Innenansicht der Linksjugend Genosse Pascal ist solide sozialistisch

Zur Partei, zur Partei gehören wir nicht! Pascal, 18, hat eine Ortsgruppe von "Solid" gegründet, dem Jugendverband der Linkspartei. In Berlin trifft er auf Marxisten, Leninisten, Trotzkisten. Doch ihm geht es um Unabhängigkeit - und um den Kampf gegen Rechts.

Von Mathias Hamann


Sein weißes T-Shirt ziert ein kleiner roter Pfeil. In diese Richtung soll es gehen mit der Gesellschaft, jedenfalls wenn Pascal, 18, etwas zu sagen hätte: nach links und nach oben.

Hier, auf der Rosa-Luxemburg-Konferenz, treffen sich im Januar alljährlich Linke und ihre Verbände und Verbändchen aus ganz Europa, darunter Marxisten, Leninisten, Trotzkisten jeder Couleur - zumindest aller Rot-Töne. Und jede Gruppe ist vor allem auf ihre Unabhängigkeit bedacht. Auch Pascal stellt erstmal klar: "Wir betrachten uns als eigenständig und nicht als Nachwuchsorganisation der Partei."

Pascal sitzt an einem Stand, etwas versteckt hinter einem Betonpfahl in der Berliner Urania. Er verteilt Flyer und Broschüren von "Linksjugend - solid", dem Jugendverband der Linkspartei. "Solid" steht für: "sozialistisch, links, demokratisch". Auch den großen "Solid"-Wandkalender für 2009 hat Pascal im Angebot.

Immer sagt Pascal "die Partei", nicht Linkspartei. Darüber muss er selbst ein bisschen schmunzeln. Klar, es gebe auch andere Parteien, aber für ihn sei die Linkspartei einfach "die Partei". Denn an sie richten die Jugendlichen ihre Anfragen und Anträge. "Die Partei" unterstützt "Solid", auch finanziell. So richtig dazugehören wollen die jungen Linken deswegen noch lange nicht; auch Pascal ist noch kein Parteimitglied. Im Vergleich zu den Nachwuchsorganisationen der anderen Parteien, egal ob rot, grün, gelb oder schwarz ist "Solid" die, die sich am unabhängigsten gibt.

Der Kapitalismus wird untergehen, ist doch klar

Zwar versteht sich "Solid" als antikapitalistischer Verband, doch ganz ohne Geld geht es auch bei den Linken nicht. Die Unterstützung der Linkspartei brauchen sie zum Beispiel für Werbematerial und Bands. Kürzlich organisierte Pascal ein Konzert in seinem Bezirk Neukölln für die Kampagne "Aufmucken gegen Rechts".

Pascal: Nach links und nach oben soll es gehen
Mathias Hamann

Pascal: Nach links und nach oben soll es gehen

Linkes politisches Engagement, das kennt Pascal von zu Hause. Sein Vater, Betriebsrat bei einem Lebensversicherer, wettert gegen steigende Profite der Konzerne und gleichzeitige Massenentlassungen. Für den Sohn ist klar: Der Kapitalismus wird irgendwann untergehen.

Konkreter als die Systemfrage ist für Pascal aber die Bedrohung von rechts. Die erlebt er im eigenen Bezirk, von einem Neonazi-Auflauf vor einem Jugendclub in Neukölln erzählt er. Die Präsenz der Rechten wollte er nicht tatenlos hinnehmen. Deshalb ging er zu "Solid". Seinen Nachnamen möchte er auch aus Angst vor rechten Aktionen nicht öffentlich lesen: Nazis könnten ihn dann leichter finden, befürchtet er.

Leicht zu finden ist hingegen seine "Solid"-Ortsgruppe, jedenfalls bei "Myspace": 18 Jahre alt sei sie, Single und weiblich mit 26 Freunden und einer Figur zum Liebhaben. Pascal hat die Ortgruppe im Jahr 2005 selbst gegründet, zusammen mit einem Freund - oder wie es korrekt links heißt: "einem Genossen".

An seinem Gymnasium ist Pascal außerdem Schulsprecher. So fehlt manchmal die Zeit für Hausaufgaben. Gerade macht ihm seine Note im Deutsch-Leistungskurs Sorgen, obwohl sie dort gerade Brecht lesen und der ihm gefällt. Am besten passt jedoch sein politisches Engagement zum Leistungskurs Politische Weltkunde.

Die Schule ist für ihn auch Rekrutierfeld für weitere Unterstützer; Klassenkameraden und Freunde will er zu neuen GenossInnen formen. Fast alle aus der "Solid"-Ortsgruppe besuchen die gleiche Schule wie Pascal.

Pali-Tücher für acht Euro

GenossInnen? Genau: Das gute alte Binnen-I gibt es noch. Bei den Linken wird es großgeschrieben und symbolisiert den Anspruch auf Gleichberechtigung, den Pascal richtig findet: "Wir achten darauf, dass unsere Gremien durch mindestens 50 Prozent Frauen besetzt werden."

Am Tisch von Pascal bei der Luxemburg-Konferenz sitzt allerdings nur ein männlicher Genosse. An anderen Ständen verkaufen Händler und Verlage ihre Bücher, einige T-Shirts mit Rosa Luxemburg oder Che Guevara. Einige haben Palästinensertücher im Angebot, acht Euro das Stück.

Bei "Solid" kosten die Broschüren nichts. "Wir haben ein wenig Kommunismus", grinst Pascal, "hier kriegt jeder, was er braucht." Bald möchte er sich mit seinen Genossen durch die Bibel der Linken lesen, "Das Kapital" von Karl Marx. Deswegen hockt Pascal abends zu Hause und studiert zur Einführung die "Kritik der politischen Ökonomie" von Michael Heinrich.

Pascal rollt einen großen Wandkalender zusammen: "Das ist hier natürlich alles sehr ruhig." Auf dem Bundeskongress im vergangenen Jahr, da sei es anders zur Sache gegangen. Drei Tage, manchmal bis drei Uhr nachts, hätten sie da gesessen. Schlaf? Gar nicht dran zu denken! Nur ein bisschen gefeiert hätten sie, ein paar Bier getrunken und ein paar Tüten geraucht, das gehört dazu - wie bei der "Grünen Jugend". Auch die Linken übernachten auf Isomatten und in Schlafsäcken, manche in der Partei-Geschäftsstelle, andere in Turnhallen.

Rote Nelke für Rosa Luxemburg

Nur kurz schaut Pascal bei der Abschlussdiskussion der Konferenz vorbei, aber die nervt ihn, vor allem weil "man immer wieder auf den Konflikt zwischen Israel und Palästina zu sprechen kommt". Das führe zu nichts oder höchstens zur Frage, ob Israel schuld sei. Pascal ist eher ein Organisator als ein Debattierer. Musikfestivals, Infostände, das ist seine Welt. Natürlich geht Pascal am nächsten Tag auch zum traditionellen Trauermarsch für Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht.

Kurz nach 10 Uhr geht die Prozession über die Frankfurter Allee in Berlin zur Gedenkstätte der Sozialisten. Pascal ist mittendrin, wichtig ist ihm aber: "Das ist keine Veranstaltung unseres Verbands, hier bin ich als Privatperson." Er will dort nicht fotografiert werden, weil nicht nur er auf den Bildern zu sehen wäre, sondern auch andere Genossen - und das könnten dann wieder die Nazis benutzen.

Auf der Frankfurter Allee sammeln sich die Anhänger unterschiedlicher linker Strömungen und tragen ihre Parolen vor, nicht jeder ist davon begeistert. Pascal trägt lieber seine rote Nelke an Rosa Luxemburgs Grab und geht dann still nach Hause.

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