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15. Mai 2009, 13:42 Uhr

Jobsuche als Schulfach

Was soll bloß aus mir werden?

Von Christina Schmitt

Abi, aber was dann... Die große Ratlosigkeit nach der Schule will Bayern mit einem neuen Pflichtfach bekämpfen: Ab Herbst 2009 sollen die Schüler fit gemacht werden für die Berufswahl. Einige Klassen haben den Testlauf bereits hinter sich - und sind enttäuscht.

Sie muss sich endlich entscheiden, vielleicht ist es die wichtigste Entscheidung ihres Lebens. Schließlich geht um ihre Zukunft. Doch Franziska, 20, kann sich einfach nicht auf ein Studienfach festlegen.

Romanistik und Anglistik in Erfurt brach sie nach einem Semester ab, Geisteswissenschaften hatte sie sich anders vorgestellt. Nun schwankt sie zwischen Jura und Kommunikationswissenschaft. Ein Praktikum bei der Lokalzeitung soll weiterhelfen.

So viel Unentschlossenheit unter den Abiturienten möchte das Bayerische Kultusministerium eigentlich vermeiden. Deshalb wird es ab dem Schuljahr 2009/2010 ein neues Pflichtfach für die Oberstufe geben: Studien- und Berufsorientierung.

Es ist die Antwort der bayerischen Bildungsbürokratie auf Fragen, die sich jeder Schüler stellt: Wo will ich hin? Was soll aus mir werden? Ausbildung, Studium, erstmal abwarten? Fragen, auf die bundesweit jeder dritte Abiturient keine Antworten weiß.

Es soll die Anleitung werden für die eigene Lebensplanung, für den eigenen Erfolg. Bayern will den Abiturienten erklären, wie sie den richtigen für sich Job finden.

"Wir saßen den Unterricht eigentlich nur ab"

Zum Anlass, das neue Fach einzuführen, nahm das Ministerium die Verkürzung der Gymnasialzeit auf acht Jahre - das umstrittene Turbo-Abitur. Dafür musste ein komplett neuer Lehrplan her, und in dieser Zeit des Wandels wurde entschieden, Berufsorientierung in den Stundenplänen zu platzieren. "Projekt-Seminar" soll das neue Fach heißen. Die wöchentliche Doppelstunde soll die ersten Schüler mit verkürzter Oberstufe fit für die Zukunft machen.

Doch Franziska hat das Schulfach wenig genutzt. Sie hat es mit ihrer Klasse am Gymnasium Casimirianum in Coburg bereits getestet, in einer Art Modellversuch. Trotzdem blieb sie ratlos bei der Studienfachwahl. "Wir waren im Projekt-Seminar völlig auf uns selbst gestellt", sagt die 20-Jährige. Der Unterricht sei von einem Lehrer abgehalten worden, der auf die Aufgabe nicht vorbereitet war und die Schüler lediglich Fragebögen zu Berufswünschen ausfüllen ließ.

Viel Mühe habe er sich beim Unterricht nicht gegeben, erzählt Franziska. Berufsbilder und Anforderungen hätten die Schüler in Referaten selbst vorstellen müssen - und es sich leicht gemacht, indem sie ohnehin bekannte Berufe vorstellten. "Wir saßen den Unterricht eigentlich nur ab", so Franziska. Wie eine Bewerbung aussehen muss, habe sie nicht erfahren, geschweige denn, wie es in einem Assessment-Center zugeht.

Leonie Linder vom Gymnasium in München-Moosach hat das Fach ebenfalls mit ihrer Klasse getestet und kürzlich ein Bewerbungstraining absolviert. "Das war hilfreich, doch weiß ich jetzt immer noch nicht genau, was ich nach dem Abitur machen will", sagt die 18-Jährige, die gerade ihre Abiturprüfungen macht.

Praktika? Fehlanzeige!

Die Mädchen glauben zu wissen, warum aus der Orientierung nichts werden konnte: Es fehlte ein strukturiertes Konzept, ein vernünftiger Lehrplan. Die Stunden schwammen nur so dahin. "Vor dem Lehrer sitzen 25 Schüler, die womöglich mehr als 50 verschiedene Berufswünsche haben", sagt Franziska. Individuelle Betreuung statt Frontalunterricht würde sie sich wünschen, vielleicht eine Sprechstunde. Auf jeden Fall aber solle es ein verpflichtendes Praktikum geben.

Doch weder Praktikum noch Lehrplan wird es im kommenden Schuljahr für das Projekt-Seminar geben. "Wir hätten gerne ein verpflichtendes Praktikum eingeführt, doch haben sich die bayerischen Unternehmen geweigert. Sie sind ausgelastet mit den Haupt- und Realschülern", sagt Günter Manhardt vom Staatsinstitut für Schulqualität und Bildungsforschung München (ISB).

Manhardt hat Entwicklung und Testphase des neuen Faches begleitet. "Auf einen Lehrplan haben wir bewusst verzichtet", verteidigt er die vagen Vorgaben zum Inhalt des Fachs. Man habe den Schulen mehr Freiheiten in der Gestaltung des Unterrichts geben wollen.

Nach welchen Kriterien lässt sich die Leistung beurteilen?

Wie das Projekt-Seminars genau ablaufen soll, ist deshalb nur in groben Zügen vorgegeben: Zuerst durchlaufen die Schüler ein halbes Jahr theoretische Orientierung, zuständige Lehrer können sich dafür einen Leitfaden des Ministeriums kopieren. Im zweiten Halbjahr sollen die Schüler gemeinsam mit einem Unternehmen ein Projekt selbstständig organisieren.

An Franziskas Schule zum Beispiel wird im nächsten Jahr ein Theaterstück organisiert, externer Partner soll ein Beleuchtungstechniker sein. Doch wie viele der 20 Schüler wollen Beleuchtungstechniker werden?

Ein weiteres Problem wird die Benotung sein, die immerhin mit zwei Halbjahresleistungen im Abitur einfließt. Eine gerechte Bewertung werde schwierig, das räumt auch Günter Manhardt vom ISB ein: "Hier muss der Schulleiter zusehen, dass alle angebotenen Projekte gleich schwer zu bearbeiten sind. Schüler, die Theater spielen, sollten nicht einfacher Einsen bekommen als die, die ein Buch erstellen."

"Wir Lehrer kennen ja nur den einen Beruf"

Am Arnold-Gymnasium in Neustadt bei Coburg hat man das neue Pflichtfach anders umgesetzt, als es für das kommende Schuljahr geplant ist - und wesentlich bessere Erfahrungen mit der Berufsorientierung gemacht. "Die meisten Schüler haben das Angebot freiwillig wahrgenommen", erzählt der Projektleiter Jochen Dotterweich.

Statt wöchentlichem Unterricht gab es einzelne Projekttage, an denen die Jugendlichen Unternehmen besuchten und im Assessment-Center saßen. Jeder Schüler wählte einen Beratungslehrer, der ihm half, einen Platz für das verpflichtende Praktikum zu finden. Wenn keine Prüfungen anstehen, können sich die Schüler für einige Tage vom Unterricht für das Praktikum befreien lassen.

Carina Wittmann, 20, hat auf diese Weise zwei Praktika während der Schulzeit absolviert und ihre Interessen erkannt: Ohne das Projekt würde sie jetzt kein duales Studium in einem Wirtschaftsunternehmen machen, sondern "irgendwas Soziales", sagt sie.

Trotz seiner gelungenen Umsetzung der Testphase sieht Lehrer Dotterweich das "Projekt-Seminar" skeptisch: "Berufsorientierung muss auch außerhalb der Schule stattfinden. Wir Lehrer kennen ja nur den einen Beruf."

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