Lehrer-Umfrage zur Inklusion Behinderte Schüler? Bitte nicht in meiner Klasse

Eine neue Umfrage zeigt: 41 Prozent der Lehrer lehnen den gemeinsamen Unterricht von Schülern mit und ohne Behinderung ab. Vor allem die Gymnasiallehrer möchten mit Förderschülern nichts zu tun haben.
Inklusionsklasse: Gymnasiallehrer sind misstrauisch

Inklusionsklasse: Gymnasiallehrer sind misstrauisch

Foto: Inga Kjer/ picture alliance / dpa

Behinderte Schüler sollen mit ihren nicht behinderten Altersgenossen in dieselbe Klasse gehen können: Vor einigen Jahren hat die Bundesrepublik eine Uno-Konvention unterzeichnet, die das garantieren soll. Doch die Umsetzung kommt nur langsam voran: Ende April hatte ein Uno-Ausschuss Deutschland kritisiert, weil viele Bundesländer ihre Schulgesetze nur zögerlich anpassen. Nun offenbart eine repräsentative Umfrage, wie drastisch das Misstrauen gegenüber der sogenannten Inklusion ausgerechnet unter Lehrern ist.

Eine Mehrheit von 57 Prozent der Lehrerinnen und Lehrer hält den gemeinsamen Unterricht von Kindern mit und ohne Behinderung zwar für eine gute Idee, wenn die Schulen ausreichend mit Geld und Personal ausgestattet werden. Doch immerhin 41 Prozent der Lehrer sind selbst unter diesen Bedingungen erklärte Inklusionsgegner: Sie halten es in jedem Fall für sinnvoller, wenn behinderte Schüler auf separate Förderschulen gehen. Das Umfrageinstitut Forsa hatte für den Verband Bildung und Erziehung bundesweit 1.003 Lehrer telefonisch befragt. (Hier  finden Sie alle Ergebnisse der Befragung.)

Fast alle Lehrer sind außerdem dafür, dass es auch in Zukunft Sonderschulen für behinderte Kinder gibt. Eine Mehrheit von 55 Prozent findet sogar, dass alle Sonderschularten bestehen bleiben sollten - also auch Schulen für behinderte Kinder, die verhältnismäßig leicht in den Unterricht an einer normalen Schule integriert werden könnten. Lediglich zwei Prozent der Befragten glauben, dass man auf Sonderschulen auf Dauer ganz verzichten könnte.

Wo es Inklusionsklassen gibt, ist die Zustimmung höher

Interessant ist, wie unterschiedlich die Einschätzungen je nach Schulform ausfallen. An Schulen, an denen es Inklusionsklassen gibt, ist die Zustimmung deutlich höher: 65 Prozent dieser Lehrer halten den gemeinsamen Unterricht von behinderten und nicht behinderten Kindern für sinnvoll. Auch unter den Grundschullehrern ist die Zustimmung mit 73 Prozent zur Inklusion groß.

Besonders ausgeprägt ist das Misstrauen dagegen an den Gymnasien: 47 Prozent aller Gymnasiallehrer sind grundsätzlich gegen den gemeinsamen Unterricht von Schülern mit und ohne Behinderung.

Deutlich wurde die Ablehnung kürzlich in Baden-Württemberg, wo die grün-rote Landesregierung die Sonderschulpflicht zum kommenden Schuljahr abschaffen möchte. Schüler mit Handicap könnten dann grundsätzlich auch auf das Gymnasium gehen, wenn die Eltern dies wünschen - auch wenn sie in vielen Fällen vielleicht kein Abitur machen würden.

In einer Stellungnahme  griff der Philologenverband im März diesen Vorschlag scharf an: Behinderte Schüler sollten nur dann auf das Gymnasium gehen können, "wenn sie dem gymnasialen Bildungsanspruch gerecht werden können". Den sogenannten zieldifferenten Unterricht, bei dem Kinder zwar in einer Klasse, aber nicht auf denselben Schulabschluss hin lernen, lehnt der Verband ab. Das könnten andere Schulen besser, argumentieren die Philologen: "Gymnasiale Lehrkräfte sind dafür ausgebildet, den gymnasialen Bildungsplan zu vermitteln, nicht den eigenständigen Bildungsplan der Sonderschulen."

Ein Fall aus dem Südwesten machte vor einem Jahr sogar bundesweit Schlagzeilen. Die Eltern von Henri, einem Jungen mit Down-Syndrom, wollten, dass ihr Sohn nach der Grundschule mit seinen Freunden auf das Gymnasium geht. Doch das Gymnasium lehnte Henri ab. Der Junge wiederholte in der Zwischenzeit das letzte Grundschuljahr und soll nun nach den Sommerferien auf die Realschule gehen.

bkr
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