Abitur versus Die Toten Hosen Alles aus Liebe

Sicher sollte er lernen, aber Abwechslung muss sein, findet Beinahe-Abiturient Jan Felix Walther, 19. Also gönnt er sich eine Auszeit mit seiner Lieblingsband und verbündet sich mit seiner lernenden Leidensgenossin Patricia, wenigstens für diesen einen Abend.

Hendrik Myland/ Weststadthalle Essen

So fühlt es sich also an, Abiturient zu sein. Die vergangenen zwei Wochen lernte ich jeden Tag mindestens zwei Stunden; ich ging früh ins Bett und stand früh wieder auf, um weiter zu lernen - freiwillig. Jahrelang quälte ich mich durch die Schule und beschwerte mich über langen Unterricht und viele Hausaufgaben und jetzt das: Ich lerne, ohne dass es mir jemand sagt.

Die ersten drei Klausuren hat unser Doppeljahrgang in Nordrhein-Westfalen hinter sich. Ich schrieb in Deutsch, Sozialwissenschaften und Englisch. Anfang Mai muss ich noch mal zur Schule, dann zur mündlichen Prüfung in Biologie. Doch bevor ich mich mit ökologischen Verflechtungen und den Grundlagen evolutionärer Veränderung beschäftige, habe ich noch mal meine Freizeit genossen.

Seit 2005 sind Die Toten Hosen meine Lieblingsband. Im vergangenen Jahr feierten die fünf Düsseldorfer ihr 30-jähriges Jubiläum. Mit der "Krach der Republik"-Tour reisten sie durchs Land. Ich musste die meiste Zeit aber zu Hause bleiben - das Abi lag ja vor mir.

Das erste Konzert des Jahres vor nur tausend Fans

Jetzt stecke ich mitten im Abi, doch einen Abend kann ich mir freinehmen, finde ich. In Essen stand nämlich ein kleines Konzert der Toten Hosen vor rund tausend Fans in der Weststadthalle Essen an - das erste des Jahres. Ich könnte jetzt schreiben, dass ich mir an "Tagen wie diesen" Unendlichkeit wünsche. Stimmt ja auch. Aber ich habe dieses Lied inzwischen wohl zu oft gehört.

Deswegen fange ich lieber anders an: Die Schlange vor der Weststadthalle in Essen war kurz vor Einlass schon ziemlich lang. Das Wetter war aber zu gut, um dort zu warten. Also setzte ich mich auf die Wiese vor der Halle zu anderen Fans, viele kenne ich bereits von früheren Konzerten. Eine davon ist Patricia. Sie schreibt wie ich gerade ihr Abi, hat es aber mit den Prüfungen härter getroffen: Während ich meine letzte schriftliche Klausur vor einer Woche geschrieben habe, muss sie am Tag nach dem Auftritt ran. Das alles sollte uns aber nicht den Konzert-Auftakt unserer Lieblingsband vermiesen.

Und, tja, es war natürlich großartig. Mehr als zwei Stunden dauerte der Auftritt. Neben Liedern aus der Anfangszeit in den achtziger Jahren spielten sie natürlich auch "Tage wie diese" und andere Klassiker - teilweise auch völlig neue Versionen von bekannten Stücken. Campino versang sich zwar auch in Essen einige Male, aber das ist man von ihm ja seit Jahren gewöhnt.

Nach dem Konzert sprach ich noch mit anderen Fans über die bevorstehende Tour und wo wir uns als nächstes Treffen würden. Dann aber verabschiedete ich mich erst mal wieder von allen und ging langsam zur Bahn - ganz langsam. In der Hoffnung, das bevorstehende Lernen vielleicht doch noch etwas herauszögern zu können.

Aber es hilft alles nichts, das Konzert war eine willkommene Abwechslung, doch jetzt muss ich mich mit Biologie beschäftigen. Also gehe ich wieder früh ins Bett und stehe früh auf, um zu lernen. Der zweite Tour-Teil beginnt erst Mitte Mai in Bielefeld. Dieses Jahr versuche ich auch, wesentlich mehr Konzerte zu besuchen - die Prüfungen sind dann ja alle geschafft.



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