Schülerin debattiert mit AfD-Kandidat "Ich habe mich wirklich über Herrn Kalbitz geärgert"

Johanna Liebe ist 15 und hat im Brandenburgischen Landtag mit dem AfD-Spitzenkandidaten zur Landtagswahl diskutiert. Hier erzählt die Schülerin, wie sie sich vorbereitete - und was sie nach der Debatte bedauert.

Johanna Liebe in der Debatte mit AfD-Kandidat Andreas Kalbitz
Christoph Soeder/dpa

Johanna Liebe in der Debatte mit AfD-Kandidat Andreas Kalbitz

Ein Interview von


Andreas Kalbitz ist Politikprofi, wird zum rechtsnationalen "Flügel" der AfD gezählt, ist seit 2014 Landtagsabgeordneter in Brandenburg und teilt rhetorisch gern mal aus: Als ihn am vergangenen Montag ein Schüler fragte, was er von "Flügel"-Gründer Björn Höcke halte, der ja "ziemlich offen ein Nazi" sei, wettert Kalbitz gegen die Verblendung des Fragestellers "durch die Dauerrotlichtbestrahlung" der Schule und schimpft, dass man in diesem Land mittlerweile schon ein "Klima-Nazi" sei, wenn man nur im Garten ein Lagerfeuer anzünde. Auch von "ökologischer Selbstbefriedigung" polemisiert der Abgeordnete.

Anlass war eine Diskussionsveranstaltung mit Schülerinnen und Schülern. Im Rahmen einer Kampagne zur Juniorwahl - in Brandenburg dürfen schon 16-Jährige bei der bevorstehenden Landtagswahl an die Urnen - debattierten jeweils ein Jugendlicher und ein Spitzenkandidat über eine Streitfrage. Kontrahentin von Kalbitz war die 15-jährige Johanna Liebe - und sie ließ den AfD-Mann nach übereinstimmenden Berichten regelrecht auflaufen.

Zur Person
  • Privat
    Johanna Liebe, Jahrgang 2004, besucht die zehnte Klasse am Evangelischen Gymnasium Neuruppin. In der achten Klasse ist dort das Debattieren Teil des Lehrplans, 2018 war sie im Bundeswettbewerb "Jugend debattiert" erfolgreich.

SPIEGEL ONLINE: Johanna, du hast bei der Veranstaltung "Jugend debattiert mit Spitzenkandidaten" mit dem brandenburgischen AfD-Mann Andreas Kalbitz diskutiert. Zwölf Minuten lang, nur ihr beide im Wechsel. Wie hast du dich vorbereitet?

Liebe: Jeder Parteienvertreter konnte im Vorfeld eine Frage stellen. Herr Kalbitz hat gefragt, ob zum Schutz der heimischen Insekten und Vögel die Förderung von Windkraftanlagen beendet werden sollte - er hat sie mit Ja beantwortet. Wir konnten die Themen vorab untereinander verteilen, ohne jedoch zu wissen, welcher Kandidat dahintersteckt, und haben uns dann bei einem Seminar am Wochenende auf die Veranstaltung im Potsdamer Landtag vorbereitet und die Gegenpositionen entwickelt. Ich hatte schon Respekt davor, weil ich ja nicht wusste, wie er auftreten würde.

SPIEGEL ONLINE: Aber dann ging es irgendwann gar nicht mehr um Windkraft.

Liebe: Nein, Herr Kalbitz hat viele andere Themen angesprochen und eigentlich nur wenig über Windkraft und Insekten geredet. Ich konnte aber einbringen, dass in Deutschland jedes Jahr 18 Millionen Vögel an Fensterscheiben sterben, aber nur 100.000 in Windkraftanlagen. Dann fing er an, andere Menschen zu beleidigen und ausfallend zu werden. Als er sagte, Greta Thunberg sei "ein zopfgesichtiges Mondgesicht-Mädchen", habe ich mich wirklich geärgert. Andere, die sich für etwas Gutes einsetzen, zu beleidigen, das geht gar nicht.

SPIEGEL ONLINE: Wie hast du reagiert?

Liebe: Ich habe gesagt, dass ich es schade finde, dass er nicht ohne Beleidigungen durch die Debatte kommt. Das war zwar ein bisschen gegen die Regeln der Debatte, aber in diesem Fall hatte ich einfach das Gefühl, dass eine Reaktion angebracht war.

SPIEGEL ONLINE: Was sind das für Regeln?

Liebe: Es gibt bei "Jugend debattiert" für solche Diskussionen normalerweise einen festen Rahmen, eine Debatte dauert insgesamt 24 Minuten mit festen Zeiten für Eingangsstatement, freie Aussprache und Statement am Schluss. Im Landtag war das abgewandelt: Wir hatten jeweils zwei Minuten für das Eingangsstatement, dann im Wechsel jeweils dreimal eine Minute, um zu reagieren und um am Schluss noch einmal ein Fazit zu ziehen.

SPIEGEL ONLINE: Wie waren die Reaktionen auf deinen Auftritt?

Liebe: Ziemlich positiv. Ich war überrascht, wie schnell die Diskussion im Netz war und sich da verbreitet hat. Und jetzt habe ich ziemlich viele Anfragen von Journalisten. Ich hätte gerne konstruktiver mit Herrn Kalbitz gesprochen, nicht so sehr aneinander vorbei. Das wollte er aber anscheinend nicht.

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