezahlen, wenn ein Kind unter einer seelischen Behinderung wie Autismus oder etwa ADHS leidet. In Nürnberg legte die Zahl der von der Stadt bezahlten Schulhelfer in nur fünf Jahren um 163 Prozent zu. In München gab es 2018 mit 362 bereits 59 Prozent mehr Schulbegleiter als 2015. Erlangen verzeichnete eine Verzehnfachung seit 2011.
Niedersachsen
In Niedersachsen zählten allein die Landkreise laut einer Umfrage 2018 mit 6870 Schulbegleitern 130 Prozent mehr als noch fünf Jahre zuvor.
Nordrhein-Westfalen
In Köln nahm die Zahl der bewilligten Integrationshilfen allein von 2017 bis 2018 von 438 auf 552 Fälle zu. Die Kosten verdreifachten sich seit 2013 auf 12,2 Millionen Euro im vergangenen Jahr.
Rheinland-Pfalz
In Rheinland-Pfalz haben sich die Ausgaben für Integrationshelfer von 2012 bis 2017 auf mehr als 47 Millionen Euro verdoppelt.
Schleswig-Holstein
In Schleswig-Holstein ist die Zahl der Helfer auf die Zahl aller Schüler gerechnet besonders hoch. Auch weil dort viele Förderschulen schlossen und mehr behinderte und verhaltensauffällige Kinder in Regelschulen kamen, rechnet der Landkreistag im nördlichsten Bundesland allein in den elf Kreisen mit einem Anstieg um 60 Prozent seit 2017 auf 4400 Schulbegleiter Ende dieses Jahres.

Auch in Thüringen und Sachsen klagen Jugendämter bereits länger über steigende, teils sogar explodierende Genehmigungszahlen. Der Deutsche Städtetag geht davon aus, "dass der Bedarf an Schulbegleitern in den vergangenen Jahren stark gestiegen ist". Und damit auch die Kosten für die Städte: Denn die Kommunen müssen die Schulbegleiter ganz oder zumindest zu einem großen Teil bezahlen.

Unmut in den Rathäusern

So stieg etwa allein die für Integrationshelfer körperlich oder geistig behinderter bayerischer Schüler bewilligte Summe von 15 Millionen Euro im Jahr 2009 auf 85 Millionen Euro im vergangenen Jahr. Rechnet man die Ausgaben der kreisfreien Städte und Landkreise hinzu, geht es im Freistaat längst um einen dreistelligen Millionenbetrag. Auch in anderen Bundesländern werden zwei- und mitunter sogar dreistellige Millionensummen fällig. So zahlten etwa die schleswig-holsteinischen Landkreise im vergangenen Jahr 44,4 Millionen Euro für die Begleitung von Schülern.

Doch die Kritik an dem massenhaften Helfereinsatz wächst. Diese sorgten für Unruhe in den Klassen, heißt es etwa. Auch ist oft nicht klar, nach welchen Kriterien manche Anbieter wie etwa Vereine ihre Schulbegleiter vergeben - es fehlt an Transparenz. Viele Landräte und Bürgermeister fürchten zudem, die explodierenden Kosten schränkten ihren Gestaltungsspielraum ein. Der Boss des schleswig-holsteinischen Landkreistages, Sönke Schulz, warnt bereits, die elf Kreise im Norden könnten als Folge freiwillige Sozialleistungen abbauen - etwa bei Schuldnerberatungsstellen, Pflegestützpunkten oder Begegnungs- und Familienzentren sparen.

Verena Göppert, stellvertretende Hauptgeschäftsführerin des Deutschen Städtetages, fordert, die Kommunen dürften bei den Kosten nicht allein gelassen werden. Inklusive Bildung sei "eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe von Bund, Ländern und Kommunen". Doch noch immer leistet kaum eine Landesregierung nennenswerte Ausgleichszahlungen für ihre Städte und Kreise.

Zu wenig Fachkräfte in den Schulen

Vor allem jedoch beschäftigen die Länder auch zehn Jahre nach Unterzeichnung der UN-Behindertenrechtskonvention in den Regelschulen noch immer viel zu wenige Heil- und Sonderpädagogen. Dabei sind sie seither in der Pflicht, Kindern mit Handicap möglichst den Besuch der Regelschule zu ermöglichen. Lehrergewerkschaften wie die GEW oder der BLLV fordern für jede Klasse mit behinderten Kindern sogar per se jeweils einen zweiten Lehrer oder einen Heilpädagogen. "Nur mehr bei besonders betreuungsintensiven Kindern wären dann Schulbegleiter nötig", ist auch Corinna Rüffer, behindertenpolitische Sprecherin der Grünen-Bundestagsfraktion, überzeugt.

VDK-Chefin Bentele würde die Mittel für mehr Schulbegleiter ebenfalls lieber einsetzen, "um pädagogisches Personal als Unterstützung der Lehrkräfte einzustellen". BLLV-Vorsitzende Fleischmann sieht durch das jetzige Schulbegleiter-System zudem eine Benachteiligung bildungsferner Schichten. Denn dieses setze voraus, dass sich die Eltern "massiv um einen Helfer kümmern".

Doch solange nicht die Länder, sondern die Kommunen die Schulbegleiter bezahlen, ist ein Weiter-so für viele Länder der einfachere Weg. Und so bleibt die Suche nach einem Schulbegleiter wohl vielerorts schwierig.

Die Meiers fanden schließlich doch noch eine Helferin. Bisher läuft es nach Aussage von Mutter Monika bestens. "Die Schule macht Stefan richtig Spaß - ich bin der Schulbegleiterin so dankbar", sagt sie.

* Name geändert



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