SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

24. September 2004, 14:09 Uhr

Interview mit dem Lehrer des Jahres

"Wir können nichts dafür, dass wir zu alt sind"

Nach der OECD-Lehrerstudie stehen die deutschen Pädagogen in der Kritik: Überbezahlt, überaltert und untermotiviert seien sie. Winfried Sturm, Lehrer des Jahres 2004, verteidigt im Interview mit SPIEGEL ONLINE seinen Berufsstand - und erklärt, was die DDR dem bundesdeutschen Schulsystem voraus hatte.

SPIEGEL ONLINE:

Nach der OECD-Lehrerstudie fordern einige Bildungspolitiker, den Beamtenstatus für Lehrer abzuschaffen. Würde das etwas ändern an den Schulen?

Winfried Sturm unterrichtet seit 1974 Mathe und Physik am Faust-Gymnasium in Staufen (Baden-Württemberg). Er wurde von seinen Schülern als "Lehrer des Jahres" vorgeschlagen und im Mai 2004 mit dem Preis ausgezeichnet. Sie lobten Sturms "Unterricht im Überschalltempo" und seine skurrilen Tüfteleien. Sturms "Hardware-AG" gewann mehrere Preise bei Schülerwettbewerben
obs/stern

Winfried Sturm unterrichtet seit 1974 Mathe und Physik am Faust-Gymnasium in Staufen (Baden-Württemberg). Er wurde von seinen Schülern als "Lehrer des Jahres" vorgeschlagen und im Mai 2004 mit dem Preis ausgezeichnet. Sie lobten Sturms "Unterricht im Überschalltempo" und seine skurrilen Tüfteleien. Sturms "Hardware-AG" gewann mehrere Preise bei Schülerwettbewerben

Winfried Sturm: Der Beamtenstatus an sich ist nicht unbedingt ein Hindernis, aber wenn seine Abschaffung hilft, das träge System zu aktivieren, dann bin ich dafür. Im Moment ist alles zu langsam und zu umständlich, mit all den Dienstwegen und Dienstvorschriften, die man als Lehrer einhalten muss. Ein Problem des Beamtenstatus ist, dass Beamten gleich bezahlt werden, ob sie sich nun sehr engagieren oder 08/15-Dienst leisten. Das bremst die Motivation sehr.

SPIEGEL ONLINE: Schlecht bezahlt sind Lehrer ja nicht, das müsste doch motivieren.

Sturm: Es fehlt aber eine leistungsadäquate Vergütung. Viele Kollegen sagen: "Was nützt es, wenn ich mich verheize und verbrate, ich kriege doch genauso viel wie ein anderer, der nur Dienst nach Vorschrift macht." Diese Gleichmacherei in der Besoldung ist ein ganz großes Motivationshindernis, nicht nur an der Schule. Wer viel schafft, sollte viel kriegen, wer eine Standardleistung bringt, sollte sein Normalgehalt kriegen, und wer nicht das bringt, was man von ihm erwartet, sollte dann eben auch zurückgestuft werden. Ob man ein solches System innerhalb des Beamtenstatus einführt oder diesen abschafft, ist nicht so wichtig.

SPIEGEL ONLINE: Muss sich Schule in Deutschland radikal ändern?

Sturm: Wenn ein Automechaniker feststellt, dass der Motor nicht läuft, dann muss er ja den Motor nicht komplett neu erfinden. Dann muss er den vorhandenen Motor so einstellen, dass er wieder läuft. Genauso ist das in der Schule. Die Schule ist ein gewachsenes Bildungskonstrukt, in das auch viele positive Dinge eingeflossen sind. Wer schreit, wir müssen alles umkrempeln, hat Unrecht. Wir müssen nachdenken, wie wir das System so umbauen, dass es besser funktioniert. Das Radikale bringt nur Unruhe. Man kann zwar in verschiedenen Modellschulen etwas testen, aber die Ergebnisse sollte man nicht spontan umsetzen, sondern sukzessive und nicht überhastet einbauen.

SPIEGEL ONLINE: Was können Lehrer innerhalb des bestehenden Systems tun, um Schüler besser zu motivieren?

"Zu kopflastig": Erstklässler beim Unterricht
DPA

"Zu kopflastig": Erstklässler beim Unterricht

Sturm: Jeder Lehrer ist zunächst bestrebt, mit den Schülern gut auszukommen, denn das ist ja sein Arbeitsumfeld, in dem er - alle Arbeitsstunden eingerechnet - mehr Zeit verbringt als mit der Familie. Einen Burgfrieden muss man mit den Schülern nicht schließen, aber man sollte ausstrahlen, dass man gerne in die Schule geht und einen Bezug zu den Schülern hat. Zusätzlich lasse ich mir immer wieder etwas Neues einfallen. Ich bin ein Bastler und tüftle mit den Schülern im Unterricht, der Lehrstoff ist ja schon kopflastig genug. Einmal im Monat, wenn die Schüler gut mitgearbeitet haben, mache ich eine kleine Zaubervorführung. Das sind Dinge, die zusammenschweißen. Und wenn man sich einen guten Ruf bei den Schülern erworben hat, dann vererbt sich das. Dann haben es Lehrer in der Schule leichter.

SPIEGEL ONLINE: Und dann arbeiten die Schüler mit?

Sturm: Die Schüler-Lehrer-Opposition schwindet. Dazu müssen Lehrer aber auch eine gewisse Persönlichkeit darstellen. Heute streng und morgen mild, heute hü und morgen hott, das mögen die Schüler nicht. Sie wollen eine klare Linie haben. Ich signalisiere den Schülern: Hier sind die Spielgrenzen, und ihr könnt bis an diese Grenze gehen, und ich kann bis an diese Grenze gehen. Wenn sie überschritten wird, müssen Lehrer konsequent handeln. Kuschelpädagogik bringt es nicht, die Schüler brauchen eine Richtlinie. Denn wenn sie die Schule verlassen, stehen sie in der rauen Wirklichkeit und sind gefordert. Dazu braucht man Tugenden wie Disziplin, Ordnung und Pünktlichkeit.

SPIEGEL ONLINE: Sind die deutschen Lehrer besser als ihr Ruf?

Sturm: Ich trete für Kollegen ein, von denen ich weiß, dass sie sich engagieren. Wenn man dann immer hört, "die faulen Beamten, die wachen um ein Uhr auf, dann können sie den Rasen mähen oder sind mit dem Wohnmobil unterwegs", dann geht die Reaktionsschwelle nach unten. Man zieht sich zurück, weil man weiß, dass man sowieso das Fett abbekommt. Die Öffentlichkeit denkt dann: "Die Lehrer wehren sich ja gar nicht, also ist das, was wir den Lehrern vorgeworfen haben, wahr."

SPIEGEL ONLINE: Ist die Kritik denn ungerechtfertigt?

Sturm: Ich bestreite ja nicht, dass einige Kollegen harte Kritik verdienen. Würden sich die anderen häufiger positiv dargestellt sehen, würden sie noch ein bisschen mehr machen. Es ist schon frustrierend, wenn man pauschal verurteilt wird. Zum Beispiel: Wir können nichts dafür, dass wir zu alt sind. Wer hat die Lehrer alt werden lassen? Die Politik. Sie hat die jungen Kollegen nicht eingestellt. Andere Kritikpunkte müssen wir uns selbst zuschreiben, zum Beispiel, dass wir uns nicht ausreichend weiterbilden.

SPIEGEL ONLINE: Müssen die Lehrer ausbaden, was die Politik versäumt?

Sturm: Ja, auch. Die Bildungspolitik war lange Zeit ein Stiefkind, an der Bildung wurde immer gespart. Seit der Pisa-Studie sind die Mängel offen zu Tage getreten und wurden von der Öffentlichkeit wahrgenommen. Jetzt muss die Bildungspolitik reagieren. In den Jahren zuvor hat sie geschlafen und die Warnzeichen ignoriert. Andere Probleme bringen gesellschaftliche Veränderungen mit sich. Wir können die Schüler nicht mehr so direkt ansprechen wie früher, sie haben einfach zu viele andere Dinge im Kopf. Früher konnten wir Klassen mit 35 bis 40 Schülern unterrichten, heute kann man nicht mal 25 dauerhaft in den Bann ziehen, weil sie oft abgelenkt und unkonzentriert sind.

SPIEGEL ONLINE: Mit dem Ganztagsschulprogramm wird viel Geld in die Schulen gepumpt. Kann Geld etwas verändern?

Sturm: Damit kann man die Ausstattung verbessern - ich bin Physiklehrer, ich weiß, wovon ich rede - und den Schülern sagen: "Schaut her, ihr könnt ihr mit modernen Geräten arbeiten." Geld allein kann den Einbruch des Bildungsniveaus, den wir in den letzten 30 Jahren erlebt haben, nicht beheben. Man muss die Lehrer, die die Schlüsselfunktion an der Basis haben, motivieren, die Schüler zu aktivieren. Die Lehrer müssen sich auch darauf einstellen, dass von der Politik niemals ausreichend Geld kommen wird. Das müssen wir uns selber holen, durch Sponsoring, durch Kooperation mit Firmen, durch Wettbewerbe. Schule darf sich nicht gegen die Wirtschaft abschotten: Wir bilden ja Leute aus, die später einmal in der Wirtschaft funktionieren sollen.

SPIEGEL ONLINE: Dennoch bleiben die Naturwissenschaften an vielen Schulen ein Stiefkind.

Sturm:Ich bin mit einem Physik-Diplom an die Schule gekommen und war erschrocken, wie kopflastig der naturwissenschaftliche Unterricht ist. Der Schüler sieht eine physikalische Formel und fragt sich: "Okay, aber für was brauche ich das eigentlich." Wenn er hingegen vom Lehrer in eine praktische Situation gesetzt wird, in der er die Formel anwenden muss, um weiterzukommen, dann muss er sich autodidaktisch mit ihr beschäftigen, dann wächst etwas. Ich bin bis zum 13. Lebensjahr mit dem polytechnischen Unterricht in der DDR groß geworden, als Bub von elf Jahren habe ich vier Wochen lang an einer Drehbank gestanden und gebohrt und gefeilt. Das hat mir sehr geholfen.

Das Interview führte Jan Friedmann

URL:

Verwandte Artikel:


© SPIEGEL ONLINE 2004
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung