Interview mit Bildungsministerin Bulmahn "Ein Armutszeugnis"

Deutsche Schüler sind mittelprächtig, jeder fünfte 15-Jährige kann nur auf Grundschulniveau lesen und schreiben - solche Pisa-Ergebnisse findet Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn beschämend. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview stellt sie die frühe Auslese von Viertklässlern in Frage und sieht für die Hauptschulen keine Zukunft.

SPIEGEL ONLINE:

Die Bundesländer betrachten die neuen Pisa-Ergebnisse als Bestätigung ihrer Schulpolitik, die OECD dagegen bemängelt fehlenden Reformwillen in Deutschland. Wie interpretieren Sie die Studie?

Edelgard Bulmahn: Deutschland konnte sich in zwei Bereichen - Mathematik und Naturwissenschaften - leicht verbessern. Das ist erfreulich, aber insgesamt liegen wir trotzdem weiterhin nur im Mittelfeld, und das ist eine Position, die uns nicht zufriedenstellen darf. Wir müssen das Ziel haben, wieder in die Spitzengruppe zu kommen; wir müssen unter die ersten fünf gelangen. Natürlich weiß ich, dass das nicht innerhalb von zwei oder drei Jahren möglich ist.

SPIEGEL ONLINE: Die aktuellen Ergebnisse sind also als Ansporn zu verstehen?

Bulmahn: Ja, in dieser Hinsicht schon. Wir dürfen aber auch die bedrückenden Erkenntnisse von Pisa II nicht übersehen: Die Zahl der so genannten Risikoschüler ist unverändert groß. Hier hat sich faktisch nichts verändert. Jeder fünfte Schüler verlässt die Schule mit so schlechten Kenntnissen, dass er sehr, sehr schlechte Chancen hat, überhaupt einen Ausbildungs- oder Arbeitsplatz zu finden. Das ist unerträglich, und das muss geändert werden. Die fortgesetzte Vernachlässigung schwächerer Schüler ist ein Armutszeugnis und für ein Land wie Deutschland beschämend.

SPIEGEL ONLINE: Was muss geschehen?

Bulmahn: Dass man etwas tun kann, zeigen andere Länder. Zwingend notwendig ist, dass die Schulen in sozialen Brennpunkten erheblich mehr Unterstützung erhalten. Wir schenken gerade diesen Schulen nicht genug Aufmerksamkeit. Die Lehrerinnen und Lehrer dürfen in diesen Schulen nicht allein gelassen werden. Sie brauchen mehr Unterstützung - durch Kinder- und Jugendarbeit, aber auch durch Fachleute von außen, durch eine engere Zusammenarbeit mit Unternehmen. Die Schule muss Kindern und Jugendlichen einfach eine andere Lern-Atmosphäre bieten können: eine Lernumgebung, die sie wieder stärker zu Bildung und Lernen motiviert.

Foto: DER SPIEGEL
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Die neue Pisa-Studie der OECD
Bei Pisa 2000 erreichte Deutschland im Fach Mathematik Rang 20. Unter den damals vertretenen Ländern würde Deutschland heute Rang 16 belegen. Im Fach Lesen damals Rang 21, heute Rang 18. In den Naturwissenschaften damals Rang 20, heute Rang 15.

Mathematik

Lesen

Naturwissenschaften

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SPIEGEL ONLINE: Die Bundesländer sehen das dreigliedrige Schulsystem durch die jetzt vorgelegten Ergebnisse nicht in Frage gestellt...

Bulmahn: Wir müssen uns ernsthaft fragen, ob die frühe Auslese von Zehnjährigen nach der vierten Klasse der richtige Weg ist. Es ist schon ziemlich auffällig, dass all jene Länder, die wie Deutschland oder auch Ungarn ein dreigliedriges Schulsystem haben, es nicht schaffen, gerade den Schülerinnen und Schülern aus bildungsfernen Schichten oder aus sozialen Brennpunkten deutlich bessere Bildungschancen zu eröffnen. Das ist also ein strukturelles Problem des dreigliedrigen Schulsystems, das man nicht einfach ignorieren darf.

SPIEGEL ONLINE: Gehört also die Abschaffung von Gymnasien, Real- und Hauptschulen zu den jetzt anstehenden Reformprojekten?

Bulmahn: Ich glaube nicht, dass die Hauptschule auf Dauer ein erfolgreiches Modell ist. Aber wir haben wichtige Reformschritte bereits begonnen. Sie müssen nun vor allem zügig weitergeführt werden. Dazu gehört, die frühkindliche Bildung zu verbessern, in den Kindergärten stärker die Sprachentwicklung von Kindern zu fördern und den Wissensdurst, den Kinder dort haben, einfach viel stärker für Lernen und Bildung zu nutzen. Außerdem muss der von der Bundesregierung angeschobene Ausbau der Ganztagsschulen konsequent fortgesetzt werden. Sie bieten einen deutlich besseren Rahmen für die Entwicklung eines guten Lernklimas und auch mehr Möglichkeiten für die individuelle Förderung von Kindern.

SPIEGEL ONLINE: Das stellt aber auch neue Anforderungen an die Lehrerinnen und Lehrer.

Bulmahn: Natürlich gehört die Lehrerausbildung zu den Bereichen, die verbessert werden müssen. Ich halte das für ganz wichtig, sowohl in der Erstausbildung wie auch in der Fort- und Weiterbildung. Außerdem brauchen wir eine Weiterentwicklung der Bildungsstandards und ihre Überprüfung. Dabei dürfen nicht nur die Leistungen der einzelnen Schüler getestet werden. Wir müssen vielmehr die Leistung des gesamten Bildungssystems auf den Prüfstand stellen. Schließlich zeigen gerade die internationalen Bildungsvergleiche, dass die Leistungsüberprüfung, die Evaluierung der Schulleistung, von zentraler Bedeutung für Qualitätsverbesserungen im Unterricht ist.

SPIEGEL ONLINE: Bringt die Pisa-Studie auch neuen Schwung in die Föderalismus-Verhandlungen? Es gibt ja heftigen Streit um die Zuständigkeiten in der Bildungspolitik, einige Länder würden die Bildung dem Bund gern komplett abnehmen.

Bulmahn: Pisa II zeigt, dass das Sinus-Programm, das Bund und Länder 1999 gemeinsam zur Verbesserung des Mathematikunterrichts auf den Weg gebracht haben, ganz offensichtlich positive Folgen hatte. Von einer direkten Korrelation kann man zwar noch nicht sprechen. Aber vor diesem Hintergrund ist es mehr als fragwürdig, wenn jetzt Ministerpräsidenten wie Herr Koch fordern, dass die Länder ein Monopol in der Bildung erhalten. Aus der Pisa-Studie kann man dies jedenfalls nicht ableiten.

Das Interview führte Armin Himmelrath

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