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15. Februar 2017, 11:23 Uhr

Inklusion in Hamburg

"Der Schulbus wäre eine Kindeswohlgefährdung"

Von und Carina Wendland (Fotos)

Moritz hat Glasknochen, die Grundschule in der Nachbarschaft will ihn aufnehmen - doch die Schulbehörde will ihn auf eine weiter entfernte Schule schicken. Ein Gericht muss entscheiden: Was bedeutet Inklusion wirklich?

Moritz Nedden ist sechs Jahre alt und liebt Sport. Vor allem Fußball und Hockey. An der Schule findet der Erstklässler deshalb auch die Pausen am besten, am liebsten spielt er dann Eckenticken mit seinen Freunden und Mitschülern auf dem Hof. Dass Moritz sich etwas brechen kann, wenn man ihm nur einen Stift falsch aus der Hand nimmt, hält die Kinder davon nicht ab.

Moritz ist mit Glasknochen zur Welt gekommen, er sitzt im Rollstuhl, seine Knochen können selbst bei geringen Erschütterungen zerbrechen. Deshalb müssen seine Eltern oder Begleitpersonen zu jeder Zeit ein Auge auf ihn haben.

Seit September 2016 besucht Moritz die Grundschule Lehmkuhlenweg in Hamburg-Sülldorf. Er ist dort das erste und einzige Kind im Rollstuhl. Die Eltern waren sich aber sicher, dass es Moritz dort gut gehen würde: Sein älterer Bruder geht hier ebenfalls zur Schule, er kann den Schulweg in einer Gruppe mit anderen ohne Fahrdienst erledigen, die neuen Freunde wohnen in der Nachbarschaft. "Das ist für mich Inklusion", sagt Mutter Julie Nedden.

Die Schule war auch gleich nach der Anmeldung im Frühjahr 2016 bereit, Moritz aufzunehmen. Doch Mitte April 2016 bekamen die Eltern von der Hamburger Schulbehörde eine Absage. Moritz solle auf eine andere Regelgrundschule eingeschult werden, hieß es in dem einseitigen Schreiben. Begründung: keine. Es folgte eine Auseinandersetzung, die am Ende von einem Hamburger Gericht entschieden werden musste. Im Kern ging es um die Frage: Was bedeutet Inklusion wirklich?

Die Uno-Konvention, die seit 2009 auch in Deutschland gilt, besagt: Kein Kind soll wegen körperlicher oder geistiger Handicaps vom Besuch einer Regelschule ausgeschlossen werden. Die Hamburger Schulbehörde hält sich grundsätzlich daran, findet aber: "Kinder mit den Förderschwerpunkten geistige Entwicklung, körperliche und motorische Entwicklung, Hören, Sehen und Autismus [...…] können in der Regel entweder eine integrationserfahrene und entsprechend ausgestattete allgemeine Schule - eine Schwerpunktschule - oder eine spezielle Sonderschule besuchen."

Das heißt: Die Hamburger Schulbehörde hat einige Regelschulen als sogenannte Schwerpunktschulen ernannt, die seit 2012 für Schüler mit Behinderungen die erste Wahl darstellen. Es sind 32 der insgesamt 190 staatlichen Grundschulen in Hamburg. 625 der 53.064 Hamburger Grundschüler hatten laut Behörde im Schuljahr 2015/2016 eine körperliche oder geistige Behinderung. 403, also knapp zwei Drittel von ihnen, besuchen eine der Schwerpunktschulen.

Für Kritiker bedeuten die Schwerpunktschulen eine "Inklusion light" - Regelschule okay, aber bitte nicht jede. "Hamburg hat die Inklusion recht schnell ausgebaut, daher ist es nachvollziehbar, dass Ressourcen gebündelt werden sollen", sagt Pit Katzer vom Hamburger Bündnis für schulische Inklusion. "Allerdings bedeutet das Label Schwerpunktschule nicht automatisch, dass alle diese Schulen personell, räumlich und inhaltlich tatsächlich besser für Kinder mit Behinderungen ausgestattet sind als andere Regelschulen."

Auch für Moritz hatte die Schulbehörde eine Schwerpunktschule ausgesucht. Die liegt jedoch weiter entfernt als die Wunschschule, sodass jeden Tag ein Fahrdienst Moritz hätte hin- und zurückbringen müssen - gerade bei wechselnden Fahrern eine Gefahr für ein Kind mit Glasknochenkrankheit. Zudem besteht der Schulhof zu einem großen Teil aus Sand, dessen Kuhlen für Rollstuhlfahrer ebenfalls gefährlich werden können.

"Der Schulbus wäre in diesem Fall eine Kindeswohlgefährdung", sagt auch Pit Katzer. Darauf wiesen die Neddens die Behörde hin - am 1. Mai. Am 27. Juni erhielten sie die Nachricht, dass ihr Widerspruch in der Rechtsabteilung der Behörde eingegangen sei, sie aber von Rückfragen bitte "absehen sollten".

Familie Ziegenhirt aus Hamburg-Eimsbüttel erging es ähnlich. Ihr Sohn Jon hat das Prader-Willi-Syndrom, einen Gendefekt. Jon versteht, was um ihn herum gesprochen wird, doch kann er sich selbst bislang kaum über Sprache mitteilen. Um das besser zu lernen, ist es den Eltern Andre und Sabine Ziegenhirt wichtig, dass Jon unter Sprechenden ist.

Eine Grundschule in der Nachbarschaft sagte: "Das kriegen wir locker hin, das passt in unser Konzept", berichtet Sabine Ziegenhirt. Alle Kinder aus ihrem Viertel bekamen ihre Zusagen, nur Jon nicht - für ihn hatte die Behörde ebenfalls eine weiter entfernte Schwerpunktschule ausgewählt. "Es war das erste Mal, dass ich mich seit Jons Geburt von den Behörden diskriminiert gefühlt habe", sagt die Mutter. Warum gilt das Recht auf freie Schulwahl für behinderte Kinder nicht, fragen sich die Eltern.

Familie Ziegenhirt stellte einen Eilantrag, zufällig erfuhren die Neddens davon und taten das Gleiche. Im Fall von Jon hatten die Eltern Erfolg. "Normalerweise versucht die Behörde, Klagen im Vorfeld abzuwenden, um keine Präzedenzfälle zu schaffen", sagt Katzer. Im Fall von Moritz blieb die Behörde jedoch bei ihrer Ablehnung.

Dann reichten die Neddens Klage ein. Als sie gerade auf dem Weg in die Sommerferien an die Ostsee waren, gab ein Gericht ihnen in allen Punkten Recht. Moritz durfte wenige Woche später seine Wunschgrundschule besuchen. "Bisher läuft die Beschulung bei uns problemlos", sagt der Schulleiter nach dem ersten Halbjahr. Moritz sei "ein fester Bestandteil der Klassengemeinschaft" und könne - auch dank seiner Schulbegleitung - "an allen Unterrichtseinheiten erfolgreich mitmachen".

Alle anfänglichen Befürchtungen haben sich schnell zerstreut, berichten auch die Eltern. Für die anderen Kinder sei es längst völlig normal, Moritz' Ranzen zu tragen, sich mit ihm zu verabreden und Spiele zu finden, die Spaß machen und Moritz nicht in Gefahr bringen. Sogar die Sportlehrerin gestalte den Unterricht so, dass er allen Kindern gerecht wird. Und Sport ist noch immer Moritz' Lieblingsfach.

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