"Verschieden ist normal"

Claudia von Zmuda, Lehrerin an der Grundschule am Buntentorsteinweg in Bremen
Privat

Claudia von Zmuda, Lehrerin an der Grundschule am Buntentorsteinweg in Bremen


"An unserer Bremer Grundschule ist es für alle Kollegen normal, dass Kinder verschieden sind. Ich kann deshalb gar nicht angeben, wie viele Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf ich in meiner jahrgangsgemischten Klasse mit 23 Kindern habe. Bis zur Mitte der dritten Klasse verzichten wir auf so eine Diagnose und stellen sie nur für die weiterführenden Schulen. Ich muss ohnehin auf jedes Kind anders eingehen.

Ich habe Schüler in meiner Lerngruppe, die an grundlegenden Fähigkeiten arbeiten wie dem Schneiden mit der Schere oder an Schwungübungen. Andere konnten schon vor der Einschulung lesen und schreiben. Wieder andere steigen so tief in einige naturwissenschaftliche Themen ein, dass ich manche ihrer Fragen gar nicht aus dem Stand beantworten kann.

Wir achten darauf, dass jedes Kind das passende Lernmaterial erhält, sodass es selbstständig in seinem eigenen Tempo daran arbeiten kann. Einige Kinder kommen mit Arbeitsblättern gut klar, andere brauchen Angebote zum Hören oder Anfassen. Das wäre vermutlich nicht zu schaffen, wenn ich alles allein machen müsste. Aber wir arbeiten immer in Teams zusammen. Wir helfen uns und tauschen Erfahrungen, aber vor allem auch Unterrichtsmaterial aus, sodass nicht jeder Kollege das Rad hundert Mal neu erfinden muss. Das ist ganz wichtig.

Wir profitieren auch davon, dass bei uns Kinder verschiedener Altersstufen zusammen lernen. Die Schüler helfen sich oft gegenseitig, und diese Hilfe ist keineswegs einseitig. Natürlich stoßen manchmal auch wir an Grenzen. Dann holen wir uns Unterstützung von außen, zum Beispiel wenn Kinder mit emotionalem und sozialem Unterstützungsbedarf noch enger betreut werden müssen.

Inklusiver Unterricht ist durchaus aufwendig, aber ich sehe jeden Tag den Erfolg. Eine meiner Schülerinnen hat zum Beispiel ein geringes mathematisches Verständnis, kann aber sehr gut mit dem Zirkel umgehen. Vor einigen Tagen hat sie vielen anderen - teilweise kognitiv sehr starken - Kindern erklärt, wie das geht und wie man mit einem Zirkel Blumen zeichnet. Sie war stolz und hat übers ganze Gesicht gestrahlt, obwohl sie sonst oft sehr schüchtern ist. Ich finde es immer schön, so etwas zu sehen.

Ich glaube, Inklusion sollte nicht als etwas verstanden werden, das zu der täglichen Arbeit in der Schule 'obendrauf' kommt, sondern man muss diese Idee leben. Das tun wir an unserer Schule, und da sind wir auch stolz drauf."

Claudia von Zmuda, 30 Jahre, Grundschullehrerin und Inklusionspädagogin an der Grundschule am Buntentorsteinweg in Bremen

Aufgezeichnet von Silke Fokken



© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.