Interrail-Tagebuch Unendliche Schmerzen, unendlicher Spaß

Elf Länder in 22 Tagen? Weil sich Max Lüderwaldt und seine Freunde nicht einig sind, wo es hingehen soll, fahren sie überall hin - das Interrail-Ticket macht's möglich. Die vier schleppen ihr Gepäck durch Schottland und streiten mit einem kroatischen Taxifahrer. Sie finden: europäische Freiheit.

Max Lüderwaldt

Die ganz große Freiheit bei ganz kleinem Budget: So lautet seit 40 Jahren die Verheißung von Interrail, einer besonderen und sonderbaren Form von Urlaub, mit der schon meine Eltern dem Urlaub mit den eigenen Eltern entkamen.

Richtig billig war und ist der Eisenbahnurlaub zwar nicht - 1000 Mark kostete allein das Ticket für ganz Europa, heute sind es knapp 330 Euro für 22 Tage - aber günstiger bekommt man eine Europarundreise sicher nicht. Und das Reisen auf der Schiene hat allerhand Vorzüge.

Schon meine Eltern waren so durch Europa gegondelt und warteten vor meiner Reise mit einigen Anekdoten auf: Zum Beispiel sollen früher Dutzende Jugendliche am Bahnhof übernachtet haben, um Geld zu sparen. Was wir erlebt haben: Die Polizei greift meist hart durch und duldet keine Schlafsacklager in Bahnhofsnähe.

Wir versuchten es daher gar nicht erst und beschränkten uns auf Jugendherbergen und Campingplätze. Bei den Übernachtungen lebten wir sparsam, etwa mit 15 Euro pro Person auf einem Oxforder Campinglatz und in London sogar einmal ganz ohne Schlaf. Unsere teuerste Unterkunft war ein Jugendherbergsbett für 30 Euro in Venedig.

Durchmachen in London, aasen in Venedig

Ein Interrail-Urlaub kann man auf zwei Arten planen: Entweder steht beinahe jede Zugverbindung, Jugendherberge und jedes Restaurant von Anfang an fest - oder man fährt los und lässt sich praktisch entlang der Schienen treiben. Wir versuchten beides: Die erste Hälfte unserer rund dreiwöchigen Reise haben wir komplett durchgeplant, während wir die zweite Hälfte weitgehend spontan gestaltet haben. Was besser funktioniert, ist schwer zu sagen. Plant man mehr, sieht man mehr. Plant man weniger, reist es sich entspannter. Vermutlich ist eine Mischung die beste Lösung.

Wir starteten zu viert, das heißt, mit mir reisten Lucas, 17, Dominik, 17, und Silvan, 18, mit denen ich auch zusammen zur Schule gehe. Wir schafften erstaunliche elf Länder in gut drei Wochen: Österreich, Kroatien, Ungarn, Slowenien, Italien, Schweiz, Frankreich, England, Schottland, die Niederlande und Belgien haben wir gesehen, und teilweise war es eine ziemliche Hetzerei.

Dass es so viele Länder waren, lag an einem Kompromiss, auf den wir uns nach mehreren Vortreffen einigten. Silvan wollte nach Skandinavien, Lucas ans warme, südliche Meer, ich in den Osten und Dominik nach Großbritannien. Merke: Je mehr Leute mitfahren, desto schwieriger ist es, sich auf eine Route festzulegen. Klar ist: Wer Interrail in diesem Tempo machen will, muss fit sein.

Wenn man so viele Länder im Schnelldurchlauf bereist, fallen einem Unterschiede besonders stark auf. Zwar gaben sich die Leute überall Mühe, freundlich zu Touristen zu sein. Dennoch liegt in jedem Land eine andere Stimmung in der Luft. In Kroatiens Hauptstadt Zagreb etwa wirkten die Menschen irgendwie depressiv. Auf öffentlichen Plätzen herrschte meist gespenstische Stille, viele Leute schauten beim Laufen auf den Boden.

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Urlaubsplanung: Mama, Papa, Schatzi - oder die beste Freundin?
Am nettesten waren die Menschen auf der Reise in London, wohl auch wegen der Olympischen Spiele. Überall waren ständig lächelnde "Volunteers", die einem die Wünsche von den Lippen ablasen. Halsstarrig zeigte sich die Rezeptionistin der Jugendherberge in Venedig. Weil eine Reservierung 24 Stunden vor einer Übernachtung gekündigt werden muss, wir aber schon eingecheckt hatten, konnten wir die kommende Nacht nicht mehr stornieren. So zwang sie uns, einen Tag länger als gewollt in Venedig zu bleiben.

Wichtig ist natürlich, dass man möglichst planvoll den Rucksack packt. Das Zelt muss mit, Wanderschuhe auch - aber man spürt jedes halbe Kilo auf den Schultern. Praktisch an dem Ding auf dem Rücken ist aber: In vollen Zügen, in die wir meist ohne Reservierung stiegen, ist es ein guter Sitz, ehe man im Gang auf dem Boden kauert.

Besonders laut stöhnte immer derjenige, der gerade den Essensrucksack tragen musste. Der enthielt haltbare Vorräte, die wir in einem Großeinkauf vor der Reise besorgt hatten. Im nordschottischen Inverness kam es wegen dieser Bevorratung zu einem kleinen Eklat: Zwar hatten wir in unserem Futtervorrat gute Dosenravioli dabei, einen Kocher auch - nur für den Dosenöffner hatte sich keiner zuständig gefühlt. Meist hieß unsere Notlösung dann doch Fast Food. Darauf ist überall Verlass.

Das Allerwichtigste ist auf einer Interrailreise natürlich das Ticket, man sollte es ebenso gut hüten wie den Ausweis oder den Bargeldvorrat. Denn beinahe hätte uns Lucas' Handtuch den ganzen Urlaub ruiniert. Es lag über Nacht zum Auslüften über Silvans Zelt. Als mitten in der Nacht der Regen losprasselte, ließ das völlig durchweichte Frottee-Ding das halbe Zelt einstürzen, der Wassereinbruch erwischte auch unsere Tickets und hätte sie beinahe in nutzlosen Papiermatsch verwandelt

Kein Zug nach Zagreb? Einfach mal auf dem Smartphone checken

Trotz Finanz- und Währungskrise und den seit einigen Jahren wieder auflebenden Stereotypen der Deutschen über Südländer und umgekehrt - Europa ist eine wunderbare Sache. Wir mussten nur in Kroatien und Großbritannien durch eine echte Grenzkontrolle, nur in den wenigsten Ländern mussten wir Geld tauschen. Mag der Euro gerade umstritten sein, für uns war er ein wunderbar einfaches Zahlungsmittel. Auch bei den Handykosten ist es hilfreich, dass die Tarife inzwischen EU-einheitlich sind. Gerade dass wir immer wieder auf das Internet zugreifen konnten, war ein Segen, wenn wir zum Beispiel auf einem kroatischen Bahnhof mal kurz mit dem Smartphone die Verbindungen checkten.

Richtig gestrandet sind wir nur einmal, und zwar auf dem Weg von den Plitvicer Seen nach Zagreb. Wir saßen am Eingang des Nationalparks und warteten vergeblich auf den Bus, der eigentlich jede Stunde fahren sollte. Unsere Notlösung war ein seltsames Großraumtaxi. Der Fahrer forderte uns barsch und mit Nachdruck auf, schnell einzusteigen, ganz geheuer war es uns nicht, und wir lehnten ab.

Als er dann nach einer Stunde wieder auftauchte und wir keinen anderen Weg sahen, aus Plitvic wegzukommen, handelten wir einen Preis von zehn Euro pro Person aus. Spottbillig für eine Fahrt von 140 Kilometern, fanden wir. Der Taxifahrer stellte sich als sehr lustiger Gesprächspartner heraus. Seinem bruchstückhaften Deutsch konnte ich entnehmen, dass unser Chauffeur mal als Bauarbeiter gearbeitet hatte. Als Taxifahrer war er allerdings nicht besonders. Bei seinen abenteuerlichen Überholversuchen krallten wir uns immer wieder an den Sitzlehnen fest.

Abends redeten wir oft darüber, dass dies unsere letzten Sommerferien sind. Ich war ja bereits ein Jahr in Amerika, die anderen aber waren noch nie länger alleine von zu Hause fort. Freiheitsdurst und Reiselust erfassten bald die ganze Gruppe, und Lucas verkündete nach wenigen Tagen, er werde nach dem Abi im nächsten Jahr erst einmal für längere Zeit auf Reisen gehen. Klingt nach einem guten Plan.



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chb_74 10.09.2012
1. Dosenöffner
"...nur für den Dosenöffner hatte sich keiner zuständig gefühlt" -> ein Schweizer Messer hat schon in der kleinen Ausstattung einen Dosenöffner dabei. Ohne kleinen Taschenwerkzeugkasten quer durch Europa zu fahren ist schon recht optimistisch... ;-)
donadoni 10.09.2012
2. Ach - Interrail: Nostalgie pur
Wenn das Zauberwort "Interrail" kommt, ist man selbst als gesetzter Zeitgenosse richtig elektrisiert. Ich wusste gar nicht, dass es diese Einrichtung heute noch gibt. Die Zielgruppe ist wohl jene, die altersbedingt noch keinen Führerschein haben kann (unter 18?) und noch kein Auto hat. Ich war damals 17 1/2 und fuhr mittels Interrail mit dem Hellas-Express nach Griechenland. Heute gibt es diese direkte Verbindung gar nicht mehr. Zeit spielte damals keine Rolle, drei Übernachtungen im Zug nahm man in Kauf. Wie lange das schon her ist, erkennt man auch daran, dass es den Staat Jugoslawien gar nicht mehr gibt. Der Zug war voller "Gastarbeiter" mit Koffern, es war mitten im glühend heißen Monat August. Von Salzburg nach Lubljana hielten wir uns auf den Waggongängen vor der Toilette auf - es war Abenteuer pur. Man kam mit Land und Leuten in Kontakt, im kalten Krieg damals waren die jugoslawischen Schaffner nicht gerade erfreut, die langhaarigen Twens aus dem Westen zu sehen. In Kroatien liefen die Hausschweine der Bauern auf den unbefestigten Straßen frei herum. Der Zug fuhr so langsam, dass man alles genau beobachten kann. Interrail heißt und hieß auch, nicht duschen zu können, zu schwitzen, mit schweren Rucksäcken durch die Gegend zu laufen, sich auf Englisch durchzufragen, nie zu wissen, wo man abends schläft. Die Kofferträger von Belgrad, die jeden Touristen "überfielen" und kassierten, die Bettler an den Zugfenstern und dann die Vielfalt von Loks, ob elektrisch oder mit Dieselantrieb. Nie mehr war man so unbeschwert, wohl des Alters wegen und auch wegen des Abenteuers einer Reise durch die große, weite Welt erstmals ohne Eltern. Interrail hieß auch heiße Nächte in Athen, 40 Grad hatte es damals locker, die ungemeine Gemeinsamkeit mit Gleichaltrigen aus Skandinavien oder dem damaligen Ostblock. Mein Gott, man könnte noch so viel erzählen. Nach ca. drei Wochen war das Abenteuer dann wieder vorbei. Athen - München, eine Weltreise, den Kopf voller Erlebnisse. Ich möchte diese Reise niemals missen, allerdings nur einmal in einem passenden Alter damals, nämlich als 17-Jähriger, sie absolviert zu haben: Zum richtigen Zeitpunkt im richtigen Alter die richtige Reise gemacht zu haben. Man merkt hoffentlich, dass mein Text hier eine einzige Liebeserklärung an Interrail ist und wenn man so will an die Teenie-Zeit, trotz oder gerade, weil man kaum Geld hatte. Es war eine schöne Zeit.
Stäffelesrutscher 10.09.2012
3.
Zitat von sysopMax LüderwaldtElf Länder in 22 Tagen? Weil sich Max Lüderwaldt und seine Freunde nicht einig sind, wo es hingehen soll, fahren sie überall hin - das Interrail-Ticket macht's möglich. Die vier schleppen ihr Gepäck durch Schottland und streiten mit einem kroatischen Taxifahrer. Sie finden: europäische Freiheit. http://www.spiegel.de/schulspiegel/ausland/0,1518,854166,00.html
"Wir schafften erstaunliche elf Länder in gut drei Wochen: Österreich, Kroatien, Ungarn, Slowenien, Italien, Schweiz, Frankreich, England, Schottland, die Niederlande und Belgien" Es sind nur zehn Länder. Schottland und England sind seit 1707 vereint. Seufz.
blowup 10.09.2012
4. 2 Interrails
Ich habe mit ca. 20 zwei Interrails gemacht. War eine tolle Erfahrung und hat mein Bild von Europa geprägt. Habe mich einfach treiben lassen. Den ersten Zug genommen, der am ersten Tag um 2:20 abging. Dann irgendwo hinter Aachen die erste Entscheidung: Paris oder Oostende? Am nächsten Tag den ungewohnten Rucksack durch London geschleppt. Ziemlicher Stress. Als Nachtquartier den Zug nach Aberdeen genommen. Ausgestiegen, Nebel und Mistweetter. Kurz gefrühstückt und wieder in den Zug. Das nächste Frühstück gabs dann in Basel ;-) Danach habe ich es ruhiger angehen lassen und eine schön Zeit in Südfrankreich, Spanien und Italien gehabt. Im Nächsten Jahr ging es dann direkt über Brindisi nach Griechenland und auf dem Rückweg über die französische Atlantikküste nach Hause.
hoffer 10.09.2012
5. Weniger ist manchmal mehr.
Ein Schweitzer Messer und eine Tube Rei gehören wohl zur Grundausstattung. Bin als Jugendlicher früher im Sommer öfters quer durch Europa getrampt. Teilweise bis nach Afrika rüber. Ca. 4-5000 km im Schnitt. In der Regel bin ich nur bei symphatische Fahrer und sich lohnende Strecken mitgefahren. Fast täglich habe ich Übernachtungsangebote bekommen. Oft habe ich Einladungen und Mitfahrgelegenheiten abgelehnt, weil ich nicht nur im Auto sitzen oder mich nicht zu sehr binden wollte. Der Weg war wichtiger als das Ziel! Wenn mir eine Gegend besonders gefallen hat, bin ich dort erstmal hängen geblieben. Arme, reiche und teilweise berühmte Leute habe ich damals kennengelernt. 1000 DM und ein ! kleiner ! Rucksack haben für mehrere Wochen gereicht. Nie bin ich in dieser Zeit in eine gefährliche Situation geraten. Damals war das wohl noch möglich, da ein ganz anderer Zeitgeist als heute herrschte. Die organisierten Interrailpackesel mit ihrem schweren Gepäck, eingesperrt in ihren Zügen, waren damals nicht mein Fall. Interessant mag Interrail heutzutage noch für Jugendliche sein, aber mit Onlinehandydatenbank und EC-Karte bestimmt weniger abenteuerlich als früher. Land und Leute lernt man intensiver in der Provinz als durchs Abklappern der großen Hauptstädte kennen. Vielleicht sogar das Handy zu Hause lassen und unterwegs nur an kleinen Bahnhöfen aussteigen. Lieber ein kleines Zimmer mit Familienanschluß außerhalb des Touristenstroms, als ein Youthhostel in der Hauptstadt. 2 Tage pro Land inclusive Fahrt, in kuzer Zeit so viele Länder wie möglich, ob das ergiebig ist?
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