Interview zum Lehrerberuf "Weder Versager noch Übermenschen"

Bei der letzten Einstellungsrunde für Lehrer schauten rund 35.000 Bewerber in die Röhre. Dabei ist der Beruf nach Darstellung der Bundesländer eine sichere Bank. SPIEGEL ONLINE sprach mit Erziehungswissenschaftler Ewald Terhart über Einstiegsstrategien, Vorurteile und den vertrackten "Schweinezyklus".


Vorsicht Schweinezyklus: Lehrer vor Schulklasse
AP

Vorsicht Schweinezyklus: Lehrer vor Schulklasse

SPIEGEL ONLINE:

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft beklagte unlängst, dass bei der letzten Einstellungsrunde 35.000 angehende Lehrer leer ausgingen. Andererseits werben die Bundesländer um Lehrkräfte. Soll ich als Studienanfänger nun auf Lehramt studieren oder lieber nicht?

Ewald Terhart: Das kommt auf die Schulart und das Fach an. Generell fehlen Hauptschullehrer und Berufsschullehrer, außerdem Lehrkräfte in naturwissenschaftlich-mathematischen Fächern. Speziell für die Grundschule werden dagegen immer noch zu viele Lehrerinnen ausgebildet. Frisch ausgebildete Gymnasiallehrer mit der Fächerkombination Deutsch und Geschichte haben es ebenfalls momentan schwer, eine Stelle zu finden, ebenso Bewerber in anderen geisteswissenschaftlichen und manchen sprachlichen Fächern. Ausgebildete Lehrer sind eben hoch spezialisierte Fachkräfte, das erweist sich bei der Einstellung als Nadelöhr.

SPIEGEL ONLINE: Und wie wird der Bedarf in einigen Jahren aussehen?

Terhart: Die absolute Schülerzahl wird langfristig sinken und damit auch der Bedarf an Lehrern. Deshalb werden nicht alle Stellen, die ja in den nächsten drei bis fünf Jahren massiv frei werden, wieder besetzt. Insofern kann es durchaus sein, dass es in acht oder zehn Jahren ein Überangebot an ausgebildeten Lehrern geben wird. Das aber ist schwer zu prognostizieren, weil zwischen der Entscheidung für ein Lehramtstudium und dem tatsächlichen Berufseinstieg viele Jahre liegen. Wer sich jetzt allein aufgrund einer Prognose dafür oder dagegen entscheidet, Lehrer zu werden, könnte am Ende seines Studiums unter Umständen falsch liegen.

SPIEGEL ONLINE: Dann schicken die Bundesländer mit ihren Werbeaktionen ja ahnungslose Studienanfänger in eine ungewisse Zukunft.

Ewald Terhart lehrt Erziehungswissenschaft an der Universität Münster und forscht unter anderem über den Lehrerberuf und die Lehrerbildung
Ralf Emmerich

Ewald Terhart lehrt Erziehungswissenschaft an der Universität Münster und forscht unter anderem über den Lehrerberuf und die Lehrerbildung

Terhart: Die Schulverwaltungen in den Ländern haben die Aufgabe, das Vordringliche direkt zu erledigen und das heißt zunächst, qualifiziertes Personal in die Klassenzimmer zu bringen, damit die Unterrichtsversorgung sichergestellt ist. Sie wollen bei Lücken kurzfristig Abhilfe schaffen, verschärfen aber, langfristig betrachtet, durch Werbung und Notmaßnahmen das Problem noch. Wenn jetzt gesagt wird, uns fehlen Lehrer, dann studieren vielleicht zu viele Studenten auf Lehramt. Diese Überfüllung wiederum schreckt zu viele ab, wodurch schon die nächste Mangelphase vorbereitet wird. Das führt, bildungshistorisch gut dokumentiert, zum so genannten "Lehrerzyklus".

SPIEGEL ONLINE: Wie lässt sich der "Schweinezyklus" bei den Einstellungen durchbrechen?

Terhart: Wer jetzt einstellt, sollte darauf achten, dass er nicht einheitlich ganz junge Lehrer in die Kollegien holt, sondern eine Mischung aus jungen und etwas älteren Kollegen. Sonst kommt es wieder zu einer Blockbildung von relativ gleich alten Lehren. Der Block verhindert dann Einstellungen in den nächsten Jahren, verlässt aber in ferner Zukunft wiederum geschlossen den Dienst. Eine solche zerklüftete Altersstruktur verewigt das Problem.

SPIEGEL ONLINE: Warum durchbrechen die Bundesländer den verhängnisvollen Zyklus nicht? Das Problem ist doch offensichtlich.

Grafik Lehrerbedarf: Massenhaft freie Stellen?

Grafik Lehrerbedarf: Massenhaft freie Stellen?

Terhart: Die Ausgangsdaten, beispielsweise die zukünftige Zahl der Schüler oder die Altersstruktur der Lehrerschaft, sind bekannt, das ist richtig. Allerdings lässt sich nur bedingt voraussagen, wie sich die Schüler auf die einzelnen Schulformen verteilen werden. Ebenso werden durch Migration die Schülerzahlen unvorhersehbar zu- oder abnehmen. Und man muss schließlich auch berücksichtigen, dass Studienplätze in Deutschland grundsätzlich nicht nach dem künftigen Bedarf an Absolventen eingerichtet werden, sondern danach, wie viele Studienanfänger ein Fach studieren wollen. So will es das Recht auf freie Berufswahl.

SPIEGEL ONLINE: Ließe sich das Problem abmildern, indem man den Beamtenstatus abschafft, dadurch mehr Durchlässigkeit schafft und so besser nach Bedarf einstellen und entlassen kann?

Terhart: Das hielte ich für eine riskante Strategie. Auch Angestellte im Öffentlichen Dienst sind nach einer gewissen Zeit unkündbar. Einige Länder, beispielsweise England in seinen Grundschulen, die den Status der Lehrer geschwächt haben, haben Schwierigkeiten, geeigneten Nachwuchs zu finden, weil der Beruf dann nicht mehr so attraktiv ist. Der Lehrerberuf wurde dort gewissermaßen herabgewirtschaftet.

SPIEGEL ONLINE: Dann würden wenigstens nur die übrig bleiben, die wirklich für den Beruf motiviert sind und nicht nur auf Nummer Sicher gehen wollen.

Terhart: Woher wissen Sie denn, dass der Großteil der angehenden Lehrer den Beruf nur aus extrinsischen Motiven wählt? Wer nach Motiven für die Berufswahl fragt, bekommt immer wieder zu hören: mit Kindern und Jugendlichen arbeiten, einen abwechslungsreichen Beruf haben, Wissen vermitteln. Die Privilegien, die der Lehrerberuf in Deutschland genießt, landen auf solchen Listen immer ziemlich weit hinten.

SPIEGEL ONLINE: Stimmt es, dass die Besten eines Alterjahrganges meist nicht Lehrer werden wollen?

Terhart: Es ist tatsächlich so, dass diejenigen Schüler mit dem besten Abiturschnitt eher nicht den Lehrerberuf anstreben. Das gilt aber tendenziell deutlicher für Abiturienten, nicht für Abiturientinnen. Vielleicht entspricht es dem männlichen Selbstbild eher, in Berufe zu gehen, in denen man steile Karrieren machen, viel Geld verdienen und über viele Mitarbeiter bestimmen kann. Da hat der Lehrerberuf nicht allzu viel zu bieten.

SPIEGEL ONLINE: Warum stehen Lehrer so häufig öffentlich in der Kritik?

Terhart: Klischees und Pauschalurteile über Lehrer sind deshalb so beliebt, weil jeder den Beruf über Jahre miterleben konnte, nämlich als Schüler, jeden Vormittag. Jeder fühlt sich kompetent, über Lehrer zu urteilen. Vielfach wird der Lehrerberuf geradezu verachtet - faule Säcke, wehleidig, nachmittags immer auf dem Tennisplatz und so weiter - und paradoxerweise wird zugleich erwartet, dass sie alle möglichen gesellschaftlichen Probleme lösen: Sie sollen für Integration sorgen, immer mehr Erziehungsaufgaben übernehmen, den Mühseligen und Beladenen aufhelfen und so fort. Lehrer sind aber weder pauschal Versager noch durchweg Übermenschen, sondern zeigen in ihrer Berufsgruppe ein breites Leistungsspektrum - wie andere Berufe auch.

SPIEGEL ONLINE: Wenn ich mich, trotz allem, entscheide, Lehrer zu werden: Wie erhöhe ich dann meine Chancen, später auch tatsächlich in diesem Beruf zu landen?

Terhart: Die eigenen Neigungen und Fähigkeiten sollten den Ausschlag für den Berufswunsch geben, nicht irgendwelche langfristigen Prognosen. Wer sich dann noch über den Bedarf informiert und sich womöglich für andere Fächerkombinationen entscheidet als die Mehrheit des Mitstudenten, hat die Zyklusgefahr reduziert und die eigenen Einstellungschancen schon optimiert. Aber bitte nicht weitersagen!

Das Interview führte Jan Friedmann

© SPIEGEL ONLINE 2004
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.