Digitalpakt für Schulen "Ich möchte keine Laptopklassen"

Tablets für alle Schüler ab der Grundschule - aber was ist mit den undichten Fenstern und dem guten alten Buch? Der Digitalpakt von Bildungsministerin Wanka stößt auf Widerstand.
Schulklasse mit Tablets

Schulklasse mit Tablets

Foto: Arne Dedert/ picture alliance / dpa

Computerräume sind von gestern. In Zukunft sollen alle Schüler im Klassenzimmer mit Tablets oder Smartphones arbeiten können. So will es Bildungsministerin Johanna Wanka (CDU), die am Mittwoch ihren "DigitalPakt#D" vorstellte. Es könnte das größte Schulprogramm des Bundes seit der Ganztagsschulreform werden.

Alle 40.000 Schulen in Deutschland - Grundschulen, weiterführende Schulen und Berufsschulen - sollen bis 2021 Breitbandanbindung, WLAN und Computer bekommen. Für die Ausstattung der Schulen soll der Bund fünf Milliarden Euro bereitstellen.

Konkret eingesetzt werden könnte das Geld laut Wanka etwa für die Schaffung einer Schul-Cloud. Mit dieser Internetplattform sollen Lernprogramme und Unterrichtsinhalte überall verfügbar sein. "Wir müssen bei der digitalen Bildung einen großen Sprung nach vorne machen", sagte Wanka. Damit sollen die Schüler auch besser auf die Berufswelt vorbereitet werden, in der IT-Kenntnisse immer wichtiger würden.

Ab dem kommenden Jahr fördert Wankas Ministerium nun einen ersten Test an zwölf Schulen bundesweit. Die Umsetzung des Plans soll aber erst nach der Bundestagswahl und der anschließenden Regierungsbildung im kommenden Jahr beginnen. Bis dahin will Wanka ihren Vorschlag mit den Bundesländern, die für Bildung zuständig sind, verhandeln.

Lehrer, Eltern, Länder: Die Initiative müssten doch mal alle gut finden, könnte man meinen. Ist aber nicht so. Die Reaktionen auf Wankas Pläne im Überblick.

SPD und Grüne:

Die von SPD und Grünen geführten Kultusministerien der Länder haben insgesamt positiv reagiert. Die Länder würden das Programm mitmachen, sagte der Hamburger Bildungssenator Ties Rabe (SPD).

"Das ist ein erster Schritt in die richtige Richtung", sagte auch der stellvertretende SPD-Bundestagsfraktionschef Hubertus Heil. Es reiche aber nicht aus. Der SPD-Bildungsexperte fordert neben der Digitalisierung noch Geld vom Bund für die Schulsanierung und Ganztagsschulen - insgesamt neun Milliarden Euro - und eine Grundgesetzänderung, mit der das Kooperationsverbot zwischen Bund und Ländern abgeschafft werden soll. Dann könnten die Ebenen trotz Föderalismus im Schulbereich zusammenarbeiten.

Lehrerverband:

"Ich möchte keine Laptopklassen", sagt hingegen Josef Kraus, Präsident des Deutschen Lehrerverbands. Das bringe nur der IT-Industrie Geld. Die Schulen seien doch schon digital unterwegs - "mehr braucht es nicht", so Kraus. Bei den Schülern würde durch mehr Digitalisierung die "Neigung zum Häppchenwissen" noch gesteigert.

"Besser wäre es, das Geld in die Schulbibliotheken zu stecken", findet Kraus, der als Chef des Lehrerverbands 160.000 Lehrer weiterführender Schulen vertritt. "Gerade sozial schwache Schüler müssen lesen, lesen, lesen - und zwar das gedruckte Wort."

Gewerkschaften:

Auch der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) kritisiert Wankas Digitalisierungspläne. "Wo in Klassenzimmern der Schimmel die Wände hochkriecht und Schulklos verstopft sind, reicht es nicht, Tablets und WLAN bereitzustellen", sagte DGB-Vizechefin Elke Hannack.

Lehrer:

Der Studie "Schule digital" zufolge setzt derzeit weniger als die Hälfte der befragten 1250 Lehrer mindestens einmal pro Woche im Unterricht Computer ein. Nur knapp jeder dritte Pädagoge entwickelt zusammen mit Kollegen computergestützte Unterrichtsstunden. 58 Prozent der Lehrer wünschen sich mehr Unterstützung für eine digitale Offensive im Klassenzimmer.

Viele Pädagogen befürchten der Umfrage zufolge jedoch, dass der Einsatz von Computern die Schreibfähigkeiten ihrer Schüler verschlechtert, dass sich die Jugendlichen vom eigentlichen Lernen ablenken lassen - und dass sie selbst die Kontrolle über den Unterricht verlieren.

Ein Hamburger Gymnasiallehrer teilt diese Ängste nicht. "In Hamburg wurde vor einigen Jahren Informatik als Pflichtfach an Stadtteilschulen abgeschafft", ärgert er sich. An manchen Schulen würde das Fach in der Mittelstufe gar nicht erst angeboten. Dabei bräuchten die Schüler auf dem Arbeitsmarkt Wissen über Algorithmen, Programmiersprachen und Grundlagenkenntnisse über künstliche Intelligenz.

"Wer es gut meint mit seinen Kindern und über die entsprechenden Kenntnisse und Infrastruktur verfügt, sorgt dafür, dass sie mit Computern umgehen können", so der Lehrer. "Aber für Kinder aus einfachen Verhältnissen ist die Schule immer noch die wichtigste Wissensquelle. Wenn sie hier ihr Computerwissen nicht bekommen, bekommen sie es nirgendwo."

Mit Material von dpa, AFP und Reuters