Integration behinderter Kinder "Alle sind überfordert"

Kinder mit und ohne Behinderung sollen gemeinsam lernen dürfen, doch Deutschland kommt bei der Inklusion nur langsam voran. In diesem Jahr soll jetzt alles besser werden, versprechen die Kultusminister. Theoretisch finden das alle gut, praktisch sind vor allem die Lehrer völlig überfordert.
Hier werden alle Kinder gemeinsam unterrichtet: Inklusion klappt aber häufig noch nicht

Hier werden alle Kinder gemeinsam unterrichtet: Inklusion klappt aber häufig noch nicht

Foto: Henning Kaiser/ picture alliance / dpa

An Lehrern haftet das Vorurteil, sie würden gern meckern. Über ihre Arbeitszeiten, die Schüler und jede Art von Reform. Positiv formuliert: Pädagogen scheuen keine kritischen und offenen Worte. Umso erstaunlicher, dass derzeit ein Thema für Ärger sorgt, über das kaum ein Lehrer öffentlich sprechen will - aus Angst.

Es geht um die Integration behinderter Kinder. Seit 2009 gilt in Deutschland die Uno-Konvention für Behindertenrechte. Kein Kind soll wegen körperlicher oder geistiger Handicaps von einer Regelschule ausgeschlossen werden, steht darin. Vielmehr sollen alle Schüler gemeinsam lernen, sich helfen und fördern.

Ungefähr eine halbe Million Kinder und Jugendliche in Deutschland sind behindert, nur 22 Prozent von ihnen besuchen aber eine reguläre Schule. Die anderen gehen auf Sonder- oder Förderschulen und verlassen diese meist ohne Abschluss und Berufsperspektiven. Im internationalen Vergleich sind laut Bertelsmann-Stiftung durchschnittlich 85 Prozent integriert.

Deutschland will nun aufholen. "Inklusion wird das Thema 2013", kündigt die Kultusministerkonferenz an und mahnt die Länder zur schnelleren Umsetzung. Wie üblich sind auch in diesem Bildungsbereich die Unterschiede gewaltig: Ganz vorn dabei ist Schleswig-Holstein, 49,9 Prozent aller behinderten Schüler waren dort im Jahr 2011 bereits integriert. Auch Berlin (43,9 Prozent) und Bremen (41,2 Prozent) sind schon weit gekommen, während Sachsen-Anhalt und Nordrhein-Westfalen (16,9 und 16,1 Prozent) sowie Niedersachsen (8,5 Prozent) hinterherhinken.

"Es brennt hinten und vorn", stöhnt eine Lehrerin

Zahlen sagen aber nicht alles. Sie sagen zum Beispiel nicht, dass viel Inklusion derzeit vor allem für viel Irritation sorgt. Viele Lehrer befinden sich dabei in einem Dilemma: Sie befürworten die Reform und wollen Integration unterstützen. Doch sie leiden oder scheitern an der Umsetzung. "Zurzeit sind alle überfordert", sagt Norbert Grewe, Psychologieprofessor an der Universität Hildesheim und Leiter der Beratungslehrerausbildung in Niedersachsen. Besonders schlimm ist die Situation in Hamburg. Ties Rabe, scheidender Präsident der Kultusministerkonferenz (KMK) und Schulsenator in Hamburg, treibt hier seit 2010 Inklusion voran. Binnen eines Jahres ist der Inklusionsanteil stetig gestiegen auf 24,4 Prozent im Jahr 2011. Ein Erfolg, findet die Schulbehörde.

"Es brennt hinten und vorn", findet dagegen eine Hamburger Lehrerin. Sie und ihre Kollegen würden sich große Sorgen machen, den Kindern mit Förderbedarf nicht gerecht zu werden. Viele Kollegen seien trotz Engagement sehr unzufrieden "mit den eigenen Wirkungsmöglichkeiten", berichtet die Lehrerin - unter dem dringenden Schutz der Anonymität, denn öffentlich darüber reden möchte niemand. Die Angst, sich und der Schule einen herben Imageverlust zuzufügen, ist zu groß. Niemand will in den Verruf von Diskriminierung geraten.

Und schließlich zeigen Studien, dass gemeinsames Lernen für alle Seiten förderlich sein kann. So streiten Lehrer, Eltern und Ministerien erbittert über die Frage, wie Inklusion nun funktionieren soll. In Nordrhein-Westfalen wurde nach heftigen Protesten von Eltern, Lehrern und Kommunen im Dezember sogar der Gesetzentwurf für gemeinsamen Unterricht ab 2013 gekippt - sie seien noch nicht richtig vorbereitet und ausgestattet, klagten die Gegner.

Doch woran genau droht das Großprojekt zu scheitern?

  • Pädagogen-Ausstattung: Viele Lehrer und Wissenschaftler fordern eine durchgängige Doppelbesetzung für die sogenannten I-Klassen. Doch kein Bundesland kann oder will das bezahlen. In Hamburg stellt die Behörde pro behindertem Kind für 3,5 Stunden in der Woche eine Tandembesetzung bereit. "Es ist eine Illusion, dass Inklusion mit dem derzeitigen Personal funktionieren kann. An einigen Tagen ist schlicht kein Unterricht möglich", sagt Dirk Mescher von der Lehrergewerkschaft GEW. Das sieht man bei der KMK anders: "Eine Doppelbesetzung ist nicht in allen Fällen pädagogisch erstrebenswert. Die Kinder sollen ja wirklich gemeinsam lernen", sagt Peter Wachtel aus Niedersachsen, bei der KMK zuständig für Inklusion, durch zwei Lehrer könnten sie wieder aufgeteilt werden.
  • Pädagogen-Ausbildung: Behinderte Schüler zu unterrichten, haben Lehrer nicht behinderter Schüler nie gelernt. Deshalb gibt es jetzt Mini-Fortbildungen: Fünf Tage sind es beispielweise in Niedersachsen. "Die sind sehr unbeliebt und nicht zielführend", sagt Grewe. Es werde nicht genug differenziert, weder nach Fächern noch nach Behinderungen, hinterher seien sie kaum schlauer, klagen die Pädagogen. Dabei bräuchten doch Autisten eine ganz andere Ansprache als ADHS-Kinder.
  • Problem soziale Vernachlässigung: Wer bei behinderten Schülern nur an Rollstühle, Hörgeräte und Spasmen denkt, liegt falsch. Kaum eine Schule ist bislang barrierefrei, Gehörlose und Blinde werden in der Regel auch nicht integriert. 75 Prozent der Schüler "mit Förderbedarf" haben vielmehr gravierende Probleme beim Lernen, mit der Sprache oder in ihrer sozialen und emotionalen Entwicklung. Ihre Verhaltensauffälligkeiten sind laut Mescher zumeist Folgen von Armut und Vernachlässigung. Es sind Kinder mit großem Störpotential und einem großen Bedürfnis nach Aufmerksamkeit.
  • Problem "Restschulen": Nur 54 der rund 3500 Integrationsschüler in Hamburg besuchen ein Gymnasium. In anderen Bundesländern ist es ähnlich. Auch dort gehen behinderte Schüler zumeist auf Haupt-, Real- oder Gesamtschulen. Und da die meisten von ihnen aus sozial benachteiligten Verhältnissen kommen, sind es fast immer die Schulen in Problemvierteln, die nun doppelt belastet werden. "Die Gefahr besteht, dass einige Schulen zu Restschulen für Bildungsverlierer werden", sagt Mescher. Die Sorge ist nicht unbegründet: "Wenn die Integration wegen fehlender Finanzierung scheitert, wenden sich die an Bildung interessierten Eltern von der Stadtteilschule ab", droht die Hamburger Gemeinschaft der Elternräte an Stadtteilschulen. Auch einige Eltern von behinderten Kindern sind skeptisch. Sie haben Angst, dass Lernen unter diesen Umständen noch schwieriger wird.

Wissenschaftler Grewe fordert vor allem Bedächtigkeit: "Die Schulbehörden sollten mit wenigen Schulen anfangen, die sie richtig gut ausstatten. Dann kann Inklusion Schritt für Schritt ausgebaut werden ohne dass die Kinder ihrem Schicksal überlassen werden."

Inklusion: Im internationalen Vergleich sind 85 Prozent der behinderten Kinder integriert

Inklusion: Im internationalen Vergleich sind 85 Prozent der behinderten Kinder integriert

Foto: SPIEGEL ONLINE

Derzeit beschwichtige sie noch die Eltern, sagt die Hamburger Lehrerin. Sie hoffe, dass es doch irgendwie gelingt.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version der Grafik waren zwei Bundesländer vertauscht. Wir haben den Fehler korrigiert und bitten, ihn zu entschuldigen.

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