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Deutscher Lernatlas: Das sind die Sieger

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A3216 Peter Kneffel/ dpa

Interview zur Bildungsstudie 2011 "Lernen macht glücklich und reich"

Eine große Studie zeigt erstmals, wie es im Detail ums Lernen in Deutschland steht: Der Süden liegt überall vorn. Architekt der Bildungsvolkszählung ist Bertelsmann-Vorstand Jörg Dräger. Im Interview erklärt er, warum für ein glückliches Leben der Einklang von Schule, Arbeit, Kultur und Sozialem unabdingbar ist.

SPIEGEL ONLINE: Herr Dräger, haben Sie heute schon etwas gelernt?

Dräger: Ja, im Umgang mit meinen Kindern: was man macht, wenn der Sechsjährige die Müslischale umstößt, die sich dann komplett über der Dreijährigen ausleert und es nur noch fünf Minuten bis zur Abfahrt zur Schule sind.

SPIEGEL ONLINE: Damit hätten Sie aber im neuen Lernatlas Ihrer Stiftung  nicht punkten können, solche Lernerfahrungen werden nicht erfasst.

Dräger: Ich würde es zum Bereich des persönlichen und sozialen Lernens zählen. Aber Sie haben natürlich recht: Es lässt sich - glücklicherweise - nicht alles mit Indikatoren erfassen.

SPIEGEL ONLINE: Aus vielen anderen Daten hat Ihre Stiftung eine Landkarte der Bildungsbedingungen in Deutschland errechnet. Was sollen wir denn aus dem Lernatlas lernen?

Dräger: Er lehrt unter anderem, dass Lernen mehr ist als Schule und Hochschule. Wir übersehen manchmal, in wie vielen anderen Feldern auch gelernt wird, etwa im persönlichen Umfeld, im sozialen Umfeld oder natürlich im Beruf. Der Lernatlas versucht, diese verschiedenen Aspekte zu erfassen und damit ein differenziertes Bild zu liefern als eine Pisa-Studie.

SPIEGEL ONLINE: Die Ergebnisse werden aus nur 38 Kennzahlen errechnet. Kann man mit so wenigen Daten die Wirklichkeit erfassen?

Dräger: Sie stellen eine fundierte Auswahl aus mehreren hundert Kennzahlen dar, die wir untersucht haben. Damit lässt sich die Wirklichkeit abbilden, ohne dass wir den Anspruch erheben, den einen Atlas für die Ewigkeit erstellt zu haben. Er bietet mit den Daten, die verfügbar sind, den bestmöglichen Blick auf die verschiedenen Aspekte des Lernens. Der Atlas kann aber nur ein Startpunkt für mehr Transparenz beim Lernen sein: Die Datenlage ist in Deutschland unbefriedigend.

SPIEGEL ONLINE: Die Bertelsmann Stiftung hat mehrere Jahre nach geeigneten Zahlen gesucht und das Berechnungsmodell mehrfach modifiziert.

Dräger: Es ist frustrierend zu sehen, dass wir mehr über den Export von Gewindeschrauben wissen als über die Lernbedingungen in unserem Land. Wir machen den Lernatlas, weil so wenige Informationen existieren und sie noch niemand zusammengeführt hat. Noch schöner wäre es, wenn der Bund in einem solch wichtigen Bereich wie Bildung Transparenz schaffen würde. Kosten würde das auch gar nicht viel, es fehlt aber in der Politik der Wille zu mehr Transparenz.

SPIEGEL ONLINE: Als Vorbild hat Ihnen ein Modell gedient, das in Kanada seit Jahren erprobt ist. Was haben die Ergebnisse dort bewirkt?

Dräger: Sie haben die Politiker und die Bürger dazu gebracht, über das Lernen zu diskutieren, und zwar nicht nur über die Quote von Arbeitslosen oder Hochschulabsolventen, sondern auch über andere Aspekte, die unterbeleuchtet sind. Die Menschen haben sich damit beschäftigt, welche Möglichkeiten des Lernens es in ihrer Umgebung gibt: Haben wir eine Bibliothek und ein Museum, und wie viele gehen dorthin? Und sie haben die Frage diskutiert, warum Lernen so wichtig ist.

SPIEGEL ONLINE: Und warum?

Dräger: Lernen verschafft nicht nur persönliche Befriedigung, sondern hat viele weitere positive Effekte. Wir sehen es gerade im Bereich des sozialen Lernens: wie wichtig es ist, sich zu engagieren, bei der Feuerwehr oder wo auch immer. Das Wohlbefinden des Einzelnen erhöht sich und auch der Wohlstand einer Gesellschaft.

SPIEGEL ONLINE: Lernen macht reich und glücklich?

Dräger: Lernen macht glücklich und reich, diese Reihenfolge gefällt mir besser. Daher ist es so wichtig, dass den Menschen die Möglichkeiten gegeben werden, zu lernen: im Museum, beim Deutschen Roten Kreuz, während einer Fortbildung. Und natürlich, dass die Menschen diese Angebote dann auch nutzen.

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SPIEGEL ONLINE: Der Lernatlas zeigt sehr große Unterschiede innerhalb Deutschlands. Überrascht Sie das?

Dräger: Was mich überrascht hat, ist der geringe Unterschied zwischen West und Ost und zugleich der große Unterschied zwischen Süd und Nord.

SPIEGEL ONLINE: Der Süden ist reicher als der Norden - ist am Ende alles nur eine Sache des Geldes?

Dräger: Natürlich gibt es Verstärkungseffekte. Gute Lernbedingungen führen zu Wohlstand, der - klug investiert - wiederum bessere Lernbedingungen ermöglicht. Aber das macht das Ergebnis doch nicht weniger interessant: dass der Süden - inklusive des Südostens, also Sachsen und Thüringen - extrem weit vorne ist, was das Lernen angeht; und viele ländliche Regionen besser dastehen als die Städte.

SPIEGEL ONLINE: Als politisches Ziel wird häufig die Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse ausgerufen. Wenn man sich die bunten Karten anschaut, scheinen wir davon weit entfernt zu sein.

Dräger: Ich halte die Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse ohnehin für eine Illusion. Wir können nicht erwarten oder verlangen, dass Norden und Süden, Land und Städte gleichwertig sind. Der Lernatlas zeigt auch, dass unterschiedliche Regionen in unterschiedlichen Lernbereichen sehr gut sind. Dieses differenzierte Bild war unser Ziel, nicht eine Schwarzweißmalerei.

SPIEGEL ONLINE: Und wo steht die Bundesrepublik insgesamt?

Dräger: Das hat uns der europäische Vergleich, den wir im vergangenen Jahr angestellt haben, gezeigt: im Mittelfeld, zwischen Slowenien und Frankreich. Die Frage ist, ob mittelgut schon gut genug ist für ein Land, das in Politik, Wirtschaft und Kultur ganz vorne mitspielen will.

SPIEGEL ONLINE: Was kann denn jeder Einzelne machen - außer umziehen?

Dräger: Für jeden Einzelnen ist es wichtig zu erkennen, dass er nicht nur gut in der Schule sein muss, um Wissen zu erwerben, um zufrieden und vielleicht auch wohlhabender zu werden, sondern dass er auch Chancen nutzen sollte außerhalb des formalen Lernens. Berufliche Fort- und Weiterbildungen bringen etwas, aber eben auch Engagements in einem Verein oder ein Theaterbesuch.

SPIEGEL ONLINE: Was tun Sie?

Dräger: Ich habe das Glück, einen Beruf zu haben, in dem ich fürs Lernen bezahlt werde. Darüber hinaus engagiere ich mich im Umfeld meiner Kinder. Das ist übrigens typisch: dass gerade Erwachsene mit jungen Kindern sich trotz der Doppelbelastung von Erziehung und Beruf zusätzlich engagieren. Wir müssen nur mehr tun, dass dieses Engagement später im Leben aufrechterhalten bleibt, auch damit wir das Potential der Menschen besser nutzen, die gerade in Rente gehen.

SPIEGEL ONLINE: Trauen wir ihnen bisher zu wenig zu?

Dräger: Wir unterschätzen, wie fit und leistungsfähig viele sind. Wir schicken die Leute mit 65 in Rente, ohne einen fließenden Übergang zu gestalten. Wer etwa an einer Schule vorlesen möchte, muss sich selber auf die Suche machen. Warum wird ein solches Angebot nicht selbstverständlich an einen 65-Jährigen herangetragen?

Das Interview führte Markus Verbeet.
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.