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02. Februar 2004, 13:18 Uhr

Interview mit Iglu-Leiter Bos

Managersohn aufs Gymnasium, Arbeitertochter zur Hauptschule

Wie es für Grundschüler nach der vierten Klasse weitergeht, gleicht einem Glücksspiel. Der Iglu-Studie zufolge regiert Willkür bei den Schulempfehlungen. Bei SPIEGEL ONLINE spricht Iglu-Forschungsleiter Wilfried Bos über ungerechte Noten, verpasste Bildungschancen und die Grenzen von Leistungstests.

Schüler in der Grundschule: "Das System muss gerechter werden"
GMS

Schüler in der Grundschule: "Das System muss gerechter werden"

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Das "alarmierendste" Ergebnis der neuen Iglu-Studie ist laut Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn, dass jede zweite Schulempfehlung falsch ist. Wie kann das überhaupt passieren?

Wilfried Bos: Es sind nicht die Empfehlungen, die falsch sind, es sind die Noten, auf die sich die Empfehlungen stützen. In nahezu allen Bundesländern werden die Übergangsempfehlungen fast ausschließlich auf Grund der Noten in Mathematik und Deutsch getroffen. Doch die Noten entsprechen oft nicht der tatsächlichen Leistung der Schüler, wie wir sie bei Iglu getestet haben.

SPIEGEL ONLINE: Warum werden Noten so ungerecht vergeben?

Bos: Noten werden nicht nach einheitlichen Standards vergeben. Lehrer orientieren sich meist nur an ihrer Klasse, an deren Leistungsstärke und sozialer Zusammensetzung. Die Leistung eines Schülers in einer Schule in einem gut bürgerlichen Viertel lässt sich aber nur schwer mit der eines Schülers in einem sozialen Brennpunkt vergleichen. Da gibt es eine Riesenspannbreite bei der Notengebung, dementsprechend kann ein Schüler bei gleicher Leistung in der einen Schule eine 2 kriegen und in einer anderen eine 4. Da sitzen dann später Schüler mit ganz unterschiedlichem Leistungsniveau im Gymnasium zusammen. Wie gut die dort gefördert werden, wissen wir seit Pisa - nämlich schlecht.

SPIEGEL ONLINE: In der neuen Auswertung der Iglu-Studie haben sich sechs Bundesländer einem Vergleich gestellt. Sind die Empfehlungen in Baden-Württemberg, das ja besonders gut abgeschnitten hat, beispielsweise gerechter als in Bremen, das auf dem letzten Platz landete?

Wilfried Bos, Erziehungswissenschaftler an der Uni Hamburg: "Riesenspanne bei den Noten"
DPA

Wilfried Bos, Erziehungswissenschaftler an der Uni Hamburg: "Riesenspanne bei den Noten"

Bos: Keineswegs. Baden-Württemberg ist zwar in Deutschland Spitze in Schreiben, Lesen und Rechnen. Aber kein anderes Bundesland sortiert seine Grundschüler so abhängig von der sozialen Schicht. Das Kind eines Chefarztes oder Managers hat hier eine 3,6-mal so hohe Chance, aufs Gymnasium empfohlen zu werden, wie ein Arbeiterkind - bei gleicher schulischer Leistung! Und noch etwas: Baden-Württemberg ist das einzige Bundesland, in dem deutlich mehr Jungen aufs Gymnasium empfohlen werden als Mädchen.

SPIEGEL ONLINE: Und in Bremen?

Bos: Dort gab es 2001, als wir die Daten erhoben haben, noch keine Empfehlungen nach der vierten Klasse, weil die Schüler danach noch eine zweijährige Orientierungsstufe besucht haben.

SPIEGEL ONLINE: Wie läuft es in den übrigen Bundesländern?

Bos: In Nordrhein-Westfalen etwa wird jedes dritte Kind, das auf Grund seiner Leistungen vielleicht aufs Gymnasium könnte, dahin nicht empfohlen. Hessen dagegen gelingt es viel besser, die nach der Leistung richtigen Kinder auch in die richtige Schule zu empfehlen. An bayerischen Schulen wiederum werden fast zwei Drittel der Schüler mit mittlerer Leistung nicht zur Realschule geschickt, sondern zur Hauptschule oder ins Gymnasium.

Iglu: Deutsche Knirpse im internationalen Vergleich
DDP

Iglu: Deutsche Knirpse im internationalen Vergleich

SPIEGEL ONLINE: Ihr Kollege Dieter Lenzen, Erziehungswissenschaftler und Präsident der FU Berlin, fordert anonyme Tests durch unabhängige Gutachter am Ende der Grundschule. Würden dadurch die Empfehlungen in allen Bundesländern gerechter?

Bos: Nein, das glaube ich nicht. Man kann keine wirklich guten Tests dafür entwickeln. Mehr als eine zusätzliche Orientierung für die Lehrer könnten sie nicht bieten. Durch noch mehr Tests kann man die Ungerechtigkeit höchstens ein bisschen weniger ungerecht machen.

SPIEGEL ONLINE: Das heißt, man muss damit leben, dass viele Kinder auf der falschen Schule sind?

Bos: Ohne Fehler kriegt man die Übergangsempfehlungen jedenfalls nicht hin, egal wann und wie man sie trifft. Man kann diese Fehler nur verschieben, also statt nach der vierten nach der sechsten Klasse machen, oder sie verkleinern, in dem man auch noch andere Faktoren berücksichtigt. Beseitigen kann man sie nicht. Das ist der Preis des gegliederten Schulsystems.

SPIEGEL ONLINE: Also weg mit dem gegliederten Schulsystem, her mit der Gesamtschule?

Bos: Nein, am System liegt es nicht. So lange es vor allem Lehrer in den weiterführenden Schulen nicht schaffen, mit unterschiedlich begabten Schülern umzugehen, nützt auch ein anderes Schulsystem nichts. Klar ist aber auch: Wenn sich das System nicht ändern lässt, dann muss es wenigstens gerechter werden, indem es nach oben noch durchlässiger wird. Schüler müssen von der Hauptschule leichter in die Realschule und von dort leichter aufs Gymnasium wechseln können. Baden-Württemberg geht hier mit gutem Beispiel voran. Dort macht mittlerweile schon jeder dritte Schüler das Abitur an einem beruflichen Gymnasium, das auf die Realschule aufbaut. Auch Nordrhein-Westfalen und Hessen machen gute Erfahrungen in ihren Gesamtschulen. Wenn also früh falsch sortiert wurde, lässt sich das zumindest später noch korrigieren.

Das Interview führte Marion Schmidt

Lesen Sie im zweiten Teil:

Auszüge aus Iglu - welche Aufgaben die Viertklässler in Lesen, Mathematik und Sachkunde meistern sollten

MATHEMATIK

Aufgabe 1

Lena soll die Zahlen 298 und 347 zusammenrechnen. Sie rechnet zunächst 300 + 347. Was muss Lena jetzt noch tun?

A. Lena muss 2 addieren (+2)
B. Lena muss 20 addieren (+20)
C. Lena muss 2 subtrahieren (-2)
D. Lena muss 20 subtrahieren (-20)


Aufgabe 2

Vier Kinder messen die Breite eines Zimmers. Sie zählen dabei, wie viele Schritte sie benötigen. In der Tabelle sind ihre Ergebnisse aufgeschrieben.

Name / Anzahl der Schritte

Frank / 10
Maren / 8
Anja / 9
Marc / 7


Wer hat den größten Schritt?

A. Frank
B. Maren
C. Anja
D. Marc


Aufgabe 3

Welche von diesen Zahlen ist die größte Zahl?

A. 2735
B. 2537
C. 2573
D. 2753


Aufgabe 4

Britta arbeitete im März 57 Stunden, im April 62 Stunden und im Mai 59 Stunden. Was ist die beste Schätzung für die Gesamtzahl der Arbeitsstunden in diesen drei Monaten?

A. 50 + 50 + 50
B. 55 + 55 + 55
C. 60 + 60 + 60
D. 65 + 65 + 65


Aufgabe 5

Aus einem dünnen, 20 cm langen Draht wird ein Rechteck geformt. Das Rechteck ist 4 cm breit. Wie lang ist es?

A. 5 cm
B. 6 cm
C. 12 cm
D. 16 cm


NATURWISSENSCHAFTEN

Aufgabe 1

Um herauszufinden, ob Samen im Licht oder im Dunkeln besser wachsen, kannst Du einige Samen auf ein feuchtes Papier legen und

A. sie an einen warmen, dunklen Ort stellen.
B. einen Teil an einen hellen Ort und einen anderen Teil an einen dunklen Ort stellen.
C. sie an einen warmen, hellen Ort stellen.
D. sie einen einen hellen oder dunklen, aber kühlen Ort stellen.


Aufgabe 2

Welches Tier säugt seine Jungen?

A. Huhn
B. Frosch
C. Affe
D. Schlange


Aufgabe 3

Welches Tier frisst nur Fleisch?

A. Kaninchen
B. Bär
C. Pferd
D. Löwe


Im letzten Teil:

Lesen - eine Kurzgeschichte mit dem Hasen, dem Löwen und elf Aufgaben für die Schüler



Der Hase kündigt das Erdbeben an

von Rosalind Kerven

Es war einmal ein Hase, der sich sich ständig Sorgen machte. "Oh je", murmelte er den ganzen Tag, "oh je, oh je, oh jemine."

Seine größte Sorge war, dass es eines Tages ein Erdbeben geben könnte. "Denn wenn es eines gäbe", sagte er sich, "was würde dann nur aus mir werden?"

Eines Morgens war er darüber besonders beunruhigt, und genau da fiel plötzlich eine riesige Frucht von einem nahen Baum - RUMS! - so dass die Erde erzitterte.

Der Hase sprang auf.

"Ein Erdbeben!", schrie er.

Und er raste über das Feld, um seine Cousins zu warnen.

"Ein Erdbeben! Rennt um euer Leben!"

Alle Hasen verließen die Felder und liefen wie verrückt hinter ihm her.

Sie rasten über die Ebenen, durch Wäler und Flüsse und in die Berge, und warnten unterwegs all ihre Cousins.

"Ein Erdbeben! Rennt um euer Leben!"

Alle Hasen verließen die Flüsse und Ebenen, die Hügel und Wälder, und liefen wie verrückt hinterher. Als sie schließlich die Berge erreichten, donnerten zehntausend Hasen die Hänge hinauf. Bald erreichten sie den höchsten Gipfel. Der erste Hase schaute sich um, um festzustellen, ob das Erdbeben schon näher kam, aber alles, was er sehen konnte, war eine riesige Horde von flitzenden Hasen.

Dann schaute er nach vorn, aber er sah nur noch mehr Berge und Täler und dahinter, ganz weit weg, das glänzende blaue Meer.

Während er da stand und keuchte, kam ein Löwe.

"Was ist denn los?", wollte er wissen.

"Ein Erdbeben, ein Erdbeben!", plapperten alle Hasen durcheinander.

"Ein Erdbeben?", fragte der Löwe. "Wer hat es gesehen? Wer hat es gehört?"

"Frag ihn, frag ihn!", riefen all die Hasen und zeigten auf den ersten.

Der Löwe drehte sich zu dem Hasen um.

"Bitte, werter Herr", sagte der Hase schüchtern, "ich saß gerade ganz ruhig zu Hause, da hörte ich plötzlich ein lautes Krachen, und die Erde erzitterte. Da wusste ich, dass es ein Erdbeben sein musste, werter Herr, also bin ich gerannt, so schnell ich nur konnte, um alle anderen zu warnen, damit sie ihr Leben retten."

Der Löwe sah den Hasen mit seinen tiefgründigen, weisen Augen an.

"Mein Bruder, hättest du wohl genug Mut, mir zu zeigen, wo sich dieses schreckliche Unglück zugetragen hat?"

Der Hase fühlte sich eigentlich überhaupt nicht mutig genug dafür, aber er hatte das Gefühl, dass er dem Löwen vertrauen konnte.

Also führte er den Löwen ängstlich die Berge und die Hügel hinunter, über die Flüsse, Ebenen, Wälder und Felder, bis sie schließlich wieder bei ihm zu Hause ankamen.

"Hier habe ich es gehört, werter Herr."

Der Löwe sah sich um - und entdeckte sofort die riesige Frucht, die mit solchem Lärm vom Baum gefallen war.

Er nahm sie in den Mund, kletterte auf einen Felsen und warf sie wieder auf den Boden.

RUMS!

Der Hase sprang in die Luft. "Ein Erdbeben! Schnell - renn weg - gerade ist es wieder passiert!" Aber da merkte er plötzlich, dass der Löwe laut lachte. Und dann sah er die Frucht, die bis zu seinen Füßen gerollt war.

"Oh", flüsterte er, "dann war es überhaupt kein Erdbeben, oder?"

"Nein", sagte der Löwe, "war es nicht, und es gab eigentlich überhaupt keinen Grund, sich zu fürchten."

"Was war ich bloß für ein dummer Hase!"

Der Löwe lächelte freundlich. "Mach Dir nichts daraus, kleiner Bruder. Wir alle - sogar ich - fürchten uns manchmal vor Dingen, die wir nicht verstehen."

Und damit trottete er zurück zu den anderen zehntausend Hasen, die immer noch auf dem Berg saßen, um ihnen zu sagen, dass es jetzt völlig ungefährlich war, wieder nach Hause zu gehen.

Die Aufgaben

1. Was war die größte Sorge des Hasen?

ein Löwe
ein lautes Krachen
ein Erdbeben
eine Frucht, die hinunterfiel


2. Was ließ die Erde erzittern?

ein Erdbeben
eine riesige Frucht
die fliehenden Hasen
ein umstürzender Baum


3. Es ging alles ganz schnell, nachdem der Hase "Ein Erdbeben!" gerufen hatte. Finde zwei Wörter im Text, die dieses zeigen, und schreibe sie heraus.

4. Wohin wollte der Löwe von dem Hasen geführt werden?

5. Warum ließ der Löwe die Frucht auf den Boden fallen?

Er wollte den Hasen in die Flucht schlagen.
Er wollte dem Hasen helfen, an die Frucht zu kommen.
Er wollte dem Hasen zeigen, was eigentlich passiert war.
Er wollte den Hasen zum Lachen bringen.


6. Wie fühlte sich der Hase, nachdem der Löwe die Frucht auf den Boden fallen ließ?

Wütend
Enttäuscht
Dumm
besorgt


7. Schreibe zwei Wege auf, wie der Löwe versuchte, den Hasen am Ende der Geschichte aufzumuntern.

8. Glaubst du, dass der Löwe den Hasen mochte? Welches Ereignis in der Geschichte macht dieses deutlich?

9. Wie veränderten sich die Gefühle des Hasen im Laufe der Geschichte?

Am Anfang der Geschichte fühlte sich der Hase (...), weil (...)
Am Ende der Geschichte fühlte sich der Hase (...), weil (...)

10. Du kannst an dem, was der Löwe und der Hase in der Geschichte tun, erkennen, wie sie sind. Beschreibe, wie sich der Löwe und der Hase unterscheiden und an welchem Verhalten sich dieses jeweils zeigt.

11. Was ist die wichtigste Aussage dieser Geschichte?

Lauf vor Schwierigkeiten lieber weg.
Löwen kann man niemals trauen, selbst wenn sie lieb aussehen.
Überprüfe erst die Lage, bevor du in Panik gerätst.
Hasen sind schnelle Tiere.



Das waren die Aufgaben für Zehnjährige. Beim Pisa-Vergleich hatten sich zuvor die 15-jährigen Schüler aus Deutschland blamiert - hier das Pisa-Paket.


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