Inklusion in der Schule Diese Bundesländer schneiden beim gemeinsamen Lernen am besten ab

In Deutschland sollen Kinder mit und ohne Förderbedarf gemeinsam zur Schule gehen. Klappt das? Eine Studie zeigt, dass der Wohnort großen Einfluss hat.
Klassenzimmer einer Gemeinschaftsschule

Klassenzimmer einer Gemeinschaftsschule

Foto: Inga Kjer/ picture alliance / dpa

Schüler mit und ohne Förderbedarf sollen zusammen lernen. Nach der Ratifizierung einer entsprechenden Uno-Konvention 2009 ist dies das erklärte bildungspolitische Ziel der Bundesrepublik. Aber wie steht es um die Realität? Wie oft werden Schüler mit Behinderungen noch vom allgemeinen Unterricht ausgeschlossen? Was hat sich in Deutschland in den vergangenen Jahren getan?

Laut einer Bertelsmann-Studie, die an diesem Montag vorgestellt wird, kommt das gemeinsame Lernen von Kindern mit und ohne sonderpädagogischem Förderbedarf, wie es im Fachjargon heißt, zwar bundesweit voran. Es gibt aber noch große regionale Unterschiede. Und ob Kinder inklusiv oder exklusiv - also getrennt - beschult werden, hängt auch stark von der Art ihres Förderbedarfs ab.

Nur Schüler mit Lernschwierigkeiten gehen nicht mehr so oft auf Förder- oder Sonderschulen wie vor knapp zehn Jahren. Deutschland finde damit Anschluss an internationale Standards, heißt es in der Studie. Bei Schülern mit sozial-emotionalen Handicaps sei die Entwicklung allerdings gegenläufig: Sie werden heute sogar öfter getrennt von anderen beschult als früher.

Die Ergebnisse im Überblick:

  • Der Anteil an Schülern, die in eine Förder- oder Sonderschule gehen, sinkt. Die sogenannte Exklusion geht bundesweit zurück. Besuchten 2008 noch 4,9 Prozent aller Kinder eine Förder- oder Sonderschule, waren es 2017 nur noch 4,3 Prozent.
  • Zwischen den Bundesländern gibt es große Unterschiede: Bremen hatte im Schuljahr 2016/17 die niedrigste Exklusionsquote mit 1,2 Prozent, Mecklenburg-Vorpommern die höchste mit sechs Prozent.
  • Entgegen dem Bundestrend und den Vorgaben der Uno-Konvention sind die Exklusionsquoten im Südwesten Deutschlands zwischen 2008 und 2017 gestiegen: In Bayern, Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz gehen wieder etwas mehr Kinder auf eine Förderschule.
  • In Ostdeutschland hingegen geht der Anteil der Kinder an Förderschulen erheblich zurück, im Saarland nur wenig. In Nordrhein-Westfalen und Hessen gab es moderate Rückgänge.
  • Besonders niedrig sind die Anteile der in Förderschulen unterrichteten Kinder in Niedersachsen, Schleswig-Holstein und den Stadtstaaten. Hier ist die Exklusionsquote in den vergangenen Jahren teilweise stark gesunken, vor allem in Bremen und Thüringen.

Ob ein Kind mit Handicap mit größerer Wahrscheinlichkeit eine Regelschule besucht oder in einer Förderschule unterrichtet wird, hängt aber nicht nur vom Wohnort ab. Es kommt auch auf die Art des Förderbedarfs an.

  • Kinder mit dem Förderschwerpunkt "Lernen" wurden bundesweit seltener in Förder- oder Sonderschulen unterrichtet. Die Exklusionsquote sank hier von 2,1 auf 1,3 Prozent. In Sachsen-Anhalt ging sie besonders deutlich zurück: um 2,6 Prozentpunkte.
  • Kinder mit dem Förderschwerpunkt "Sprache" besuchten in elf Bundesländern häufiger eine Regelschule als früher.
  • In allen anderen Förderschwerpunkten hat sich die Exklusionsquote entweder kaum verändert ("Hören" und "Sehen") oder erhöht ("Emotionale und soziale Entwicklung", "Geistige Entwicklung", "Körperliche und motorische Entwicklung").
  • Bei den meisten Förderschwerpunkten hat sich der Anteil der Schüler, die insgesamt sonderpädagogischen Förderbedarf haben, wenig verändert. Im Bereich "Lernen" ging der Anteil jedoch deutlich zurück, im Bereich "Emotionale und soziale Entwicklung" stieg er.

Die Studie stammt von dem Bildungsforscher Klaus Klemm. Er untersuchte die Entwicklung des inklusiven Schulsystems in Deutschland zwischen dem Schuljahr 2008/9, in dem die Uno-Konvention in Kraft trat, und dem Schuljahr 2016/17, für das die bislang aktuellsten Zahlen von der Kultusministerkonferenz veröffentlicht wurden.

Klemm schlussfolgert: Der bundesweite Rückgang der Exklusionsquote von 4,9 auf 4,3 Prozentpunkte verdanke sich nur der Entwicklung in den Bereichen "Lernen" und "Sprache". "In weiteren Förderschwerpunkten ist Deutschland dem Inklusionsgebot der Uno-Konvention entweder überhaupt nicht näher gekommen oder hat sich sogar noch von dieser Vorgabe entfernt."

Anders als in dieser Studie geht es in vielen Berichten zum Thema gemeinsames Lernen nicht um die Exklusionsquote, sondern um den sogenannten Inklusionsanteil. Er beschreibt, wie viele Schüler von all denen mit Förderbedarf an Regelschulen, also inklusiv, unterrichtet werden. Diese Zahlen legen nahe, dass Deutschland erhebliche Fortschritte gemacht hat und Schüler mit Förderbedarf deutlich öfter Regelschulen besuchen als früher: Der Inklusionsanteil stieg von 18,4 Prozent im Jahr 2008 auf 39,3 Prozent im Jahr 2016.

Forderung nach mehr Unterstützung für Schulen

Klemm hält diese Kennziffern allerdings nicht für aussagekräftig. Sie täuschten einen Fortschritt vor, den es so nicht gegeben habe, schreibt er in der Studie. Denn: Einige Bundesländer verzichteten in den ersten Schuljahren inzwischen darauf, Schülern an Regelschulen formal Förderbedarf zu attestieren. An anderen Regelschulen wiederum werde inzwischen bei deutlich mehr Schülern Förderbedarf diagnostiziert als früher. Beides führe zu einer Unter- beziehungsweise Überschätzung des Inklusionsanteils. Ausschlaggebend ist aus Sicht des Forschers deshalb, wie viele Schüler in Deutschland noch auf Förderschulen gehen.

Das gemeinsame Lernen von Kindern mit und ohne sonderpädagogischem Förderbedarf gehört zu den umstrittensten Themen der deutschen Bildungsdebatte. Jörg Dräger, Vorstand der Bertelsmann-Stiftung, kritisiert: Um Schülern mit und ohne Lern-Handicap in einer Klasse gerecht zu werden, bekämen Lehrkräfte vielerorts noch zu wenig Hilfe. Dies erkläre auch das Unbehagen gegenüber der Inklusion in vielen Lehrerzimmern. Hier bräuchten die Schulen jetzt dringend mehr Unterstützung.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.