Reform-Initiative So will eine Abiturientin Deutschlands Schulen umkrempeln

Jamila Tressel, 20, hat in der Schule zeitweise ziemlich gelitten. Nach dem Abi verfolgt sie nun ein großes Ziel: Sie will Deutschlands Schulen reformieren. Wie stellt sie sich das vor?
Jamila Tressel

Jamila Tressel

Foto: Watsamon Tri-yasakda / DER SPIEGEL

Jamila Tressel hat gerade ihr Abitur hinter sich gebracht. Sei alles sehr gut gelaufen, sagt sie, genau wie erhofft, und Spaß habe es auch noch gemacht. Keine Selbstverständlichkeit im deutschen Schulsystem, davon ist die 20-Jährige überzeugt. Ihren Schulfrust hat sie bereits als Achtklässlerin in einem Buch verarbeitet. Jetzt will sie in deutschen Klassenzimmern einiges grundlegend ändern.

Tressel engagiert sich deshalb für die Initiative "Schule im Aufbruch", die ihre frühere Schulleiterin ins Leben gerufen hat. Als Trainerin und Referentin trägt sie Konzepte und Maßnahmen in Schulen, wie Kinder selbstständig und eigenverantwortlich lernen können.

Zur Person

Jamila Tressel, Jahrgang 1998, hat ihre Schulerfahrungen 2014 in einem Buch beschrieben. Außerdem arbeitet sie als ausgebildeter Coach, Trainerin und Referentin. Große Unternehmen wie BMW oder die Deutsche Bahn berät sie unter anderem bei der Frage: "Was müssen wir tun, damit junge Menschen bei uns arbeiten wollen?"

SPIEGEL ONLINE: Du hast gerade Abitur gemacht und 13 Jahre Schule hinter dir. Wie hast du diese Zeit erlebt?

Jamila Tressel: In der fünften Klasse war ich auf einem Berliner Gymnasium in einer sogenannten Schnellläuferklasse. In der Zeit habe ich nachts oft wach gelegen, weil ich Angst hatte, Hausaufgaben vergessen zu haben. Diese Schule hat mir gezeigt, wie ich nicht lernen will: Ich will mich nicht unter Druck setzen und dauernd bewertet werden.

SPIEGEL ONLINE: Was spricht dagegen, Feedback für die eigene Leistung zu bekommen?

Tressel: Ich habe mich nur über meine Noten definiert, die einfach nichts über mich aussagen. Ich habe nicht gelernt, weil ich auf den Stoff Lust hatte, sondern weil ich Angst hatte. Dieses Lernen war anstrengend, hat mir nicht viel Spaß gemacht und mir nicht so viel gebracht. Und da bin ich nicht die Einzige. Man muss nur schauen, wie viele Schüler krank oder unzufrieden sind. Mir ging's genauso. Ich hatte oft Probleme, Halsschmerzen, Bauchschmerzen. Die waren komischerweise immer weg, wenn ich nicht an Schule gedacht habe oder ich nichts dafür machen musste.

SPIEGEL ONLINE: Wie bist du damit umgegangen?

Tressel: Ich habe irgendwann die Schule gewechselt, weil ich mit dem Leistungsdruck nicht mehr gut klarkam. Ich war dann an einer Schule in freier Trägerschaft mit besonderem Konzept und habe erlebt, dass Schule eben auch ganz anders sein kann. Dort hatten wir Fächer wie "Verantwortung" und "Herausforderung". Einmal in der Woche mussten wir uns zum Beispiel für mindestens zwei Stunden sozial engagieren. Dabei haben wir konkret gelernt, Verantwortung zu übernehmen.

SPIEGEL ONLINE: Was muss man sich unter dem Fach "Herausforderung" vorstellen?

Tressel: Wir haben zum Beispiel ein bisschen Geld in die Hand gedrückt bekommen und sind nach England aufgebrochen, um dort zu wandern. Mit ein paar Mitschülern haben wir bei Menschen geklingelt, um in deren Vorgärten zu campen, in den Zügen haben wir verhandelt, damit wir umsonst fahren dürfen. Auf unserer Reise haben wir gelernt, dass man das Leben nicht vorausplanen kann - aber immer eine Lösung findet. Und ich habe mich selbst besser kennengelernt, welche Rollen ich in einer Gruppe einnehme.

Viele von uns Schülerinnen und Schülern wollen doch genau das: Herausgefordert werden, teilhaben an der Gesellschaft. Wir wollen nicht dauernd hören: "Die Kinder, die müssen alle noch so viel lernen." Wir können doch schon was. Das können wir auch beitragen und zeigen. Immerhin gibt es viel zu tun, bei dem wir mit anpacken können.

SPIEGEL ONLINE: Zum Beispiel die Schulen ändern. Was willst du mit der Initiative "Schule im Aufbruch" erreichen?

Tressel: Wir wollen Schulen wachrütteln, indem wir fragen: In was für einer Gesellschaft wollen wir leben und wie kann Schule das mitgestalten? Wie können wir mit Komplexität und Herausforderungen angehen? Schulen sollen wegkommen vom Leistungsdruck, von höher, schneller, weiter - hin zu einer Gesellschaft, die glückliche Menschen hervorbringt. In der wir voneinander lernen und aufeinander achten. Auf den Planeten achtgeben. Das ist das übergeordnete Ziel: eine andere Gesellschaft, eine andere Haltung. Das fängt schon in der Schule an.

SPIEGEL ONLINE: Und das passiert bisher nicht?

Tressel: Die Welt verändert sich, die Schulen nicht - oder zu wenig: Man muss nur Telefone von damals mit Handys von heute vergleichen, Kutschen mit einem Porsche. Und dann schaut man sich Bilder von einem Klassenraum von vor hundert Jahren und heute an. Die sehen fast identisch aus. Dabei brauchen wir heute ganz andere Kompetenzen als damals. Alle Aufgaben, die Maschinen erledigen können, werden sie früher oder später übernehmen. Die Frage ist: Was brauchen wir dann?

SPIEGEL ONLINE: Und was brauchen wir?

Tressel: Wir müssen Wissen anwenden, ja, aber wir müssen kein Humboldt mehr sein, der das gesamte Weltwissen in sich trägt. Wir brauchen neue Lösungen, neue Kompetenzen. Handlungs- und Risikobereitschaft zum Beispiel, eine andere Fehlerkultur. Ich glaube, dass wir dringend Medienkompetenz, kreative und künstlerische Fähigkeiten lernen und mehr wertschätzen sollten. Wir sollten rausgehen, mutig sein, wissen, wer wir sind und was wir können.

SPIEGEL ONLINE: Viele Schulen versuchen bereits, Schülern genau das zu vermitteln.

Tressel: Aber an den meisten Schulen wird das noch gar nicht gelebt, weil dort immer noch mehr Wert auf Konkurrenz gelegt wird - und darauf, die vermeintlich Leistungsstärksten auszuwählen und von anderen zu trennen. Das ist einfach nicht mehr das, was wir im 21. Jahrhundert brauchen.

SPIEGEL ONLINE: "Schule im Aufbruch" steht mit vielen Schulen in Kontakt. Wie sind die Reaktionen?

Tressel: Viele Lehrer sagen gleich am Anfang: "Solche Methoden funktionieren vielleicht bei euch, aber bei uns geht das nicht." Ich habe den Eindruck: Viele von denen sind überfordert und wissen nicht, wie sie Kindern Eigenverantwortung beibringen können, weil sie es selbst nicht gelernt haben. Eltern sind oft skeptisch, nach dem Motto: Lernt mein Kind da auch was? Viele Eltern sind durch das Schulsystem gegangen, fanden es zum Teil ganz furchtbar - und glauben trotzdem, dass ihr Kind aufs Gymnasium muss.

SPIEGEL ONLINE: Wie kommen die Konzepte bei Schülern an?

Tressel: Viele sind begeistert. Aber natürlich gibt es auch Schüler, die sagen: "Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich ohne Notendruck lernen würde." Das finde ich erschreckend. Häufig frage ich dann zurück: Was hast du denn als Baby gemacht? Dich geweigert, laufen zu lernen, bis du in die Schule gekommen bist? Ich verstehe, was diese Schüler meinen. Viele denken, dass sie jemanden brauchen, der ihnen sagt, was sie wann tun sollten und der sie bewertet. Aber es geht halt auch anders.

SPIEGEL ONLINE: Wie Schüler lernen sollen, wird von den Bundesländern entschieden, nicht von Lehrern oder Eltern.

Tressel: Das stimmt, das ist wohl die größte Stellschraube. Es gibt immer einzelne Personen, die unsere Ideen gut finden, aber es gibt eben auch viele Auflagen, die Veränderungen erschweren. Letztlich müssen Politik, Lehrer, Eltern und Schüler alle an einem Strang ziehen. Einfach mal machen und zeigen, dass es auch anders gehen kann - so wie ich es an meiner Schule erlebt habe. Dadurch weiß ich jetzt, was ich kann und will, und ich habe richtig Lust drauf, etwas in der Welt zu verändern.

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