Insel in Geldnot Hawaii erklärt Freitage für schulfrei

Wie gelingt es, in zwei Jahren eine halbe Milliarde Dollar Bildungsausgaben zu sparen? Einfach mal Schulen zusperren, lautet die famose Idee von Hawaiis Regierung. Sie führt die Vier-Tage-Woche ein - freitags haben Schüler und Lehrer demnächst frei. Begeistert ist fast niemand.

Schüler Mark Aoki: "Wir werden das bereuen"
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Schüler Mark Aoki: "Wir werden das bereuen"


So richtig mochte sich Mark Aoki, Schüler in Honolulu, über die zusätzliche Freizeit nicht freuen. "Der 16-Jährige in mir ist ziemlich aus dem Häuschen, dass ich künftig an Freitagen abhängen kann", sagte Mark. "Aber was ich wirklich glaube: Wir werden das bereuen."

Das Geschenk, das dem Schüler eher Sorgen als Freude macht, kommt vom Bildungsministerium des US-Bundesstaates Hawaii: Weil angesichts der Rezession in den nächsten zwei Jahren 469 Millionen Dollar in der Bildung eingespart werden müssen, bleiben öffentliche Schulen bis zum Ende des Schuljahres an den meisten Freitagen geschlossen. Rund 13.000 Lehrer an 256 Schulen werden künftig pro Woche einen Tag weniger arbeiten und rund acht Prozent weniger verdienen.

Das wird Präsident Barack Obama kaum schmecken. Obama, der in Hawaii geboren wurde und dort eine Privatschule besuchte, hatte im März gemahnt, dass US-Schüler im internationalen Vergleich hinterherhinkten, weil sie weniger Zeit in der Schule verbringen. "Ich weiß, dass längere Schultage und -jahre keine besonders populären Ideen sind, aber die Herausforderungen des neuen Jahrhunderts erfordert es, mehr Zeit in den Klassenzimmern zu verbringen", so Obama.

Lehrer stimmten zu - und müssen keine Drogentests mehr fürchten

Und zum Beginn des Schuljahres sagte er in einer Rede an die Schüler der Nation: "Wir können die hingebungsvollsten Eltern, die besten Schulen der ganzen Welt haben. All das wird keine Rolle spielen, wenn Ihr nicht eurer Verantwortung gerecht werdet: wenn Ihr nicht zur Schule kommt, den Lehrern nicht zuhört, nicht auf Eure Eltern, Großeltern und andere Erwachsene hört und nicht die harte Arbeit tut, die man zum Erfolg braucht."

Doch auch in anderen US-Staaten wird an öffentlichen Schulen gespart: Schulbezirke in Kalifornien, Florida und New Mexico zwingen etwa Lehrer, unbezahlten Urlaub zu nehmen - allerdings ohne dafür Schultage zu streichen. Hawaii ist der einzige Staat der USA, der nicht in einzelne Schulbezirke eingeteilt ist, so dass die Regierung direkt über Schulbelange entscheiden kann.

Dort wurde über die neue Regelung abgestimmt. 81 Prozent der Lehrer, die teilnahmen, stimmten zu - wohl auch, weil ihnen zugesichert wurde, dass ihr Anspruch auf bezahlte Urlaubstage nicht angefasst wird. Zudem soll es in den kommenden zwei Jahren keine Entlassungen geben. Und: Die Regierung will auf stichprobenartige Drogentests unter Lehrern erst einmal verzichten.

"So viel wie möglich in die verbleibenden Schultage pressen"

"Wir wissen, dass das einen Einfluss auf die Bildung der Schüler hat", erklärte das Bildungsministerium von Hawaii zur Verkürzung der Schulwoche, die jedoch nicht gesetzeswidrig sei. Eltern und Schulämter laufen Sturm gegen den Sparplan. Vor allem arme Familien erwägen, den Bundesstaat zu verklagen, da sie sich an den freien Tagen nun um eine Betreuung für ihre Kinder kümmern müssten. Anwälte geben ihnen recht: Die kurze Schulwoche werde eine "ungleiche Belastung" für Alleinerziehende und Arme bedeuten.

Auch Jack Jennings vom unabhängigen Zentrum für Bildungspolitik hält nichts von freien Freitagen: "Je weniger Zeit für Schularbeit da ist, desto weniger werden Schüler erreichen." Unterrichtszeit sollte das letzte sein, das in der Haushaltskrise beschnitten wird, so Jennings.

Schon bisher werden Hawaiis Schulen nicht gerade Lorbeerkränze für exzellente Arbeit geflochten. In einer Untersuchung der Schülerleistungen in allen 50 Bundesstaaten landete Hawaii im Jahr 2007 auf Platz 47. Untersucht wurden die Leistungen von Achtklässlern im Lesen und in Mathe. Fällt wie geplant an 17 Freitagen der Unterricht aus, wird auf Hawaii mit insgesamt 163 Unterrichtstagen im Schuljahr künftig so wenig unterrichtet wie nirgendwo sonst in den USA.

Pat Hamamoto, Leiterin der Schulaufsichtsbehörde, räumte ein, dass zwar Zeit zum Lernen verloren gehe und Schüler unter der kurzen Schulwoche leiden müssten. Sie versicherte jedoch, die Schulen würden versuchen, in die verbleibenden Schultage "so viel wie möglich hineinzupressen". Das macht die Sorgen des Schülers Mark Aoki nachvollziehbar.

bim/AP/AFP



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