Inklusion in Hamburg "Der Schulbus wäre eine Kindeswohlgefährdung"

Moritz hat Glasknochen, die Grundschule in der Nachbarschaft will ihn aufnehmen - doch die Schulbehörde will ihn auf eine weiter entfernte Schule schicken. Ein Gericht muss entscheiden: Was bedeutet Inklusion wirklich?

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Von und Carina Wendland (Fotos)


Moritz Nedden ist sechs Jahre alt und liebt Sport. Vor allem Fußball und Hockey. An der Schule findet der Erstklässler deshalb auch die Pausen am besten, am liebsten spielt er dann Eckenticken mit seinen Freunden und Mitschülern auf dem Hof. Dass Moritz sich etwas brechen kann, wenn man ihm nur einen Stift falsch aus der Hand nimmt, hält die Kinder davon nicht ab.

Moritz ist mit Glasknochen zur Welt gekommen, er sitzt im Rollstuhl, seine Knochen können selbst bei geringen Erschütterungen zerbrechen. Deshalb müssen seine Eltern oder Begleitpersonen zu jeder Zeit ein Auge auf ihn haben.

Seit September 2016 besucht Moritz die Grundschule Lehmkuhlenweg in Hamburg-Sülldorf. Er ist dort das erste und einzige Kind im Rollstuhl. Die Eltern waren sich aber sicher, dass es Moritz dort gut gehen würde: Sein älterer Bruder geht hier ebenfalls zur Schule, er kann den Schulweg in einer Gruppe mit anderen ohne Fahrdienst erledigen, die neuen Freunde wohnen in der Nachbarschaft. "Das ist für mich Inklusion", sagt Mutter Julie Nedden.

Moritz mit seinem Vater
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Moritz mit seinem Vater

Die Schule war auch gleich nach der Anmeldung im Frühjahr 2016 bereit, Moritz aufzunehmen. Doch Mitte April 2016 bekamen die Eltern von der Hamburger Schulbehörde eine Absage. Moritz solle auf eine andere Regelgrundschule eingeschult werden, hieß es in dem einseitigen Schreiben. Begründung: keine. Es folgte eine Auseinandersetzung, die am Ende von einem Hamburger Gericht entschieden werden musste. Im Kern ging es um die Frage: Was bedeutet Inklusion wirklich?

Die Uno-Konvention, die seit 2009 auch in Deutschland gilt, besagt: Kein Kind soll wegen körperlicher oder geistiger Handicaps vom Besuch einer Regelschule ausgeschlossen werden. Die Hamburger Schulbehörde hält sich grundsätzlich daran, findet aber: "Kinder mit den Förderschwerpunkten geistige Entwicklung, körperliche und motorische Entwicklung, Hören, Sehen und Autismus [...…] können in der Regel entweder eine integrationserfahrene und entsprechend ausgestattete allgemeine Schule - eine Schwerpunktschule - oder eine spezielle Sonderschule besuchen."

Das heißt: Die Hamburger Schulbehörde hat einige Regelschulen als sogenannte Schwerpunktschulen ernannt, die seit 2012 für Schüler mit Behinderungen die erste Wahl darstellen. Es sind 32 der insgesamt 190 staatlichen Grundschulen in Hamburg. 625 der 53.064 Hamburger Grundschüler hatten laut Behörde im Schuljahr 2015/2016 eine körperliche oder geistige Behinderung. 403, also knapp zwei Drittel von ihnen, besuchen eine der Schwerpunktschulen.

Für Kritiker bedeuten die Schwerpunktschulen eine "Inklusion light" - Regelschule okay, aber bitte nicht jede. "Hamburg hat die Inklusion recht schnell ausgebaut, daher ist es nachvollziehbar, dass Ressourcen gebündelt werden sollen", sagt Pit Katzer vom Hamburger Bündnis für schulische Inklusion. "Allerdings bedeutet das Label Schwerpunktschule nicht automatisch, dass alle diese Schulen personell, räumlich und inhaltlich tatsächlich besser für Kinder mit Behinderungen ausgestattet sind als andere Regelschulen."

Moritz mit seinen Eltern
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Moritz mit seinen Eltern

Auch für Moritz hatte die Schulbehörde eine Schwerpunktschule ausgesucht. Die liegt jedoch weiter entfernt als die Wunschschule, sodass jeden Tag ein Fahrdienst Moritz hätte hin- und zurückbringen müssen - gerade bei wechselnden Fahrern eine Gefahr für ein Kind mit Glasknochenkrankheit. Zudem besteht der Schulhof zu einem großen Teil aus Sand, dessen Kuhlen für Rollstuhlfahrer ebenfalls gefährlich werden können.

"Der Schulbus wäre in diesem Fall eine Kindeswohlgefährdung", sagt auch Pit Katzer. Darauf wiesen die Neddens die Behörde hin - am 1. Mai. Am 27. Juni erhielten sie die Nachricht, dass ihr Widerspruch in der Rechtsabteilung der Behörde eingegangen sei, sie aber von Rückfragen bitte "absehen sollten".

Familie Ziegenhirt aus Hamburg-Eimsbüttel erging es ähnlich. Ihr Sohn Jon hat das Prader-Willi-Syndrom, einen Gendefekt. Jon versteht, was um ihn herum gesprochen wird, doch kann er sich selbst bislang kaum über Sprache mitteilen. Um das besser zu lernen, ist es den Eltern Andre und Sabine Ziegenhirt wichtig, dass Jon unter Sprechenden ist.

Jon
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Jon

Eine Grundschule in der Nachbarschaft sagte: "Das kriegen wir locker hin, das passt in unser Konzept", berichtet Sabine Ziegenhirt. Alle Kinder aus ihrem Viertel bekamen ihre Zusagen, nur Jon nicht - für ihn hatte die Behörde ebenfalls eine weiter entfernte Schwerpunktschule ausgewählt. "Es war das erste Mal, dass ich mich seit Jons Geburt von den Behörden diskriminiert gefühlt habe", sagt die Mutter. Warum gilt das Recht auf freie Schulwahl für behinderte Kinder nicht, fragen sich die Eltern.

Familie Ziegenhirt stellte einen Eilantrag, zufällig erfuhren die Neddens davon und taten das Gleiche. Im Fall von Jon hatten die Eltern Erfolg. "Normalerweise versucht die Behörde, Klagen im Vorfeld abzuwenden, um keine Präzedenzfälle zu schaffen", sagt Katzer. Im Fall von Moritz blieb die Behörde jedoch bei ihrer Ablehnung.

Dann reichten die Neddens Klage ein. Als sie gerade auf dem Weg in die Sommerferien an die Ostsee waren, gab ein Gericht ihnen in allen Punkten Recht. Moritz durfte wenige Woche später seine Wunschgrundschule besuchen. "Bisher läuft die Beschulung bei uns problemlos", sagt der Schulleiter nach dem ersten Halbjahr. Moritz sei "ein fester Bestandteil der Klassengemeinschaft" und könne - auch dank seiner Schulbegleitung - "an allen Unterrichtseinheiten erfolgreich mitmachen".

Alle anfänglichen Befürchtungen haben sich schnell zerstreut, berichten auch die Eltern. Für die anderen Kinder sei es längst völlig normal, Moritz' Ranzen zu tragen, sich mit ihm zu verabreden und Spiele zu finden, die Spaß machen und Moritz nicht in Gefahr bringen. Sogar die Sportlehrerin gestalte den Unterricht so, dass er allen Kindern gerecht wird. Und Sport ist noch immer Moritz' Lieblingsfach.

insgesamt 53 Beiträge
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frank_w._abagnale 15.02.2017
1. Schattenseite der Inklusion.
Leider ist es im Schulalltag in der Regel so, dass die Inklusionskinder das Tempo und die Abläufe bestimmen. Und die sind nunmal anders und langsamer. Das ist leider die Schattenseite der Inklusion.
hardeenetwork 15.02.2017
2. Es ist ein Privileg gesund zu sein
Umso wichtiger ist es gesundheitlich eingeschränkte Menschen und insbesondere Kinder mit allen möglichen Mitteln zu Integrieren. Ein bewegender Bericht der nachdenklich macht.
profp 15.02.2017
3.
Leider passen Vorspann und Artikel nicht zusammen: Wie man am Schluss erfährt, hat das Gericht bereits letzten Sommer (zum Glück!) pro Familie Neddens entschieden und Moritz geht seit einem halben Jahr auf seine Wunschschule. Damit geht dem vermeintlichen SPON-Schul-Skandal doch irgendwie die Luft aus…
jorinde1968 15.02.2017
4. So ist Inklusion auch gedacht!
Gut so! Schlimm nur, dass die Bundesländer immer noch nicht begriffen haben, was freie Schulwahl von Eltern bedeutet. Es sollte die Schule besucht werden können, die dem Kind am nächsten ist, es gut beschult und wo es obendrein Freunde finden kann. Nun kenne ich darüber hinaus das ständige Gejammere: "Aber die Inklusion kostet Geld!" Hier aber möchte die Schulbehörde - hört hört - mehr Geld ausgeben, damit ein Junge zu einer "ausgewiesene 'Schwerpunktschule'" fahren kann, die obendrein, was keine Überraschung ist, gar nicht die Beste ist. Und auch ich nenne Schwerpunktschulen Inklusion light, nur die gibt es gar nicht. Vielmehr ist es eine weitere Form der Integration, mit Inklusion hat das wenig zu tun! Inklusion bedeutet langfristig, dass sich die Schulen und deren Systeme umorganisieren müssen und - nein - das ist kein Hexenwerk.
DerWellenbrecher 15.02.2017
5. Die Hamburger Familie hat alles richtig gemacht ...
denn nur wer für sein Kind kämpft wie ein Löwe kann ihm helfen. Die Fachbehörden wie Schulamt, Jugendamt, Gesundheitsamt usw. meinen zwar immer, sie wüßten genau wie das Kindeswohl optimal erfüllt werden kann, aber - siehe Beispiel Moritz - die Irrtümer kommen öfter vor als man vermutet. Unser jüngster Sohn (Asperger-Autist) sollte, wenn es nach den Behörden gegangen wäre, auf eine Förderschule gehen. Zitat: "Seien Sie froh wenn er die Förderschule überhaupt schafft." Wir haben uns erfolgreich gewehrt, auch gegen Drohungen und Warnungen. Heute ist der junge Mann 23 und beginnt gerade seine Bachelorarbeit in Geowissenschaften. Ich kann nur allen in ähnlichen Situationen raten, wehren Sie sich. Es kostet zwar viel Nerven, Kraft und Energie, aber es lohnt sich.
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