Interview zur neuen Rechtschreibung "Die arbeiten mit Tricks"

Die Oldenburger Schülerin Josephine Ahrens, 16, klagte gegen die Rechtschreibreform - und bekam Recht. Im SchulSPIEGEL-Interview erzählt sie, warum sie sich von den Gerichten trotzdem übers Ohr gehauen fühlt und was ihr an den neuen Regeln nicht passt.

Seit sieben Jahren schon kämpft Josephine Ahrens gegen die Rechtschreibreform. Nun hat ihr das Oberverwaltungsgericht Niedersachsen in einem Eilbeschluss bescheinigt, dass sie im Prinzip Recht hat und in ihren Schularbeiten weiterhin die alte Rechtschreibung benutzen darf. Auf ein Urteil kann die Elftklässlerin allerdings lange warten: Vor dem Ende ihrer Schulzeit sei damit nicht zu rechnen, sagten die Richter.


SchulSPIEGEL: Was gefällt dir an der neuen Rechtschreibung nicht?

Josephine Ahrens: Der Sinn der Reform war doch, die Sprache zu vereinfachen. Doch sie hat das Gegenteil bewirkt: Rechtschreibung ist schwieriger geworden. Die meisten Änderungen sind total verwirrend. Das Wort Fotograf etwa kann man auch Photograph oder Photograf schreiben - nur Fotograph ist falsch. Das ist unlogisch.

SchulSPIEGEL: Warum möchtest du Partizipien wie alleinstehend oder verlorengegangen nicht auseinander schreiben?

Josephine: Ich finde, dass solche Begriffe mit Verben weiterhin zusammengeschrieben werden sollten, weil der Sinn dann erhalten bleibt. Das betrifft auch die Großschreibung von mit Substantiven zusammengesetzten Verben. Leid tun wurde früher klein und auseinander geschrieben, dann plötzlich groß und auseinander, dann klein und zusammen. Das aber verändert den Sinn, genau wie bei den Partizipien. Bei einem viel versprechenden Politiker frage ich mich: Verspricht er viel und hält wenig, oder handelt es sich um einen Politiker, der gut ist für dieses Land?

SchulSPIEGEL: Hat die Rechtschreibreform auch etwas Gutes?

Josephine: Nö. Höchstens, dass die Menschen darauf aufmerksam geworden sind, dass nicht alles richtig ist, was die Politiker so veranstalten.

SchulSPIEGEL: Wie kam es zur ersten Klage?

Josephine: Das ging von meinen Eltern aus. Ich kam 1998 mit einem Diktat nach Hause, in dem ich das Wort Zucker wie gewohnt mit zwei k getrennt hatte: Zuk-ker. Meine Lehrerin hatte mir das angestrichen, denn gerade war die Rechtschreibreform eingeführt worden, nach der man Zu-cker trennen sollte. Dass diese Dinge über die Köpfe der Bürger hinweg entschieden werden, hat meine Eltern so aufgeregt, dass wir vor Gericht gezogen sind.

SchulSPIEGEL: Wie werden denn jetzt deine Klassenarbeiten benotet?

Josephine: Das weiß ich noch nicht. Ich werde die alte Rechtschreibung weiter benutzen und abwarten, was passiert. Eigentlich ist meine Deutschlehrerin ganz in Ordnung - ich werde mit ihr wohl noch mal darüber reden, wie sie in Zukunft meine Arbeiten bewerten wird.

SchulSPIEGEL: Was sagen deine Mitschüler dazu, dass du eine Extrawurst haben möchtest?

Josephine: Die bekommen von dem ganzen Rummel wenig mit. Ab und zu ruft mal ein Klassenkamerad an und sagt: "Hast du's schon gesehen? Du stehst mal wieder in der Zeitung." Das ist mittlerweile zur Routine geworden. Manche Freundinnen sind begeistert, andere interessiert es gar nicht, und hat jemand eine Frage zur Rechtschreibung, ist mein Wort Gesetz. Auch wenn in der Schule die Sprache darauf kommt, muss ich immer etwas zur Rechtschreibung erzählen. Aber das ist auch alles.

SchulSPIEGEL: Wie reagieren die Lehrer?

Josephine: Bisher hat kein Lehrer negativ reagiert, im Gegenteil. Viele finden die alte Rechtschreibung besser. Von nun an muss ich wahrscheinlich mit jedem einzelnen Lehrer absprechen, dass ich die alte Rechtschreibung benutzen will. Meine alte Deutschlehrerin etwa hatte es schon ganz aufgegeben, mir meine Schreibweisen anzukreiden.

SchulSPIEGEL: Du hast zwar in der Sache Recht bekommen, doch eine einstweilige Anordnung, dich anders zu unterrichten, lehnten die Richter ab. Glaubst du, dass dir deswegen ein Nachteil in der Schule entsteht?

Josephine: Die Hauptsache ist vom Gericht noch nicht beschlossen. Ich hoffe, dass möglichst bald ein Urteil gefällt wird, bevor ich aus der Schule raus bin. Sonst entfällt der Klagegrund, und das Ganze wird zu den Akten gelegt. Meiner Meinung nach wurde da mit Tricks gearbeitet: Man schiebt meinen Fall so lange auf, bis er sich von selbst erledigt. Ein Nachteil wird mir trotzdem nicht entstehen. Zwar wähle ich Deutsch als Schwerpunkt für die Oberstufe, aber dann kommt es mehr auf den Inhalt als die Form an. Eines hat mir dieses Verfahren aber beigebracht: Der Politik sollte man mit Vorsicht begegnen.

Das Gespräch führte Carola Padtberg

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