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Integration behinderter Kinder: Gemeinsam lernen

Foto: Tobias Kleinschmidt/ dpa

Behinderte Kinder an Regelschulen "Wir brauchen eine andere Art des Unterrichtens"

Eigentlich sollten behinderte und nicht behinderte Kinder gemeinsam lernen - doch das gelingt in Deutschland nur mäßig, zeigt eine neue Studie. Im Interview sagt Jörg Dräger, Vorstand der Bertelsmann Stiftung, was sich ändern muss und warum sein Sohn eine Inklusionsklasse besucht.

SPIEGEL ONLINE: Behinderte Kinder sollen gemeinsam mit allen anderen zur Schule gehen - so will es eine Uno-Konvention (hier als pdf ). Ihre Stiftung hat nun eine Studie vorgestellt, inwiefern Inklusion in Deutschland gelingt. Was ist das Ergebnis?

Dräger: Es fällt gemischt aus. Zwar steigen die Inklusionsanteile, also der Anteil der Förderschüler, die eine Regelschule besuchen. Doch gleichzeitig sinkt die Zahl der Sonderschüler kaum, weil zunehmend Förderbedarf diagnostiziert wird. Dadurch bleibt eine Doppelstruktur aus Regel- und Sonderschulen erhalten, und das ist problematisch. Etwa deshalb, weil an den Sonderschulen nur ein Viertel der Schüler einen Hauptschulabschluss schafft. So werden Bildungschancen ungerecht verteilt.

SPIEGEL ONLINE: Es gibt ungefähr eine halbe Million Kinder mit ausgewiesenem Förderbedarf. Sollen alle in die Regelschulen überwechseln und die Sonderschulen geschlossen werden?

Dräger: Natürlich ist manches mehrfach behinderte Kind besser aufgehoben in der Kleingruppe einer Sonderschule. Die Mehrheit der jetzigen Sonderschüler ließe sich aber in der Regelschule unterrichten. Die sollten wir schrittweise dort integrieren.

SPIEGEL ONLINE: Wie sollen die Regelschulen und der Staat als Geldgeber dieses Großprojekt stemmen?

Dräger: Es kostet zunächst Geld, das stimmt. Wenn wir aber mehr Kinder, die im Sonderschulsystem scheitern, zu einem Abschluss führen, dann rechnet sich das auf Dauer.

SPIEGEL ONLINE: Politiker sämtlicher Parteien haben die Inklusion zum Mega-Thema ausgerufen. Passiert nicht schon genug?

Dräger: Die Inklusion ist auf der Agenda der Bildungspolitik angekommen, und es ist viel Positives passiert. Nur: Ein politisches Bekenntnis macht noch keine gute Inklusion. Viel wichtiger als steigende Quoten ist doch, was in den Klassenzimmern passiert. Wir brauchen eine andere Art des Unterrichtens, und dafür wiederum besser ausgebildete Lehrer und gut ausgestattete Schulen. Sonst sind Enttäuschungen programmiert.

SPIEGEL ONLINE: Wonach bemisst sich erfolgreiche Inklusion?

Dräger: Zum Beispiel daran, dass die Ressourcen von den Sonderschulen an die Regelschulen mitwandern. Die Expertise der Sonderpädagogen würde dann nicht mehr nur einer kleinen Gruppe von Schülern zugutekommen. In der Grundschule meines Sohnes, zweite Klasse, sind beispielsweise durchgängig eine Regelschullehrerin und ein Sonderpädagoge beim Unterricht dabei.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben Ihren Sohn in eine Integrationsklasse eingeschult?

Dräger: Er hat keinen Förderbedarf, aber wir haben uns bewusst dafür entschieden, wie auch andere Eltern. In seine Klasse gehen vier Förderschüler, einer hat sogar dauerhaft einen Integrationshelfer dabei, meist sind drei Erwachsene im Unterricht anwesend. In solchen Gruppen wird besser mit der Tatsache umgegangen, dass alle Schüler eben unterschiedlich sind. Die Besten bekommen genauso ein Extra-Angebot wie die Schwächeren.

SPIEGEL ONLINE: Für die weitere Schullaufbahn Ihres Sohnes, besonders wenn er ein Gymnasium besucht, wird es weniger Modellprojekte dieser Art geben.

Dräger: Leider verringert sich die Zahl inklusiver Schulangebote mit fortschreitender Schullaufbahn. Die Kindergärten nehmen viele Inklusionskinder auf, die Grundschulen einige, in den weiterführenden Schulen sind es nur noch wenige, besonders wenige an den Gymnasien.

SPIEGEL ONLINE: Mit welchen Folgen?

Dräger: Die Gymnasien setzen sich nicht ausreichend mit der Frage auseinander, wie unterschiedlich Kinder lernen. Das halte ich für problematisch. Wenn Sie sich ansehen, welcher Anteil eines Altersjahrgangs etwa in den Hamburger Elbvororten das Gymnasium besucht, dann ist das Gymnasium dort längst zur Gesamtschule der Mittelschicht geworden. Das Gymnasium ist kein elitäres System mehr. Wer behauptet, er habe dort noch eine homogene Lerngruppe vor sich sitzen, Inklusion hin oder her, macht sich etwas vor.

SPIEGEL ONLINE: Macht es die Integration behinderter Kinder nicht noch schwieriger, ein gewisses Leistungsniveau zu garantieren?

Dräger: Es ist ohne Frage eine Herausforderung. Aber lösbar, wenn wir den Unterricht ausreichend individualisieren. Die Idee ist falsch, dass sich Leistung und Gerechtigkeit ausschließen. Ein gutes Bildungssystem kann leistungsstark und gerecht sein. Es muss eben ein schülerzentrierter Unterricht sein, kein lehrerzentrierter.

SPIEGEL ONLINE: Einzelne Bildungspolitiker träumen davon, über die Inklusion doch noch ihre Idee einer Gemeinschaftsschule zu verwirklichen. Wenn Behinderte die Regelschule besuchen, warum dann nicht Kinder aller Leistungsstärken auf einmal?

Dräger: Träumen darf jeder, nur nützt es in diesem Fall wenig. Ich halte es für verschwendete politische Energie, zuerst über Schulstrukturen zu reden. Das gefährdet eher Reformprojekte. Gute Schule ist guter Unterricht, und der wird durch gute Lehrer gemacht. Die alten ideologischen Schlachten über die Schulstruktur sollten wir zurückstellen.


Die Studie in Kürze: Die Studie der Bertelsmann Stiftung zeigt, wie sehr Anspruch und Wirklichkeit auseinanderklaffen: Zwar besucht inzwischen etwa jeder vierte Schüler mit Förderbedarf eine reguläre Schule. Damit stieg der Anteil behinderter Kinder, die Regelschulen besuchen, von 18,4 Prozent im Jahr 2009 auf 25 Prozent im Schuljahr 2011/12, analysierte der Bildungsforscher Klaus Klemm für die Stiftung. Allerdings nimmt die Schülerzahl an Sonderschulen kaum ab; denn bei immer mehr Schülern wird sonderpädagogischer Förderbedarf diagnostiziert. Klemms Fazit: Es bestehe ein "Doppelsystem aus Regel- und Förderschulen" fort. Solange sich daran nichts ändere, sei erfolgreiche Inklusion schwierig.

Das Interview führte Jan Friedmann

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