Interview "Deutschland steckt in einer Schreibkrise"

Bei der Pisa-Studie wurden deutsche Schüler klar abgehängt. In ihrem neuen Buch diagnostizieren zwei Berliner FH-Dozenten gar eine "Schreibkrise" an Schulen, Hochschulen und auch im Beruf. Im Interview erklärt Autorin Barbara Schulte-Steinicke, woran es hapert.


Frau Schulte-Steineke, in einer Untersuchung konstatieren Sie gemeinsam mit Ihrem Kollegen Lutz von Werder eine Schreibkrise - bei einem Volk, das einmal stolz auf seine Dichter und Denker war. Warum machen Sie uns Angst?

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Klaus Ketterle

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Barbara Schulte-Steineke:

Wir wollen niemandem Angst machen, sicherlich nicht. Wir denken allerdings, dass die Ergebnisse unserer Studien in der Tat besorgniserregend sind.

Warum das?

Schulte-Steineke: Weil sie besagen, dass in Deutschland zumindest von der weiterführenden Schule an die Schreibqualität rapide sinkt, ob Gymnasium oder Gesamtschule über die Hochschule bis in den Bereich zumindest der jungen Akademiker hinein in den Beruf.

Woran kann man das feststellen?

Schulte-Steineke: Man kann es feststellen an den Aussagen der Lehrenden, die wir an Schulen und Hochschulen befragt haben, der Entscheidungsträger in der deutschen Industrie über ihre leitenden Manager und deren Schreibqualität. Und auch an Aussagen der Studierenden selbst, die sich zum Beispiel bei uns im Haus, an der Alice-Salomon-Fachhochschule in Berlin, durchaus Schreibtraining gewünscht haben und es übrigens auch bekommen haben. An der FH bieten wir so etwas regelmäßig an. Es ist zum Teil auch im Curriculum verankert: Schreibtraining über das hinaus, was ursprünglich in der Grundschule und zum Teil auch im Deutschunterricht an den weiterführenden Schulen angeboten wird. Das ist natürlich notwendig, reicht aber ganz offensichtlich nicht.

Dabei zeigen internationale Studien doch, dass unsere deutschen Grundschulen es ganz gut schaffen, Grundkompetenzen zu vermitteln.

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DPA

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Schulte-Steineke: Das kann ich durchaus bestätigen. Der Deutschunterricht in den Grundschulen baut in den letzten Jahren ziemlich stark auf Ansätzen auf, die es eigentlich schon im letzten Jahrhundert in den zwanziger Jahren in der Reformpädagogik gegeben hat, und verstärkt sie, nämlich an den subjektiven Kompetenzen und an der Erfahrungswelt der Schülerinnen und Schüler. Das heißt, sie werden durchaus gelehrt, kleine Texte und Geschichten aus ihrer eigenen persönlichen Erfahrung erst einmal niederzuschreiben und sie später dann formal auch auf Rechtschreibung und ähnliches zu korrigieren. Das fällt an der weiterführenden Schule fast ganz weg, an der Hochschule völlig. Das ist auch im Beruf natürlich gar nicht mehr gefragt, ist aber als Kompetenz notwendig, um einen längeren und gehaltvollen, in sich stimmigen und lebendigen Text zu schreiben.

Demnach sind deutsche Manager, die ja hoffentlich gute Rechner sind, beim Schreiben unterqualifiziert?

Schulte-Steineke: Unterqualifiziert und damit durchaus auch in der internationalen Konkurrenz nicht sehr weit vorne stehend.

Welche Folgen hat das für die Wirtschaft?

Schulte-Steineke: Das lässt sich leicht denken, wenngleich in dieser Hinsicht noch Nachfolgeuntersuchungen nachgeschoben werden müssen. Aber wenn man in der Konkurrenz auf dem Gebiet der Kommunikation schlecht dasteht, bedeutet das zum Beispiel letztendlich, sich nicht so präsentieren zu können, dass dieser oder jener Auftrag reinkommt.

"Campus & Karriere" / Deutschlandfunk




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