Innenansicht der Jungen Union "Black is beautiful"

Sie mögen ihr Land und gute Manieren, sie sind adrett und legen Wert auf Stil. Sebastian Puhl, 19, aus Konstanz besucht den Deutschlandtag der Jungen Union. Der konservative Nachwuchs feiert Kanzlerin Angela Merkel, als wäre sie eine Boxerin auf dem Weg zum Ring.

Aus Rust berichtet Mathias Hamann


Deutschland findet er gut, wie die meisten hier. Sebastian Puhl, 19, helles Sakko, blaues Hemd, die Haare ordentlich nach hinten gekämmt, wirkt ein bisschen wie ein junger, englischer Lord mit sehr guten Manieren. Er hält die Tür auf, verbeugt sich leicht, wenn er die Hand reicht, und verteilt auch gern mal Visitenkarten. Auf seinem Revers und seiner Karte prangen zwei Buchstaben: JU, das Logo der Jungen Union.

Gesicht der Schwarzen: Nina, 22, ist die Werbefigur der Jungen Union
Mathias Hamann

Gesicht der Schwarzen: Nina, 22, ist die Werbefigur der Jungen Union

Zum ersten Mal besucht Sebastian einen Bundeskongress der Jungen Union. Die JU, nach eigenen Angaben die größte Jugendorganisation Europas, verkürzt den Kongress nicht etwa zum "BuKo", sondern nennt ihr Treffen "Deutschlandtag". Immerhin hat der Parteinachwuchs von CDU und CSU die wichtigeren Gäste als rote, grüne und gelbe Jungpolitiker, nämlich Bundeskanzlerin Angela Merkel, und er hat die meisten Sponsoren.

So ein Deutschlandtag ist keine geschlossene Veranstaltung, er ist offen für jeden, der sich anmeldet. Die Gäste sitzen dann auf schwarzen Stühlen um die Delegierten herum, diesmal im Europapark in Rust.

Hier sitzt auch Sebastian. Der Jurastudent aus Konstanz ist noch kein Delegierter, die sind meist länger dabei als er und älter. Die Altersgrenze der Jungen Union liegt bei 35 - wie bei den Jusos. Während beim SPD-Nachwuchs in Sachen Dresscode jedoch "Lieber nackt als Nadelstreifen" gilt, tragen bei der JU viele Anzug und Hemd, manche auch Krawatte.

Warum hat Sebastian sich für die Junge Union entschieden? "Seit der sechsten Klasse lese ich Zeitungen, und mir haben immer die CDU-Positionen gefallen." Sein Gesicht beginnt zu leuchten. "Das sind genau meine Werte: Freiheit und das christliche Menschenbild, das finde ich gut." Das würden viele hier so unterschreiben. Gut - das ist sein Wort. Deutschland ist gut, das deutsche Gymnasium ist gut, die deutsche Kanzlerin ist gut.

Gute Manieren, wenig Frauen

Die marschiert zu einem Track der Disco Boys durch die Reihen: "I came for you!" hallt durch die Halle, Angela Merkel steuert auf das Podium zu. Sebastian steht auf und klatscht. Die Junge Union feiert Promis beim Einmarsch, als wären es Boxer auf dem Weg zum Ring. Wenn die ordentlich eindreschen auf den politischen Gegner, gibt das Pluspunkte.

Nach dem Auftritt der Kanzlerin wählt die JU ihren neuen Vorstand. Neun der 22 Mitglieder sind nun Frauen. "Mehr als je zuvor", wie der alte und neue Chef Philipp Mißfelder stolz feststellt. Unter den 260 Delegierten sitzen allerdings 200 Männer.

Erst auf dem Tanzboden stellen Frauen die Mehrheit, bei der Party nach der Tagung. Bis zwei Uhr feiert Sebastian mit und schläft dann in der angemieteten Ferienwohnung. Die richtigen Delegierten betten ihr Haupt auf die Drei- und Vier-Sterne-Kopfkissen der Hotels im Freizeitpark. In Turnhallen schlafen wie die grüne Jugend? Nein, die JU legt Wert auf Stil.

Dazu zählt auch Pünktlichkeit: Am nächsten Morgen um halb zehn sitzen zwei Drittel der Delegierten wieder auf ihren Plätzen, auch Sebastian. Nun diskutieren sie Anträge, manche lang, viele kurz. Wo die Jusos oder die Julis lange labern, geht es bei der JU im Sieben-Sekunden-Takt: "Antrag B111, wer ist dafür?", fragt der Tagungspräsident, "danke, wer dagegen - danke - Enthaltungen - danke, damit ist der Antrag angenommen." Zack, dann der nächste. "Das ist alles im Vorfeld besprochen worden", sagt Sebastian.

In der Vorhalle preist die JU ihre Fanartikel an, der Slogan lautet: "Black is beautiful." Warum ein englisches Motto? Nina, 22, ist das Gesicht der Kampagne, ihren Nachnamen nennt sie nicht gern. Aber sie sagt: "Das kommt aus der US-Bürgerrechtsbewegung. Außerdem zeigt es: Wir sind eine junger, moderner Verband."

Mehr Lobbyisten als bei allen anderen

Neben Nina haben die Sponsoren ihre Stände aufgebaut. 16 Lobbyisten umgarnen die Jungpolitiker - mehr als bei allen anderen Parteijugendorganisationen zusammen. Wieder mit dabei: die Apotheker mit Infos, Tests und Biobirnen. Schon bei Jusos und Julis war die Lobby vertreten. Sebastian versucht sich an einem Gleichgewichtsgerät. Ein paar Meter weiter verteilen Promoter des Tabakriesen Philip Morris Zigaretten, auch wenn drinnen Rauchen verboten ist. In einer Ecke steht die Atomlobby. Die Anstecker mit Nuklearkraftwerk gehen gut weg - die Junge Union ist für Atomkraft.

Was hält Sebastian von den Protesten in Gorleben? "Ich respektiere die Leute, die da ihre Stimme erheben." Aber anketten, blockieren, das findet er "übertrieben". Er sagt: "Die Atomenergie ist eine Ausstiegstechnologie, aber nur mit Ökostrom geht es noch nicht."

Drinnen tritt Volker Kauder auf, Fraktionsvorsitzender der Union im Bundestag. "We will rock you" von Queen stampft durch die Halle. Über eine Stunde redet Kauder, zum Schluss klettern die meisten auf die Stühle, applaudieren stehend. Dann setzt er eine schwarze Kappe auf: "Black is beautiful" steht vorn drauf. Der Saal tobt. Immer wieder singen einige: "Wir wollen die Mütze sehen."

Nach diesem Auftritt wirft Sebastian den Mantel über, geht etwas essen. Andere gehen in den ökumenischen Gottesdienst - ein Programmpunkt, den es bei Jusos, Julis oder der grünen Jugend nicht gäbe. Abends wird noch mal gefeiert.

Am Sonntag sitzen sie wieder in den Reihen, adrett, aber müde. Bis zum Nachmittag tagen sie, stimmen ab, dann endet der "Deutschlandtag" - natürlich mit dem Deutschlandlied. Sebastian singt begeistert mit. Er mag Deutschland.



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