Islamunterricht "Allah hat uns alle lieb"

An manchen Grundschulen gibt es mehr ausländische als deutsche Kinder. Nach langem Tauziehen um die Lerninhalte läuft in Niedersachsen seit einigen Wochen ein Pilotprojekt: Muslimische Kinder erhalten Islamunterricht. Und was die Erstklässler dort lernen, könnte deutscher kaum sein.

Von Roman Heflik


"Was machen wir hier?" fragt Tünay Özrecber die Klasse auf Deutsch. "Allahs Namen malen", antwortet der kleine Ahmetkaan in derselben Sprache und drückt den Farbstift aufs Papier. Die Lehrerin lässt nicht locker: "Und was für eine Religion haben wir?" Die Antworten kommen zögerlicher: "Türkisch", vermutet Ahmetkaan, "Deutsch", glaubt Dilara.

Erste Schreibübungen: Auf dem Pappschild steht "Allah"
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Erste Schreibübungen: Auf dem Pappschild steht "Allah"

"Islam" lautet die richtige Antwort. Doch unter diesem Begriff können sich die muslimischen Erstklässler der Grundschule Salzmannstraße in Hannover noch nicht sonderlich viel vorstellen. Ihr islamischer Religionsunterricht und damit ihr erster Kontakt mit dem eigenen Glauben hat ja auch erst vor wenigen Wochen, am 1. September, begonnen.

Nur unwesentlich unterscheidet sich an diesem Morgen die Religionsstunde, über deren Einführung in der niedersächsischen Politik lange diskutiert worden ist, von einer ganz gewöhnlichen katholischen oder evangelischen Unterrichtseinheit: Die 14 Kinder malen, basteln und hören sich Geschichten von einem liebenden Gott an, der die Welt erschaffen hat. Zu Beginn jeder Stunde stellen sie sich in einen Kreis, fassen sich an den Händen und singen: "Große, Kleine, Dicke, Dünne - Allah hat uns alle lieb!".

"Ein Stück Integration geleistet"

Jeder zweite bis dritte Schüler an der Grundschule Salzmannstraße ist Ausländer - fast alles Muslime. Dass es nun endlich ein Unterrichtsangebot auch für ihren Glauben gibt, das sei eine längst fällige "Anerkennung dieser Religion", sagt Schulleiterin Marion Frontzek. "Dadurch, dass der Islam zu einem normalen Unterrichtsfach in deutscher Sprache gemacht geworden ist, hat man ein Stück Integration geleistet", findet die Rektorin. Das neue Angebot sei von den muslimischen Eltern sehr positiv aufgenommen worden.

Erstklässlerin: Noch können die Schüler sich unter Islam wenig vorstellen
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Erstklässlerin: Noch können die Schüler sich unter Islam wenig vorstellen

Frontzek leitet eine von acht Grundschulen in Niedersachsen, an denen zu Beginn des neuen Schuljahres das Pilotprojekt Islam-Unterricht startete. Vier Jahre lang soll getestet werden, ob das multireligiöse Nebeneinander funktioniert, bevor es gegebenenfalls im ganzen Bundesland und auf allen Schulebenen eingeführt wird.

Ausgeheckt und beschlossen hatte dieses Experiment noch die ehemalige SPD-Landesregierung unter Sigmar Gabriel. Lange scheiterte die Umsetzung daran, dass das niedersächsische Kultusministerium keinen Ansprechpartner fand, mit dem man verbindliche und einheitliche Lehrinhalte hätte entwerfen können. Zu uneinig waren sich die Vertreter der verschiedenen muslimischen Glaubensrichtungen. Der Durchbruch gelang erst der neuen CDU-Regierung: In persönlichen Anschreiben drängte sie elf islamische Verbände, Kulturvereine und Moscheenbetreiber zu einer raschen Einigung, um mit ihnen mögliche Lehrpläne besprechen zu können.

Grünes Licht vom Verfassungsschutz

Der Erfolg stellte sich ein, als im April ein Dachverein namens Schura den Anfang machte und sich an den Verhandlungstisch setzte; andere Vereine folgten. 220.000 oder etwa 90 Prozent der niedersächsischen Muslime waren auf diese Weise bei den Gesprächsrunden vertreten - genügend in den Augen der deutschen Beamten.

Dass an den Verhandlungen auch Vertreter von Milli Görüs - einer der größten islamischen Organisationen, die vom Verfassungsschutz als extremistisch eingestuft wird - beteiligt waren, wird im Kultusministerium gelassen gesehen. "Wir haben uns für unsere Ansprechpartner erst vom Verfassungsschutz das O.K. geholt", sagt Georg Weßling, Sprecher des niedersächsischen Kultusministeriums.

Nach Aussage von Ministerialrat Rolf Bade hatten solche Gruppen weder Einfluss auf die Lehrinhalte noch auf die Unterrichtsgestaltung. "Es ging lediglich darum zu erfahren, ob die inhaltlichen Glaubensaussagen vertretbar sind oder nicht", so Bade.

Am runden Tisch wurden schließlich die Lehrinhalte des Religionsunterrichts festgezurrt, darunter Themen wie "Der Prophet Mohammed", "Der Ramadan", aber auch "Ich und meine Familie" oder "Zusammenleben mit Nichtmuslimen". Als Grundlage diente dabei der Grundschullehrplan zum islamischen Religionsunterricht, den der Zentralrat der Muslime bereits vor vier Jahren in Köln erarbeitet hatte. "Wir haben diesen Plan zusammen mit Lehrern, Schulfachleuten und Wissenschaftlern soweit weiterentwickelt, wie es für eine öffentliche Schule nötig ist", berichtet Bade.

Den Koranschulen das Wasser abgraben?

Muslimische Ideen, vom deutschen Staat in seinem Sinne überarbeitet, von den Religionsvertretern abgenickt und von deutschen Schulbehörden ausgeführt - nach diesem Rezept könnten alle Beteiligten zufrieden sein. Nach Ansicht von Kultusminister Bernd Busemann (CDU) sollen sich die Kinder in der Islam-Stunde mit den Glaubensinhalten auseinandersetzen. Der Unterricht sei aber "nicht der Ort, an dem Glaubenspraxis ausgeübt wird - wie etwa in Koranschulen".

Lehrerin Özrecber: Arbeitet an gleich drei Schulen
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Dennoch: Durch einen aufgeklärten Religionsunterricht hofft man im Ministerium insgeheim, den fern jeder staatlichen Kontrolle agierenden Koranschulen den Wind aus den Segeln nehmen zu können. Und in den Lehrerzimmern freut man sich zudem über eine zusätzliche Schulstunde, die man auch dazu nutzen kann, den Einwandererkindern Deutsch beizubringen.

Sobald der Inhalt des Unterrichts feststand, paukten die Vertreter der obersten Schulbehörde seine Einführung noch in diesem Jahr durch. "Ich habe erst zwei Wochen vor Beginn der Sommerferien per Handy davon erfahren", erinnert sich Frontzek. Da war die Rektorin gerade im Schullandheim.

Islamlehrer sind rar

Mit Tünay Özrecber, 23, hatte Frontzek die passende Pädagogin: Die junge, in Deutschland geborene Frau spricht fließend Deutsch und Türkisch, nennt sich "religiös, aber unabhängig und nicht strenggläubig" und war vor allem willens, an dem Feldversuch teilzunehmen. Noch in den Ferien erhielt Özrecber Fortbildungkurse - schließlich hatte sie noch nie zuvor Religionsunterricht erteilt. "Ich war natürlich unvorbereitet", sagt sie heute.

Grafik: Muslimische Schüler
DER SPIEGEL

Grafik: Muslimische Schüler

Zusammen mit sieben anderen Lehrkräften soll Özrecber nun während des Schuljahres parallel zu ihrer Arbeit fortgebildet werden. Weil noch qualifiziertes Personal fehlt, muss sie derzeit auch an zwei anderen Schulen aushelfen. Bezahlt wird ihr die Mehrarbeit nicht - Özrecber hat sich ja freiwillig gemeldet.

Trotz der Startschwierigkeiten ist Marion Frontzek über den erzielten Kompromiss erleichtert: "Wir sind froh, dass wir jetzt feste Rahmenrichtlinien haben und unsere Lehrkräfte nur dem Kultusministerium unterstellt sind."

Doch einige Muslime wünschen sich eine größere Mitbestimmung - auch wenn die Einführung des neuen Fachs einhellig begrüßt wird: "Die Auswahl der Schulen und der Lehrer wurde uns abgenommen", bedauert Rafet Kurtocagi.

Die Christen helfen mit Büchern aus

Er ist stellvertretender Schura-Vorsitzender und zugleich Sekretär von Mili Görüs in Niedersachsen. Man werde in den nächsten vier Jahren überlegen, wie der Religionsunterricht von der Schura als Dachverband organisiert werden könne. So eine Beteiligung stehe den Muslimen verfassungsgemäß zu. Kurtocagi bezieht sich dabei auf Artikel 7, Absatz 3 des Grundgesetzes, demzufolge der "Religionsunterricht in Übereinstimmung mit den Grundsätzen der Religionsgemeinschaften erteilt" wird.

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Solche Ansprüche hält Ministeriumssprecher Weßling für verfrüht: "Dazu müssten sich die Muslime erst auf einheitliche Grundsätze und Inhalte festlegen." Erst dann könnten sie vom Staat als religiöse Gemeinschaft und damit als gleichwertiger Partner behandelt werden. "Aber auch dann bleiben wir diejenigen, die die Richtlinien zum Lehrplan erlassen", stellt Weßling fest.

Doch noch läuft ja erst die Testphase für den Islam-Unterricht. Von den Lehrern wird derweil Improvisationstalent gefordert: Weil noch keine Lehrmaterialien für den deutschen Islam-Unterricht existieren, behilft sich Pädagogin Özrecber mit Büchern und Lehrkonzepten ihrer katholischen und evangelischen Kollegen. Und so klingt auch das nächste Lied, dass die Erstklässler an diesem Morgen anstimmen, für christliche Ohren seltsam vertraut: "Lobet, preiset, danket... Allah."



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