Islamunterricht an Grundschulen Schulversuch erfolgreich, trotzdem Stillstand

In Niedersachsen gibt es islamischen Religionsunterricht an 42 Grundschulen. Das Experiment zeigt: Die Nachfrage ist da, Lehrer, Schüler und Eltern sind vom Fach angetan. Dennoch kommt die reguläre Einführung nicht vom Fleck - und das schon seit sieben Jahren.

Lehrerin Aslangeciner: "Gott und Allah: Ich verwende wahlweise beide Begriffe"
dapd

Lehrerin Aslangeciner: "Gott und Allah: Ich verwende wahlweise beide Begriffe"


Vor dem Fenster des Klassenzimmers mit Blick auf eine Pferdekoppel lauscht Ibrahim, 6, der Geschichte von Elmar, dem bunten Elefanten. Der Erstklässler nimmt zusammen mit seinen muslimischen Mitschülern am Unterrichtsfach Islamische Religion (UIR) an der Ratsschule Berenbostel in Garbsen teil. Die Grundschule gehört zu 42 niedersächsischen Modell-Grundschulen, die UIR seit 2003 im Schulversuch anbieten. Wann das Fach aber an alle 1800 Grundschulen des Landes kommt, steht in den Sternen.

Garbsen gilt mit seinem besonders hohen Anteil an muslimischen Einwanderern als sozialer Brennpunkt. In dem kleinen Klassenzimmer deutet nichts darauf hin. "Der bunte Elmar soll den Kindern vermitteln, dass jeder Mensch in seiner Einmaligkeit ein von Gott geliebtes Wesen ist", sagt Islamlehrerin Yesim Aslangeciner, 29. Die Unterrichtssprache von UIR ist Deutsch.

"Gott und Allah: Ich verwende wahlweise beide Begriffe", sagt die Lehrerin. So will sie den Schülern nahebringen, dass Muslime, Christen und Juden an ein und denselben Gott glauben. Die Erstklässler sollen verstehen, dass der Islam gleichberechtigt neben den anderen Religionen steht, aber nicht über ihnen. Denn das sei ein Vorurteil, dem noch zu viele Muslime anhingen, so Aslangeciner, deren Familie aus der Türkei stammt.

Islamvertreter wollen mitreden - zu viel für das Kultusministerium

Schulleiterin Cordula Mahlow ist froh, dass es UIR an der Ratsschule Berenbostel gibt. "Das Fach wird von Schülern und Eltern sehr gut angenommen", sagt die 48-Jährige. Der Anteil von Schülern mit Migrationshintergrund liege an der Schule weit über 50 Prozent, die meisten davon Muslime. Für Mahlow hat sich der Schulversuch bewährt.

Dennoch scheint die reguläre Einführung von UIR auch nach sieben Jahren noch in weiter Ferne. Sie scheitert in Niedersachsen wie auch in anderen Bundesländern bisher an dem Problem, dass es im Islam keine den christlichen Kirchen vergleichbare repräsentative Organisation als Partner des Staates gibt.

Das Kultusministerium in Hannover will die Inhalte von Lehrplan und Schulbüchern für den Religionsunterricht mit nur einer religiösen Körperschaft abstimmen, die alle Muslime vertreten soll. Aber in Niedersachsen wollen mehrere Vertreter mitsprechen: Die Landesvertretung der Muslime in Niedersachsen, die Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion (Ditib), Vertreter der Schiiten und der Zentralrat der Muslime.

Ein bunter Elefant zeigt, was Vielfalt bedeutet

"Es ist dem Staat zumutbar, das Unterrichtsmaterial mit mehreren Partnern abzustimmen, die das gleiche Anliegen haben", sagt Aiman Mazyek. Er ist Vorsitzender der Zentralrats der Muslime in Deutschland (ZMD), der den Modellversuch in Niedersachsen beobachtet. Schließlich biete das Land auch einen konfessionsübergreifenden christlichen Religionsunterricht an, wo der Staat mit der evangelischen und der römisch-katholischen Kirche nicht nur einen Partner habe.

Die Positionen scheinen erstarrt, die Lage ist seit sieben Jahren festgefahren. Dabei lassen die Erfahrungen an den Modell-Grundschulen durchaus hoffen. "Die Ratsschule Berenbostel hat mit Yesim Aslangeciner einen Glücksgriff gemacht", so Schulleiterin Mahlow. Aslangeciner hat in Hildesheim Grundschullehramt studiert und nebenbei sechs Semester islamischen Religionsunterricht in Osnabrück belegt. Damit ist die 29-Jährige für ihre Aufgabe perfekt qualifiziert. Denn anders als im christlichen Religionsunterricht, wo auch Geistliche unterrichten, darf UIR nur von ausgebildeten Lehrern gegeben werden.

Dies liege daran, dass der Islam keine den christlichen Kirchen vergleichbare pädagogische Unterrichtskultur habe, sagt Aslangeciner. "Ich kann einen Imam aber in den Unterricht einladen", fügt sie hinzu. Derzeit unterrichten 29 islamische Religionslehrer etwa 2400 Schüler an den 42 Modell-Grundschulen. In ganz Niedersachsen gibt es jedoch rund 1800 Grundschulen, für die bei einer regulären Einführung entsprechend mehr Lehrkräfte benötigt würden.

"Aber der Elmar ist jetzt doch gar nicht mehr bunt", platzt es aus Ibrahim heraus. In der Geschichte wurde der bunte Elefant gerade mit grauem Beerensaft überschüttet. Nun sieht er genauso grau aus wie alle anderen Dickhäuter. Der Sechsjährige habe die Botschaft verstanden, dass religiöse und kulturelle Vielfalt wichtig und wünschenswert ist, lobt die Lehrerin ihren Schüler.

Von Markus Huth, dapd/bim

insgesamt 101 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Pacolito, 16.11.2010
1. Hmm...
Der Religionsunterricht - auch der christliche - gehört in Deutschland komplett abgeschafft.
PeteLustig, 16.11.2010
2. .
Zitat von sysopIn Niedersachsen gibt es islamischen Religionsunterricht an 42 Grundschulen. Das Experiment zeigt: Die Nachfrage ist da, Lehrer, Schüler und Eltern sind vom Fach angetan. Dennoch kommt die reguläre Einführung nicht vom Fleck - und das schon seit sieben Jahren. http://www.spiegel.de/schulspiegel/wissen/0,1518,729431,00.html
Nun fassen wir uns alle bei den Händen und singen gemeinsam die Internationale... Und ignorieren auch weiterhin die unpopulären Suren (http://www.libertas-online.de/mat_isl_gew_bsp.htm) des Koran. Ich bitte Sie, dann hätte der Staat jährlich 1,7 Milliarden Euro mehr zur Verfügung und tausende Religionslehrer müssten sich einen ehrlichen Job suchen - das wäre doch fatal.
steinaug 16.11.2010
3. Nein
NEIN, wir glauben micht alle an einen Gott. Den Mord an Ungläubigen, und viele andere unschöne Dinge, verlangt nur der Gott einer ganz bestimmten Religion.
sitiwati 16.11.2010
4. bei uns
bringt man nicht mal eine genügende Anzahl Kinder für einen Ev oder Kath Untericht zusammen, ich lach mich tot, und dann üben wir gemeisam arabisch, denn der Koran wird nur im Org gebetet !
Seelotus 16.11.2010
5. Religionsunterricht an Schulen
Konfessioneller Religionsunterricht gehört nicht in öffentliche Schulen! Ich habe 40 Jahre Unterrichtspraxis hinter mir, war selber an einem staatlich/protestantischen Gymnasium und habe dort an dem Fach Religion teilgenommen und mich damit auseinandergesetzt. Unbedingt sollten an Schulen Kenntnisse zu den Religionen vermittelt werden, sowohl bezüglich der Inhalte und Mythen aber vor allem auch unter dem Gesichtspunkt der historischen Entwicklung, wobei ein kritischer Blickwinkel unbedingt erlaubt sein muss. Eng angelehnt an Philosophie-, Geschichts- und eventuell auch Ethikunterricht kämen vielleicht am Ende einer solchen Bildung junge Leute mit vertieftem Wissen und erhöhtem Urteilsvermögen und notwendiger Toleranz heraus, in der Lage, fanatischen Ansätzen eine Absage zu erteilen. Dies bedeutet, dass die jeweiligen Religionsgemeinschaften ihre spezifische Instruktion für bekennende Mitglieder anbieten und praktizieren können, aber eben vor dem Hintergrund einer für alle in der Gesellschaft lebenden Menschen umfassenden, wie oben beschriebenen Information und nicht ! in der öffentlichen Schule. So könnten wichtige Werteentscheidungen vielleicht nachhaltiger getroffen werden und es fiele leichter diese auf dem Hintergrund der Menschen- und Verfassungsrechte zu diskutieren und zu entscheiden.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.