Interview zum Mathe-Museum Mathematik muss keine Spaßbremse sein

Wer zugibt, in Mathematik eine Null zu sein, erhält leicht Applaus und kommt gesellschaftlich weiter, sagt Albrecht Beutelspacher. Um für seine Zunft zu werben, hat der Gießener Professor ein Museum gegründet. SPIEGEL ONLINE sprach mit ihm über Mathematik-Allergien und Zahlen-Experimente.

SPIEGEL ONLINE

: Herr Beutelspacher, was zeigt man in einem Mathe-Museum? Formelsammlungen und Rechenschieber hinter Glas?

Albrecht Beutelspacher: Wir haben versucht, keine schlechten Erinnerungen an den Mathe-Unterricht in der Schule aufkommen zu lassen. Es gibt in der ganzen Ausstellung keine Formel. Die Hürde vor der Mathematik ist auf Null heruntergesetzt. Das Mathematikum bietet einen spielerischen Zugang zur Mathematik, man kann Seifenblasen machen, Kugeln laufen lassen. Und über diesen Weg finden die Besucher Zugang zu mathematischen Problemen.

SPIEGEL ONLINE: Warum haben die Deutschen so ein schlechtes Bild von der Mathematik?

Beutelspacher: Der Mathe-Unterricht wird in der Schule oft als Instrument zur Disziplinierung genutzt. Es gibt kein anderes Fach, in dem der Lehrer eine Klasse so schnell in den Griff bekommen kann. So bekommen die Schüler eine Abneigung gegen die Mathematik. Das ist schade, denn eigentlich ist Mathematik eine basisdemokratische Wissenschaft. Es gibt keine Geheimnisse, jeder kann eine logische Argumentation nachvollziehen.

SPIEGEL ONLINE: Und Sie glauben ernsthaft, dass Mathe-Muffel bei Ihnen im Museum mit Holzkugeln und Seifenblasen begeistert werden können?

Beutelspacher: Im Mathematik-Unterricht in der Schule lernen die Schüler nur das, was sie für die nächste Klassenarbeit brauchen. Das ist hier nicht so. Wenn man sich im Museum mit einem Experiment beschäftigt hat, hat man das noch monatelang im Kopf und denkt darüber nach. Das ist ein unglaubliches Potenzial, das in der Schule genutzt werden kann.

SPIEGEL ONLINE: Wer sich mit ihren Exponaten vergnügt, wird also ein guter Mathematiker?

Beutelspacher: Nein, wir sind weder ein Nachhilfeinstitut, noch ersetzen wir den Schulunterricht. Aber wir sind eine neue Tür zur Mathematik.

SPIEGEL ONLINE: Wie gelingt der Übergang vom Museum zur täglichen Anwendung, etwa in der Schule oder Universität?

Beutelspacher: Viele Exponate haben - wenn man die Augen dafür geöffnet bekommt - einen direkten Bezug zur Schulmathematik. Zum Beispiel Spiegelexperimente: In der Schule ist das eine öde Angelegenheit. Hier ist es ganz anders: Wir haben riesige Spiegel, die oben und unten, links und rechts vertauschen. Und die Besucher fragen sich: Wie geht denn das? So wird der Schulunterricht viel spannender. Wenn Experimente mal keinen direkten Bezug zur Schule haben, dann machen wir das, um Effekte zu zeigen, wie man sie in der Schule nicht hinbekommt.

SPIEGEL ONLINE: Um die Popularisierung der Mathematik bemühen Sie sich schon eine ganze Weile. Hat das in Deutschland etwas gebracht?

Beutelspacher: Ich denke schon. Man muss sich nur einmal vorstellen, dass inzwischen Dutzende Unternehmen bei uns angefragt haben, ob sie ihre Geschäftspartner in das Mathematik-Museum einladen dürfen. Noch vor zehn Jahren wäre so etwas völlig undenkbar gewesen. Und bei den Reden zur Eröffnung des Mathematikum haben sogar die Politiker zum ersten Mal darauf verzichtet, einen Witz darüber zu machen, dass sie in Mathe immer so schlecht waren.

Das Interview führte Christoph Seidler

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