SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

15. Februar 2010, 09:26 Uhr

Internatsschüler

Hart auf Erfolg getrimmt

Von Beate Schwarz

"Good Morning, Sir!" Noble englische Internate verpassen ihren Schülern den Feinschliff für ein erfolgreiches Leben. Deutsche Kinder und Jugendliche sind sehr willkommen - sofern sie sich den Eintritt in die Welt der Eliten leisten können. Oft sind ihre Eltern überzeugt: Das Geld ist gut angelegt.

Wenige Tage vor der Abreise nach Birmingham steht Finja, 14, im Kinderzimmer in ihrem Elternhaus und überlegt, ob sie ihren Teddy mitnehmen soll. Ihr Reiseziel ist das Malvern College, ein britisches Elite-Internat. Drei Jahre soll sie fort sein, in ihr Zimmer kommt sie dann nur sporadisch als Besucherin zurück. Sie sieht den Teddy an: "Eigentlich brauch' ich den gar nicht mehr. Aber für den Notfall, falls ich doch Heimweh bekomme, nehm' ich ihn mit und versteck' ihn zwischen meiner Wäsche."

Als Finja ins Ausland gehen sollte, "haben wir gewisse Eckpunkte festgelegt", sagt Vater Reinhard Finster, promovierter Philosoph. "Es musste eine Schule gefunden werden, die Wert auf Leistung legt, wo Werte wie Disziplin und Selbstdisziplin gefördert werden. Teamgeist war uns auch wichtig."

Britische Internate stehen in Deutschland hoch im Kurs. Stimmen der finanzielle Rahmen und die Noten, suchen Eltern gern im Mutterland der Internatserziehung eine Alternative zu großen Klassen und gestressten Lehrern im deutschen Schulalltag. Die Privatschulen zielen klar auf Leistung, Disziplin, Respekt. Wer hier reüssiert, verfügt über ein internationales Abitur, geschliffenes Oxford-Englisch und astreine Umgangsformen - und hat damit einen Karrierevorteil gegenüber der Masse der Abiturienten, so hoffen die Eltern.

Den Finsters half bei der Suche nach der richtigen Schule Internatsberaterin Alexandra von Bülow. Mit ihren Noten werde Finja sicher in den besten Internaten angenommen, versprach Bülow und empfahl Malvern College. Der Sprung klappte.

"In der Privatschule erhält Finja den Feinschliff"

Das Lernpensum in England ist straff - Finja begann schon im Sommer zuvor mit intensiver Vorbereitung. Sie las Shakespaere im Original, kaufte sich englische Schulbücher, wiederholte den Stoff der neunten Klasse auf Englisch. Außerdem startete sie ein intensives Langlauftraining - denn in Malvern ist Cross Country der angesagte Sport.

Finja war immer eine Top-Schülerin, betont ihr Vater, "aber in der Privatschule, da erhält sie dann den Feinschliff". Immer mehr Eltern gelangen zu der Überzeugung, dass ihre Kinder anderswo besser als an deutschen Gymnasien ausgebildet werden könnten. Über 2000 deutsche Jugendliche sind zurzeit in englischen Internaten.

Das Eintrittsgeld in den Club der Eliteschüler beträgt in Malvern rund 33.000 Euro pro Jahr. Auch Familie Kaiser aus Wellendingen in der Schwäbischen Alb leistet sich das für ihren Sohn Daniel, 12. Die Herbstferien nutzte die Familie für eine Rundreise zu englischen Internaten - und übernachtete schon mal auf dem Campingplatz, denn die Kaisers zählen sich nicht unbedingt zu den Besserverdienenden.

Im Malvern College durchschreiten Regina und Alexander Kaiser geradezu ehrfürchtig die langen Gänge mit Natursteinböden. An den Wänden hängen großformatige Ölmalereien, allesamt Schülerarbeiten. Dann staunen sie über die Bibliothek, Werkräume für Ton-, Holz-, Steinarbeiten, Schwimmhalle, Hockeyplätze, das Sportstudio.

Britische Internate schätzen deutsche Kundschaft

Rund eine Million englische Pfund setzt das College jährlich um. Den Gewinn muss das Unternehmen Schule laut Gesetz vollständig reinvestieren. So werden die jahrhundertealten Gebäude in Schuss gehalten, aber auch neueste Computer angeschafft und moderne Sportstätten errichtet.

"Was hier aus den Kindern rausgeholt wird, ist schier beeindruckend", sagt Regina Kaiser. "Davon kann man in Deutschland, zumal auf dem Land, ja nur träumen." Ihr Sohn Daniel wünscht sich nun nichts sehnlicher, als dazuzugehören - wenigstens für ein Jahr. Die Kaisers denken schon darüber nach, das Geld anzubrechen, das für ihre Altersversorgung gedacht war.

Die britischen Internate schätzen die Deutschen als Kunden; deutsche Schüler nehmen die britische Kultur und Lebensart leicht an. Ein Jugendlicher müsse sich wohlfühlen in seiner Umgebung, nur dann könne er auch volle Leistung zeigen, so das Credo von Schulleiter Anthony Clark. Höchstleistungen und gute Noten sind wiederum gut für das Schul-Image und den Platz im Ranking. Aktuell belegt Malvern den vierten Platz in Großbritannien. Im vergangenen Jahr war Clark auf einem Kurztrip durch drei deutsche Großstädte: zur Kontaktpflege.

Finja hat sich gleich gut eingelebt und in der Zimmergenossin Mara aus München eine Gefährtin gefunden. Der Teddy schlummert zwischen Wäschestücken - für Gedanken an Zuhause scheint keine Zeit: Wecken um 7.20 Uhr, Frühstück ab 7.30, Appell um 8.10, Kirchgang, Unterricht, Mittagessen, wieder Unterricht, dann Sport. So ist jeder Tag minutiös geplant bis zum Ende der Hausaufgabenzeit um 21 Uhr.

Gruppenzwang der erwünschten Art

Wie alle Neuankömmlinge war Finja von Beginn an bestrebt, sich einzufügen, nicht zu spät zu kommen, alles richtig zu machen. Anpassung ist hier kein Schimpfwort. Und wer alles mitmacht, wird durch gute Noten belohnt. Fast alle deutschen Schüler sind hier, weil sie mehr wollen: mehr lernen, mehr wissen, mehr Kontakte knüpfen. Es würde für sie keinen Sinn ergeben, sich den Vorgaben der Schule zu verweigern - so sehen es die meisten Jugendlichen hier.

Daraus entsteht ein Gruppenzwang der erwünschten Art: "Wenn alle lernen, ist es öde, einfach nur in den Gängen herumzulungern", sagt Philipp Muhle, 16. Zuhause in Berlin sei er doch mehr mit Freunden unterwegs gewesen und irgendwie abgelenkter. Hier sei das Ziel klar.

Die Zerstreuungmöglichkeiten sind in seiner neuen Heimat begrenzt. Zwar gibt es Ausgangszeiten, doch Malvern ist ein kleines Städtchen mit zwei Pubs. Im College selbst gelten strenge Besuchsregeln für Bekannte des anderen Geschlechts - "never after supper" und "never in the bedroom", nie nach dem Abendessen und nur in Gemeinschafts-, nicht in Schlafräumen.

Zur Kontrolle liegen Eintritts- und Ausgangslisten aus. Selbstverständlich werden Verstöße bestraft. Auch Facebook ist nicht erlaubt, der Zugang gesperrt. Dennoch haben die meisten Schüler eher das Gefühl, als werde ihnen eine neue Welt eröffnet. Finja und ihre neue deutsche Freundin haben so viel wie nur irgend möglich in ihren Stundenplan gepresst: zum Pflichtprogramm auch noch einen Nähkurs, Unterricht in Sprechen und Darstellen, Querflöte, Wandern. Und beim Cross-Country-Lauf ist Finja ebenso dabei.

Immer geradeaus bis zum Top-Job

Die Lust am Ausprobieren weicht bei etwas älteren Schülern wie Philipp der Hoffnung, dass die Anstrengung sich wirklich lohnt. Das internationale Abitur (International Baccalaureate), das die meisten anstreben, ermöglicht ein Studium an englischsprachigen Unis. Vielleicht stehen ihnen die noblen Wissenstempel von Oxford oder Cambridge offen, für deutsche Gymnasiasten meist unerreichbar.

Philipps Freund Sascha Schmeken, 16, aus Düsseldorf formuliert eine einfache Gleichung: "Wenn man hier einen guten Abschluss macht, kommt man auf eine Top-Uni. Wenn man auf einer Top-Uni war, bekommt man einen Top-Job. Und wenn man einen Top-Job hat, dann hat man ein gutes Leben." Philipps und Saschas Lieblingsfach ist Wirtschaft. In Malvern unterrichten Wirtschaftswissenschaftler, nicht selten selbst Absolventen einer Top-Uni. Sascha fühlt sich hier genau richtig. Er möchte später auf jeden Fall "in der Wirtschaft" arbeiten, am liebsten bei einer Unternehmensberatung.

Finja hat noch keine genauen Zukunftspläne, vielleicht Jura, internationales Recht. Zielstrebig ist sie allemal. Bei ihrem allerersten report, einer Zwischenbewertung vor den Klausuren, bescheinigte ihr die Tutorin: "Es gibt wirklich kein einziges Problem in irgendeinem deiner Fächer. Das ist sehr selten. Ich bin sehr zufrieden mit deiner Arbeitshaltung."

Die strenge Rundumbetreuung des Internatslebens stört Finja und die anderen deutschen Schüler nicht. Sie sehen es als Vorbereitung für ein Leben auf der Erfolgsspur - nur ausscheren darf man nicht.

URL:

Verwandte Artikel:

Mehr im Internet


© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung