Innenansicht der Jungliberalen Zehn Stunden Reden ohne Pause

Genschers Enkel mögen es flott: Auf ihrem Bundeskongress tagen die Jungen Liberalen nonstop und quotenlos. Das Schnösel-Image will der FDP-Nachwuchs loswerden. Schülerin Lee-Ann Fehse, 16, hebt zum ersten Mal ihren Stimmzettel beim gelben Debattenmarathon.

Aus Pforzheim berichtet Mathias Hamann


Früher wurden Mitglieder der Jungen Liberalen stets als Schnösel abgetan, waren durchweg als Anzugträger mit Schlips um den Hals und Gel im Haar verschrien. Heute erinnert ein Bundeskongress der Julis an einen britischen Uni-Campus: Man trägt Poloshirts, Hemd und Pullover.

Mittendrin sitzt Lee-Ann Fehse, 16. Die Schülerin aus Elmshorn hebt hier zum ersten Mal als Delegierte ihren gelben Stimmzettel. Dafür reiste sie mit ihrem Landesverband Schleswig-Holstein ins badische Pforzheim, wo der Herbstkongress der FDP-Jugendorganisation tagt.

Den blaugelben Juli-Mitgliedsausweis hat sie seit gut zweieinhalb Jahren. "Mir hat sofort das offene Klima bei den Julis gefallen – jeder kann hier seine Meinung sagen", findet Lee-Ann Sie mag auch das demokratische Verfahren der Julis. "Vor den Sitzungen stimmen wir alle vorher ab, welche Anträge in welcher Reiheinfolge behandelt werden." Das Prozedere hat ein Junger Liberaler erfunden. "Das haben wir auch bei der FDP durchgesetzt", sagt der Juli-Bundesvorsitzende Johannes Vogel, 26, stolz.

Auch der Vorsitzende trägt hier Hemd und Pullover. Viele haben sich für Poloshirts entschieden, die Frauen tragen wie Lee-Ann meist Stoffhose und eine Bluse. "Anzugträger mit Gel im Haar, das ist lange her", so Vogel. Gerade steht am Podium sogar jemand mit langen Haaren, das kann jeder sehen, auch im Internet, denn die Julis übertragen ihren Kongress per Livestream.

Doppeltes Stimmrecht für Eltern?

Die Liberalen geben sich betont locker und wollen sich so etwa zum SPD-Nachwuchs abgrenzen. Nicht nur Delegierte dürfen hier vor versammelter Mannschaft Reden halten, sondern alle Mitglieder. Eine Frauenquote gibt es nicht, dafür direkte Debatten, denn immer wieder fragt das Präsidium den jeweiligen Redner: "Lässt du eine Zwischenfrage zu?"

Flott wollen die Julis tagen, aber nicht unkritisch. Das bekommt auch FDP-Generalsekretär Dirk Niebel zu spüren. Im Grußwort erklärt er, auch Kinder sollten ein Stimmrecht haben: "Wir können nicht 17 Prozent der Bevölkerung von den Wahlen ausschließen." Darum sollten Eltern in den ersten Jahren für ihre Kinder das Kreuz machen.

Dafür erntet Niebel heftiges Kopfschütteln und Widerspruch vom Juli-Chef Johannes Vogel. Auch Lee-Ann meint, "bei uns hat man das Kommunalwahlrecht auf 16 abgesenkt. Das hilft auch nicht, die Jugendlichen für Politik zu begeistern." Außerdem hätten die Eltern dann zeitweise ein doppeltes Stimmrecht - und das verstoße gegen das Gleichheitsverständnis der Julis.

Für sich selbst nutzen die Delegierten das doppelte Stimmrecht aber ganz gern. Wenn Ann-Lee etwa mal aus dem holzvertäfelten Tagungssaal verschwindet, drückt sie ihren Stimmzettel dem Sitznachbarn in die Hand, der votiert dann in ihrem Sinn. Denn raus muss hier jeder irgendwann: Die Julis tagen nonstop.

Abendparty im Gewerbegebiet

Bei den Liberalen wird nicht getrödelt oder gemütlich zu Mittag gegessen: Etwas zu beißen kauft sich jeder schnell in der Lobby. Dort versuchen auch einige Verbände, die Jungpolitiker zu umgarnen. Private Krankenkassen bieten Infos, Schokoriegel und Sonderkonditionen für FDP-Mitglieder; beim Verband der Automatenwirtschaft daddeln einige am Flipper oder pokern am Bildschirm.

Und wie bei den Jusos wieder mit dabei: Der Apothekerverband möchte publik machen, welche Gerichtsentscheidungen die Handelsprivilegien beschneiden. Ein Balancebrett fragt am Apothekerstand: "Sind sie ein Wackelkandidat?" Lee-Ann macht da mal mit, und trotz ihrer schicken Pumps attestiert der Apotheker ihr: "Tolles Gleichgewichtsgefühl."

Am späten Nachmittag nutzen immer mehr Delegierte das doppelte Stimmrecht, der Saal lehrt sich. Nach neun Stunden ohne Pause haben immer mehr genug. Weniger Delegierte haben auch einen Vorteil: Die Julis brauchen weniger Kopien. Während die Jusos für 300 Delegierte 170.000 A4-Seiten bedruckten, kommen die Julis bei 200 Leuten auf 15.000 Blatt.

Um 20 Uhr ist Schicht im Schacht, der humane Liberalismus mit der Forderung nach einem Bürgergeld für alle ist beschlossen. Juli-Chef Vogel sagt: "Wir mahnen damit auch die FDP, wir sind sozial und wollen nicht nur Unternehmenssteuern senken." Die Delegierten fahren nun in ihre Drei-Sterne Hotels, ein paar in die Jugendherberge, dort machen sie sich hübsch für die Party.

Andere Parteien kriegen ihr Fett weg

Die findet als geschlossene Veranstaltung im Pforzheimer "Virgin Club" statt, einer Disco mitten im Gewerbegebiet zwischen Küchenstudio und Schuhmarkt. Anfangs kommt die Fete nicht recht in Schwung. "Der DJ spielt nicht gerade tanzbare Musik", findet Lee-Ann. Doch dann bringen "Seeed" mit ihrem zehn Jahre alten Hit "Dickes B" Stimmung auf die Tanzfläche. Lee-Ann klemmt ihre Handtasche unter den Arm und legt los. Auf dem Tanzparkett überwiegen die Frauen, rund 22 Prozent der Juli-Delegierten sind weiblich, doch auf dem Dancefloor haben sie die Mehrheit.

Später am Abend stimmt Johannes Vogel mit allen die Hymne an. Gemeinsam reimen die Jungen Liberalen: "Will die SPD verschulden, werden wir das ihr nicht dulden." Die Grünen finden sie "so betroffen, falsch gefühligkeitsbesoffen". Auch auf die Union kriegt ihr Fett weg, denn mit der CDU "macht Deutschland seine Grenzen zu". Dreimal singen sie ihr Lied und den Refrain: "Freiheit bleibt unser Ideal, denn wir sind jung und liberal." Das muss man mögen.

Am nächsten Morgen um halb zehn sitzt Johannes Vogel adrett auf dem Podium. Lee-Ann trudelt erst später ein, wie die meisten Delegierten. Doch der Saal füllt sich nicht mehr so wie am Vortag, einige reisen schon morgens ab, andere schnappen sich gegen Mittag ihre gepackten Koffer.

Auch Lee-Ann fährt früher, und zum Kongressende um 15 Uhr sitzen nur noch wenige in der Halle. Kein Abschiedslied, gesungen wurde am letzten Abend schon genug - jetzt wollen die Delegierten nur noch schnell nach Hause.



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