Schulsuche für behindertes Kind "Man hat uns die Tür vor der Nase zugeknallt"

Lotta, 9, ist schwer behindert. Sie kann nicht laufen oder sprechen und kommuniziert mithilfe eines Computers. Ihre Mutter erzählt, wie zermürbend es war, einen guten Schulplatz für sie zu finden.

Für ihren Sohn Ben suchte Sandra Roth einfach die Schule um die Ecke aus, bei ihrer Tochter war es schwieriger. Lotta hat eine Behinderung. Sie wird in diesem Jahr genauso alt wie die Uno-Behindertenrechtskonvention in Deutschland: zehn Jahre.

Kinder mit und ohne Behinderung sollen demnach gemeinsam zur Schule gehen, so lautet seit 2009 die bildungspolitische Maxime. Stichwort Inklusion. Aber das ist für Kinder wie Lotta immer noch allzu oft eins: eine schöne Idee. Keine Realität.

Sandra Roth, Lottas Mutter, Journalistin und Autorin, hat ein Buch darüber geschrieben, wie schwierig es war, die passende Schule für ihr Kind zu finden. Es sitzt im Rollstuhl, ist blind und kann nicht sprechen. Drei Jahre ist es her, dass Lotta eingeschult wurde - und die Bilanz fällt ebenso positiv wie ernüchternd aus.

SPIEGEL ONLINE: Frau Roth, geht Lotta gerne zur Schule?

Sandra Roth: Ja, sehr. Wenn sie morgens in den kleinen roten Bus steigt, der sie abholt, lacht sie jedes Mal. Lotta kann nicht laufen, nicht krabbeln, nicht kauen, nicht sehen und nicht so wie wir sprechen. Aber zum Lachen und Lieben muss man das alles ja nicht können, und man kann auch mit einer schweren Mehrfachbehinderung ein Streber sein. In ihrer Schule hat sie schon viel gelernt.

Foto: Anke Hunscha

Sandra Roth, geboren 1977, hat Politikwissenschaften und Medienberatung in Bonn, Berlin und den USA studiert. Danach ging sie auf die Hamburger Henri-Nannen-Journalistenschule. Roth arbeitet als freie Autorin u.a. für die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung", die "ZEIT" und die "Brigitte". 2013 erschien ihr erstes Buch "Lotta Wundertüte", 2018 das zweite Buch "Lotta Schultüte". Sie lebt mit ihrem Mann und zwei Kindern in Köln.

SPIEGEL ONLINE: Zum Beispiel?

Roth: Sie kann jetzt aus einem Becher trinken. Das konnte sie vorher nicht. Da musste ich ihr mit einer Spritze Wasser in den Mund träufeln. Sie kann sich über einen Sprachcomputer, den sie mit dem Ellbogen bedient, verständigen. Sie hört über Kopfhörer die Namen von Kindern in ihrer Klasse und kann auswählen, mit wem sie mittags die Ruhepause verbringen möchte. Es gibt eine Kuschelecke mit vielen Kissen, und die Kinder hören dort zusammen Hörspiele.

SPIEGEL ONLINE: Was ist das für eine Schule?

Roth: Eine Förderschule. Die Kinder, die dorthin gehen, sind alle unterschiedlich schwer behindert. In Lottas Klasse gibt es zehn Kinder und drei Lehrer, die nicht immer alle gleichzeitig da sind. Meine Tochter hat noch eine Schulbegleiterin, der sie zum Beispiel beim Essen und mit dem Sprachcomputer unterstützt. Und es gibt einen großen, schwarzen Klassenhund. Den findet Lotta großartig.

SPIEGEL ONLINE: Wie sieht der Alltag aus?

Roth: Der Unterricht beginnt mit einem Erzählkreis, danach haben die Kinder Fächer wie Deutsch und Mathe. Lotta übt zum Beispiel gerade Buchstabenlaute. Sie macht auch Logo-, Physio- und Ergotherapie. Neulich sollte sie sich selbst einschätzen. Sie fand, sie sei geduldig, könne gut zuhören und sich für andere einsetzen - gerade das letzte fand ich wunderbar selbstbewusst. Sie hat sich auch als Klassensprecherin zur Wahl gestellt. Sie wurde nicht gewählt, aber ich finde, so sollte Schule sein: ein Ort, an dem ein Kind etwas anstreben kann, das erst mal unerreichbar scheint. Und sei es, dass das Kind, das nicht sprechen kann, Klassensprecher werden will.

SPIEGEL ONLINE: Das klingt alles nach der perfekten Schule für Lotta - und wie ein starkes Argument gegen Inklusion.

Roth: Nein, meine Tochter ist an der Förderschule glücklich, das war die richtige Wahl für sie und uns. Aber als Gesellschaft brauchen wir etwas anderes. Ich wünsche mir für Lotta eine inklusive Gesellschaft - und die bekommen wir nur mit einer erfolgreichen Inklusion in der Schule. Inklusion ist ein Menschenrecht. Die fängt beim gemeinsamen Lernen an, und davon sind wir - zehn Jahre nach Inkrafttreten der Uno-Behindertenrechtskonvention - leider noch erschreckend weit entfernt.

SPIEGEL ONLINE: An vielen Schulen wird Inklusion bereits sehr gut umgesetzt, und es gibt etwa bei Ihnen in Nordrhein-Westfalen ein Recht darauf, ein Kind mit Behinderung in eine Regelschule zu schicken. Warum haben Sie das nicht getan?

Roth: Ich wollte eine Schule für Lotta, in der Lehrer ihren Charme und ihre Neugier sehen, und nicht denken: 'Oh, da kommt ein Problem.' Eine Schule, die sie fördern will und das auch kann. Diese Schule habe ich zumindest in unserem Umkreis - so dass Lotta nicht stundenlange Schulwege in Kauf nehmen müsste - trotz langwieriger Suche nicht gefunden.

Klicken Sie hier für eine Leseprobe

SPIEGEL ONLINE: An einer Stelle in Ihrem Buch schreiben Sie, eine befreundete Lehrerin habe gesagt. "Ich würde dein Kind auch nicht in meinem Klassenzimmer sitzen haben wollen. Du hast ja keine Ahnung, was bei uns abgeht." Daraus spricht die Sorge, Kindern nicht gerecht zu werden.

Roth: Diese Sorge kann ich verstehen. An vielen Schulen ist es so, dass sie zwar die Inklusion umsetzen sollen, die Bedingungen dafür aber nicht geschaffen wurden: zu wenig Lehrer für zu viele Kinder mit sehr verschiedenen Bedürfnissen. Es fehlt an Räumen, an Fahrstühlen - an allem. Wenn Inklusion schlecht umgesetzt wird, hat sie das Potenzial, Menschen weiter auseinanderzubringen. Deshalb müssen sich dringend die Bedingungen ändern, aber die Haltung muss sich auch ändern.

Klicken Sie hier für eine Leseprobe

SPIEGEL ONLINE: Es gibt Eltern, die notfalls vor Gericht ziehen, um für ihr behindertes Kind einen Platz an einer Regelschule zu bekommen und Inklusion einzuklagen.

Roth: Wir nicht, das stimmt. Man hat uns die Tür vor der Nase zugeknallt, und wir haben nicht angefangen, die Schule zu überreden, Lotta doch aufzunehmen. Ich wollte das nicht, weil sie dort klarkommen müsste - nicht ich. Lotta soll die beste Förderung bekommen, um möglichst selbstbestimmt zu leben. Sie soll anderen sagen können: 'ich möchte Marmelade aufs Brot' oder 'ich will das nicht'. Das wird leichter, je besser sie kommunizieren kann. Deshalb geht sie nun auf eine Förderschule, die auf dem Gebiet Erfahrung hat - obwohl ich glaube, dass wir als Gesellschaft mehr inklusive Schulen brauchen.

Klicken Sie hier für eine Leseprobe

SPIEGEL ONLINE: Das politische Argument lautet, Eltern sollen die Wahl zwischen einer Förderschule und einer inklusiven Schule haben. Was spricht dagegen?

Roth: In Wahrheit haben nicht alle Eltern die Wahl, wir sind mit unserer Erfahrung kein Einzelfall. Wenn ich die Wahl habe zwischen einer Schule, die sehr gut ausgestattet ist und einer, wo es an vielem fehlt und mein Kind nicht willkommen ist - dann ist das keine wirkliche Wahl. Eine wirkliche Wahl wäre die zwischen vergleichbaren Alternativen und die gibt es allzu oft eben noch nicht.

SPIEGEL ONLINE: Was ist der Nachteil von Förderschulen?

Roth: In der Kita hat die Inklusion wunderbar geklappt. Als Lotta eingeschult wurde, musste sie sich von ihren nicht-behinderten Freunden trennen. Die Kinder laden sich noch zum Geburtstag ein, aber den täglichen Kontakt gibt es nicht mehr. Sie leben in getrennten Welten. Die einen fahren morgens mit dem roten Bus in ihre Schule, die anderen gehen zu Fuß in eine andere. Das ist sehr schade und eine verpasste Chance - für alle.

SPIEGEL ONLINE: Inwiefern?

Roth: In der Kita habe ich erlebt, wie unbefangen Kinder ohne Behinderung mit Lotta umgehen können. Bei meinem Sohn ist es auch so. Der sieht, was seine kleine Schwester alles kann - und nicht, was sie nicht kann.

KLicken Sie hier für eine Leseprobe

Wenn Menschen nie oder nur selten Menschen mit Behinderung erleben, haben sie darauf einen anderen Blick: Was sie nicht kennen, finden sie seltsam. Wir sind deshalb eine Art wandelnde "Sendung mit der Maus". Wir müssen 'Lotta' dauernd erklären - oder stoßen auf Hindernisse. Ein Beispiel: Ich will mit den Kindern ins Familienkonzert gehen. Mir wird aber gesagt, das ginge nicht, weil es keine barrierefreien Plätze gebe, die seien nur abends verfügbar, wenn ältere Menschen kommen.

SPIEGEL ONLINE: Wie reagieren Sie auf so etwas?

Roth: Beim Konzert habe ich es mit mehreren Anrufen doch noch durchgesetzt. Lotta hat ein Recht auf ein Konzert, bei klassischer Musik bekommt sie am ganzen Körper Gänsehaut, wir üben gerade, dass man dann nicht vor Begeisterung kreischen muss wie bei Justin Bieber. Das klappt auch schon gut, meist lächelt sie das ganze Konzert über. Es lohnt sich, all diese Kämpfe für sie durchzufechten. Aber es macht das Leben auch unnötig schwer. Es macht nicht immer Spaß, dauernd zu erklären, zu kämpfen, und manchmal fehlt auch die Kraft.

SPIEGEL ONLINE: Was müsste sich ändern?

Roth: Wenn Menschen mit Behinderung ausgeschlossen werden wie beim Konzert, steckt dahinter meist kein böser Wille. Sondern es hat eben niemand bedacht, dass es zum Beispiel auch Kinder im Rollstuhl gibt, die gerne Musik hören. Und das ist kein Wunder. Die meisten Menschen ohne Behinderung bekommen Menschen wie Lotta bisher selten zu Gesicht, deshalb sind sie nicht in ihren Köpfen präsent. Erfolgreiche Inklusion an Schulen wäre ein erster Schritt, um das ändern. Deshalb müssen wir dringend weiter darüber reden, wie das gelingen kann.

Anzeige
Roth, Sandra

Lotta Schultüte: Mit dem Rollstuhl ins Klassenzimmer

Verlag: Kiepenheuer&Witsch
Seitenzahl: 336
Für 20,00 € kaufen

Preisabfragezeitpunkt

31.01.2023 02.39 Uhr

Keine Gewähr

Produktbesprechungen erfolgen rein redaktionell und unabhängig. Über die sogenannten Affiliate-Links oben erhalten wir beim Kauf in der Regel eine Provision vom Händler. Mehr Informationen dazu hier

Anmerkung: Die Namen der Kinder sind zum Schutz der Persönlichkeitsrechte geändert.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.