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19. März 2014, 10:30 Uhr

Behinderte Kinder an Regelschulen

Immer mehr Schüler gelten als förderbedürftig

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Die Zahl der Kinder mit Förderbedarf, die eine Regelschule besuchen, steigt. Ein Erfolg für die Inklusionspolitik der Bundesländer? Nein, neue Zahlen zeigen: Es werden einfach mehr Schülern Verhaltensauffälligkeiten, Sprach- oder Lernstörungen attestiert.

Die Begeisterung war groß. "Von Anfang an dabei", "Barrierefrei durch alle Gesellschaftsschichten", "Abschied von der Sonderschule". So lauteten die Schlagzeilen in deutschen Tageszeitungen im März 2009. Vor fünf Jahren trat - endlich - auch in Deutschland die Uno-Konvention in Kraft, wonach behinderte und nicht-behinderte Kinder zusammen zur Schule gehen sollen.

Wie sieht es jetzt, fünf Jahre später, in Deutschland aus? Lernen plötzlich alle Kinder gemeinsam? Oder immerhin: mehr Kinder? Ja, lautet die Nachricht, die Experten und Politiker am Mittwoch beim Inklusionsgipfel der deutschen Unesco-Kommission in Bonn verbreiten können. Zwischen dem Schuljahr 2008/2009 und 2012/2013 ist der Anteil der Kinder und Jugendlichen mit Förderbedarf, die an deutschen Regelschulen unterrichtet werden, deutlich gestiegen: Von 18,4 auf 28,1 Prozent. Mehr als jedes vierte Kind, das zusätzliche Hilfe und Unterstützung benötigt, besucht also mittlerweile eine normale Schule. Ein Erfolg, oder?

Ein genauer Blick auf die Zahlen zeigt: Die Inklusion in Deutschland ist nur wenig vorangekommen. Denn der Anteil der Kinder an Förderschulen hat sich so gut wie gar nicht verändert: 4,9 Prozent waren es im Jahr 2008/2009 bundesweit. 4,8 Prozent waren es 2012/2013. "Erst wenn der Anteil der Schüler an Förderschulen sinkt, können wir von einem Erfolg bei der Inklusion sprechen", sagt Nadine Spörer, Professorin für Grundschulpädagogik von der Uni Potsdam.

Immer mehr Kinder mit Störungen?

Erfolg und Misserfolg zugleich? "Die Förderquoten sind insgesamt gestiegen", erklärt der Bildungsforscher Klaus Klemm, der die Zahlen der vergangenen Jahre verglichen hat. Demnach hat sich die Quote der Kinder mit Förderbedarf seit 2008/2009 von 6 auf 6,6 Prozent erhöht. Im Schuljahr 2000/2001 lag sie sogar bei nur 5,3 Prozent. Das heißt: Mittlerweile wird mehr Kindern offiziell eine Verhaltensauffälligkeit, Sprach- oder Lernstörung attestiert. Besonders hoch ist die Quote in Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt.

Dabei handelt es sich laut Klemm allerdings häufig um Kinder, die bereits eine Regelschule besuchen - und auf Anraten von Lehrern oder Eltern von einem Schulpsychologen oder Sonderpädagogen begutachtet werden. Sie treiben dann die Inklusionsstatistik in die Höhe - während sich der Anteil der Kinder auf Förderschulen kaum verändert. Doch genau das war das erklärte Ziel: Kinder aus den Förderschulen raus- und in Regelschulen reinzuholen. "Das Ausmaß des 'Ausschließens'" sei bislang, so Klemm, kaum gemindert worden.

"Alle Länder halten grundsätzlich an dem Förderschulsystem, das eine getrennte Beschulung fördert und verfestigt, fest", kritisieren auch zwei Juristen, die im Auftrag des Deutschen Instituts für Menschenrechte untersucht haben, wie die Bundesländer in den vergangenen fünf Jahren einen rechtlichen Rahmen für Inklusion geschaffen haben. Ihr Ergebnis ist ernüchternd: Zwar hätten die Bundesländer seither "Anstrengungen unternommen" und unter anderem die Bildungspolitik sowie das Schulrecht geändert.

"Kein Land jedoch erfüllt alle im Recht auf inklusive Bildung angelegten Kriterien", schreiben die Studienmacher Sven Mißling und Oliver Ückert. Auf der rechtlichen Ebene seien vier Länder am weitesten vorangekommen: Bremen, Hamburg, Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen. Größerer "Anpassungsbedarf" herrsche dagegen noch vor allem in Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen, Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz.

Davor fürchten sich Lehrer und Eltern

So wechseln noch immer viele Kinder spätestens nach der Grundschule an eine Förderschule, wo jedoch drei Viertel keinen Hauptschulabschluss und damit kaum Berufschancen erhalten. Und wenn doch ein Kind an eine Regelschule geht, zerbrechen sich Eltern und Lehrer den Kopf: Bekommt das behinderte Kind genug Aufmerksamkeit? Wird das nicht behinderte Kind womöglich ausgebremst?, fragen sich Eltern. Wie bekomme ich alle unter einen Hut?, fragen sich Lehrer.

Dabei zeigen Studien, dass gemeinsames Lernen funktioniert - wenn die Voraussetzungen stimmen. Wenn Lehrer gut vorbereitet und ausgebildet werden und mit Sonderpädagogen zusammen arbeiten. Nadine Spörer, Professorin für Psychologische Grundschulpädagogik, hat 72 inklusive Grundschulklassen in Brandenburg untersucht und festgestellt: Alle Kinder - ob leistungsschwach, im Mittelfeld oder leistungsstark - erzielen binnen eines Schuljahres ähnliche Leistungszuwächse wie andere Schüler in Deutschland. Sie sagt: "Unsere bisherigen Ergebnisse zeigen, dass die kognitive Inklusion gelingen kann."

Inklusion in Zahlen:

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