Irrtum Gesamtschule Wie aus dem Reformtraum ein Alptraum wurde

Bei Streit um eine "Schule für alle" wettern die Gegner stets gegen das Ungetüm einer "sozialistischen Einheitsschule". Dabei hat es in Deutschland eine echte Gesamtschule nie gegeben - früh machten ihr die Kultusminister mit einem trickreichen Geheimbeschluss den Garaus.

Der Vorsitzende in der Runde gibt sich streng. Eine heikle und langwierige Sitzung steht bevor. Der Minister veranlasst, alle Mitarbeiter aus dem Saal zu weisen. Die Sitzung soll im Geheimen stattfinden. Wir schreiben das Jahr 1982. Die elf westdeutschen Kultusminister sitzen in ihrer ständigen Konferenz (KMK) zusammen, um über ein deutsches Phantasma zu befinden: die Gesamtschule oder, wie ihre Gegner sagen, die "sozialistische Einheitsschule".

Mehrere Bundesländer hatten sie zehn Jahre lang gestestet. Nun sind die Minister aufgefordert, die Gesamtschule anzuerkennen. Als der Vorsitzende der Runde, Bayerns Kultusminister Hans Maier (CSU), spricht, verkündet er freilich nicht den Anfang, sondern das Ende der Gesamtschule.

Denn was die Kultusminister nun beschließen, ist keine Gesamtschule, sondern ein Mutant, ein Bastard des Zieles aller Reformpädagogen. Im bildungspolitischen Aufbruch der siebziger Jahre sollte eine "Schule für alle" die Klassenschranken einreißen. Willy Brandts Slogan "Mehr Demokratie wagen" bedeutete auch: die Öffnung der Bildungseinrichtungen für die unteren Schichten, die Überwindung der gegliederten Schule aus dem Kaiserreich - der Traum aller deutschen Bildungsreformer seit Wilhelm von Humboldts Königsberger Schulplan (von 1809).

Etwas völlig anderes ist allerdings, was 1982 in die "Rahmenvereinbarung über die gegenseitige Anerkennung von Abschlüssen an integrierten Gesamtschulen" geschrieben wurde. Echte Gesamtschulen wurden in dem Papier nicht etwa anerkannt, sondern verboten. Auch Gesamtschulen, heißt es da, müssen "eine äußere Fachleistungsdifferenzierung vorsehen für Mathematik, 1. Fremdsprache, Deutsch, Physik und Chemie". Das bedeutet: Sie müssen ihre Schüler wieder säuberlich auseinander sortieren - obwohl sie das ihrer Idee nach gerade nicht sollten. Seitdem nehmen die Kultusminister Abiture nur von Gesamtschulen hin, die in den Hauptfächern eine bonsaihafte Kopie des gegliederten Schulwesens errichteten. Die Pseudo- oder KMK-Gesamtschule war geboren.

Was damals beschlossen wurde, klingt wie eine unbedeutende Anekdote der Geschichte. Tatsächlich aber hat es Auswirkungen bis heute.

Kulturkampf um die Gesamtschulen

Pseudo-Gesamtschulen gehören von den Leistungen genau wie von der sozialen Abhängigkeit der erzielten Erfolge zu den schlechtesten Schulen Deutschlands. Nur Hauptschulen sind schlechter. Kein Wunder: Der pädagogische Aufbruch wurde den KMK-Gesamtschulen damals ausgetrieben. Auch sie wurden, wie Reformer sagen, vom "Auslesebazillus" befallen.

Täglich wird den Schülern in Gesamtschulen mehrfach vor Augen geführt, dass es höhere und niedere Begabungen gibt - wenn nämlich Schüler durchs Schulhaus in ihre A-, B- und C-Kurse pilgern. Kommen die Lehrer einer einzigen Klasse zu Notenkonferenzen zusammen, befinden sich mitunter 28 Kollegen am Tisch.

Gegner wie Fans der Gesamtschule nennen es noch heute den Kardinalfehler dieser Schulform, dass sie ihren Schülern "die Strapazen der Differenzierung und das tägliche 'Selegiertwerden' zumutet". So konnte damals ein Fake Furore machen. Eine Gesamtschule, die gar keine war, brannte sich im kollektiven Gedächtnis als Synonym für Schulkampf und Schulkrampf ein.

Aber die Volte der Geschichte war kein Zufall, sondern ein Trick der konservativen Kultusminister. Sie hatten die Einführung einer funktionsunfähigen Pseudo-Gesamtschule von langer Hand geplant. Dazu mussten sie nur die Bildungseuphorie der sechziger Jahre verebben lassen.

"Die Bundesrepublik steht in der vergleichenden Statistik am untersten Ende der europäischen Länder", so will es eine dramatische Anklage an die deutsche Bildungspolitik. Das düstere Szenario einer Bildungskrise wird an die Wand gemalt. Junge Wissenschaftler würden zu Tausenden das Land verlassen, für die Wirtschaft stünde nicht genug qualifizierter Nachwuchs bereit. "Wenn das Bildungswesen versagt", steht in dem Papier, "ist die ganze Gesellschaft in ihrem Bestand bedroht."

Kurzer Frühling für die Reformschulen

Was sich anhört wie die Kurzfassung der jüngsten Pisastudie, ist ein über 40 Jahre alter Text. Er stammt von Georg Picht, heißt "Die Bildungskatastrophe" und markiert den Beginn eines Aufbruchs.

Deutschland in den frühen sechziger Jahren: Wachgerüttelt vom Journalisten Picht und einer vergleichenden Untersuchung der OECD wird sich die Nation klar, wo ihre Schulen stehen - ganz unten. Der Soziologe Ralf Dahrendorf schreibt 1965 das Buch "Bildung ist Bürgerrecht". Der Bundeskanzler und der Vorsitzende der Ministerpräsidentenkonferenz, auch das ein Novum, geben gemeinsam einen Bildungsbericht heraus. Ein bildungspolitischer Frühling erfasst Gesellschaft und Politik. Ein gewisser Bernhard Vogel (CDU) spricht sich dafür aus, die gemeinsame Grundschulzeit von nur vier Jahren zu verlängern. Einige Länder führen Gesamtschulen ein - auf Probe.

Dass über eine auf sechs Jahre verlängerte Zeit in der Grundschule heute wieder debattiert wird - wie derzeit in Hamburg -, hat einen einfachen Grund. Nicht der liberale Kultusminister Vogel setzte sich in der Union durch. Hinter ihm standen einige konservative Kollegen und mauerten, allen voran die der CSU aus Bayern. Sie spielten auf Zeit und ließen die sogenannten Gesamtschulen evaluieren, bereits in ihrer Schrumpfform.

Als Jahre später dann die Pseudo-Gesamtschule zur Abstimmung kam, war der Frühling längst vorbei. Längst hatte es da in Hessen und Nordrhein-Westfalen erbitterte Schulkriege gegeben. Und so konnte die Gesamtschule in der Sitzung von 1982 auf kaltem, bürokratischem Wege erledigt werden. Lediglich sechs echte Gesamtschulen wurden genehmigt - im Anhang des Beschlusses, namentlich aufgezählt wie in einem Steckbrief. Die Bayern haben gewonnen, die Gesamtschule ist eine Fußnote der Geschichte.

Nur als Kampfbegriff war die Gesamtschule ein Erfolg

Dabei hätten die Schulreformer nach Picht ahnen können, welchen Gegner sie haben. Hätten sie nur ein bisschen Geschichte studiert. Dann wäre ihnen klar gewesen, dass Bayern die reaktionärste Schulpolitik aller deutschen Länder betreibt. Das ist keine linke Anklage, sondern die Einschätzung aus Lageberichten der US-Armee aus den Jahren um 1947. An der Einführung einer Gesamtschule bissen die Amerikaner sich die Zähne aus. Der Oberkommandierende der amerikanischen Truppen, Lucius D. Clay, zog bereits 1950 eine ernüchterte Bilanz. "Noch immer ist die Schulreform ein Hauptziel unseres Programms", kabelte er in einem Bericht nach Washington. Aber er werde die Schulreform nicht militärisch durchsetzen. "Wir hoffen, dass das deutsche Volk sie selbst einführen wird."

Die US-Truppen und ihre zivilen Berater waren 1945 mit einem eindeutigen Ziel nach Deutschland gekommen: Deutschland sollte endlich demokratisch werden. Hohe Priorität für alle Alliierten hat dabei die Neuordnung des Schulwesens. Bei den US-Amerikanern hieß das unmissverständlich: "Demokratisierung der Schulstruktur". Die kaiserliche getrennte Schule habe blinde Autoritätshörigkeit vermittelt, die unteren Schichten systematisch von höheren Schulen ferngehalten. In der US-Zone sollte daher ein Gesamtschulsystem für alle Schüler entwickelt werden. Alle Kinder sollten mindestens sechs Jahre Grundschule gemeinsam verbringen, "ohne nach Geschlecht, sozialer Herkunft, Rasse, Berufen oder Berufswünschen getrennt zu werden".

Alois Hundhammer, damals Bayerns Kultusminister, war das egal. Er wehrte sich heftig gegen die Einführung einer Schule für alle. Dagegen sprach eine in seinen Augen unverrückbare Tatsache: Begabung sei "nur einem zahlenmäßig begrenzten Personenkreis vorbehalten", daher müsse ein Einheitsschulsystem fehl gehen. "Denn diese biologisch gegebene Ungleichheit [die Begabung, Red.] kann durch keine zivilisatorische Maßnahme beseitigt werden."

Die amerikanischen Offiziere waren schockiert. Sie hatten Deutschland erobert, um das Land zu zivilisieren. Gerade hatten sie das Grauen der Konzentrationslager entdeckt, wohin die Nazis Menschen aufgrund biologischer Eigenschaften aussortiert hatten. Nun trafen sie auf einen führenden deutschen Politiker, der erneut biologische Argumente benutzte - diesmal um die Sortierung von Zehnjährigen innerhalb eines Schulsystem zu rechtfertigen.

Ob die echte Gesamtschule, die heute Gemeinschaftsschule heißt, wirklich besser ist als gegliederte Schulformen, muss sie erst beweisen. Aber jeder Reformer, der sich heute an sie heranwagt, sollte sich die Karriere der "sozialistischen Einheitsschule" genau anschauen. Er kann daraus lernen: In der Realität hat es sie nie gegeben - aber als Kampfbegriff und Zerrbild war sie immer erfolgreich.

Christian Füller ist Redakteur der "taz"und Autor des neuen Buches "Schlaue Kinder, schlechte Schulen: Wie unfähige Politiker unser Bildungssystem ruinieren - und warum es trotzdem gute Schulen gibt" (Verlag Droemer-Knaur).

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