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05. Januar 2007, 12:32 Uhr

Jugend ohne Sex

Wir bleiben keusch - aus Prinzip

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Jugendliche von heute haben beim Sex alle Hemmungen verloren? Von wegen: Manche erheben Sexverzicht zum Lebensprinzip. SPIEGEL ONLINE hat mit fünf gesprochen, die enthaltsam bleiben. Aus Respekt, Glauben – oder Unlust.

Immer früher, immer öfter - das trifft auf Jugendliche nicht zu. Im Gegenteil: Deutsche Teenager lassen sich Zeit mit dem ersten Sex. Und das liegt nicht nur daran, dass sich die Gelegenheit nicht ergibt. Einige fühlen sich in ihrem Körper nicht wohl oder haben Angst, sich ungeschickt anzustellen. Das sind die Gründe, warum manche Jugendliche zwischen 14 und 17 ihr "erstes Mal" noch hinausschieben, stellt die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung in ihrer aktuellen Studie über Jugendsexualität fest. Kurz: Sie würden zwar, trauen sich aber nicht so recht.

Bei einem kleinen Teil der Jugendlichen geht die Enthaltsamkeit noch weiter. Sie erheben den Verzicht auf Sex sogar zum Lebensprinzip - etwa weil sie Sex als Droge sehen und drogenfrei leben wollen. Einige Anhänger der Jugendkultur "Straight Edge" haben diese Einstellung, es sind fast nur Männer. Im Englischen bedeutet "straight edge" eigentlich "Lineal". Auf den Musikgeschmack dieser Szene lässt das zwar nicht schließen, wohl aber auf die Geradlinigkeit ihrer Lebensart: kein Alkohol, keine Zigaretten, keine "Rumhurerei", lautet die Maxime. Sex gibt's nur - wenn überhaupt - in langjährigen Beziehungen.

Die Ähnlichkeit zu religiösen Argumenten ist vielen bewusst, spiele aber keine Rolle, sagen die Hardcore-Punks. Auch Mönche, Nonnen und katholische Priester praktizieren lebenslange Enthaltsamkeit. Bei jungen Christen und Muslimen hat das sexfreie Leben einen Endpunkt: die Heirat. Für diesen Lebensstil wirbt etwa eine christliche Bewegung aus den USA, die mittlerweile auch im deutschsprachigen Raum mit einigem Erfolg ihren Slogan "Wahre Liebe wartet" ("True love waits") verbreitet.

Aber es gibt auch junge Menschen, die nicht nur auf Zeit entsagen. Sie haben erkannt: Geschlechtsverkehr ist nicht ihr Ding, weil sie asexuell sind. Diese Abstinenz ist keine Lebenseinstellung, sondern Veranlagung. Das sei ganz normal, betonen Asexuelle und kämpfen um Akzeptanz.

Verzicht auf Sex - das ist eine Frage der Lebenseinstellung, des Glaubens und des Typs. SPIEGEL ONLINE hat fünf Gespräche mit Jugendlichen protokolliert, die fürs erste auf Sex verzichten wollen.

Elisa, 20: "Andere denken, ich sei ein Spätzünder"

Elisa, 20: "Andere denken, ich sei ein Spätzünder"

"Sex gibt mir nichts. Vielleicht mache ich etwas falsch, vielleicht bin ich nicht ganz richtig - darüber habe ich mir früher viele Gedanken gemacht. Mit 18 war mir das alles immer noch egal.

Elisa: Erleichtert, nicht die einzige zu sein

Elisa: Erleichtert, nicht die einzige zu sein

Ich bin dann aber doch mit einem Jungen zusammengewesen. Unter Beziehung habe ich mir immer etwas anderes vorgestellt. Intellektuelle und emotionale Anziehung, ja. Sex ist mir gar nicht eingefallen. Kuscheln und Küssen ist ja noch ganz nett, aber im Intimbereich? Nein danke.

Nach anderthalb Jahren war Schluss. Er hat gesagt, ich würde ihn nicht lieben, weil ich nicht mit ihm schlafen wollte. Das AVEN habe ich vor einem Jahr im Internet entdeckt, da waren wir noch zusammen, es ist ein deutschsprachiges Forum für Asexuelle. Ich war so erleichtert, dass ich nicht die einzige bin.

Es ist weder eine Phase noch eine Krankheit, sondern normal. Mit meiner Mutter darüber zu reden hat trotzdem keinen Sinn, für sie bin ich einfach ein 'Spätzünder'. Es gibt auch Ignoranten, die unterstellen dir gleich, dass du missbraucht worden bist. Oder so hässlich, dass dich keiner will. Doch egal, was noch passieren wird: Ich glaube nicht, dass ich einmal eine Sexbombe werde."

Jan, 20: "Ich will hundertprozentig sicher sein"

Jan, 20: "Ich will hundertprozentig sicher sein"

"Ich war noch nie der Aufreißer-Typ. Rumhurerei, die übliche deutsche Partykultur, bei der dazu gehört, dass man durch die Clubs zieht und jedes Wochenende mit einer anderen in der Kiste landet: Das hat nichts mit Respekt und Verantwortung mir und anderen gegenüber zu tun. Aber Respekt und Verantwortung macht für mich Straight Edge aus. Es ist ein Versprechen auf Lebenszeit.

Jan: "Früher war mein Leben ein ständiger Rausch"

Jan: "Früher war mein Leben ein ständiger Rausch"

Früher war mein Leben ein ständiger Rausch. Mit 13 bin ich zum ersten Mal abgestürzt, mit 14 habe ich meine Unschuld verloren. Ich weiß: Nach einem Dreiviertelliter Wodka ist alles taub. Mit 16 habe ich dann mit allem aufgehört.

Sex an sich ist für mich weniger negativ belegt - nur verantwortungsloser Sex. Ich habe momentan keine Beziehung, aber für mich ist klar: Ich werde erst mit einer Frau schlafen, wenn ich mir hundertprozentig sicher bin. Das heißt: Für mich ist das dann potenziell eine Beziehung ohne Zeitbegrenzung. Ob es tatsächlich in einer Ehe mit drei Kindern und Haus auf dem Land endet, hängt nur davon ab, wie lange es die Frau mit mir aushält."

Michael, 19: "Gott hat Priorität in meinem Leben"

Michael, 19: "Gott hat Priorität in meinem Leben"

"Bevor meine Freundin und ich zusammen gekommen sind, haben wir festgelegt: kein Sex vor der Ehe. Wir kennen uns zwar aus der Jugendkirche, aber besser, man klärt das vorher, damit es keine Überraschungen gibt.

Michael: "Gott würde es nicht gefallen"

Michael: "Gott würde es nicht gefallen"

In der Bibel steht nirgends explizit, dass Sex vor der Ehe Tabu ist, es wird nur angedeutet. Aber es würde mich von Gott trennen, meine Beziehung zu ihm belasten. Klar, auch diese 'Sünde' würde Gott mir vergeben, aber ich versuche, Gott die absolute Priorität in meinem Leben einzuräumen, weil ich glaube, dass er den besten Weg für mich hat. Ich weiß, dass es ihm nicht gefiele, wenn es in meinem Leben mehr als eine Frau geben würde.

Mit blindem Gehorsam hat das nichts zu tun, ich bin auch nicht peinlich berührt, wenn meine Kumpels darüber reden. Klar sagt da mal einer: Gib's zu, eigentlich würdest du doch gern. Aber meine Freunde akzeptieren meine Einstellung, sie halten mich nicht für einen religiösen Fanatiker.

Ich habe einfach eine andere Einstellung zu Geschlechtsverkehr, Sex sollte nicht Basis einer Beziehung sein. Und ich will ihn mit der einen Person erleben, für die ich mich vor Gott entschieden habe. Ich freue mich schon darauf."

Lamia, 19: "Die Leute würden über mich reden"

Lamia*, 19: "Die Leute würden über mich reden"

"Ich hatte noch keinen Freund, aber meine Eltern sagen, dass ich das dürfte. Nur mit ihm schlafen wäre tabu. Wir sind nicht so streng religiös wie andere Familien. Meine Freundin etwa ist verlobt, und sie darf nicht einmal mit ihrem Verlobten rausgehen. Das finde ich übertrieben. Meine Eltern vertrauen mir. Es ist nicht gut, wenn eine Frau mit einem Mann schläft, bevor sie verheiratet sind.

Auch wenn ich nicht so oft im Koran lese: Ich bin gläubig und weiß, dass Allah das nicht gut findet. Die Gesellschaft redet dann schlecht über das Mädchen, es ist eine Schande für sie und die ganze Familie. Sie sei schlecht erzogen, heißt es dann.

Bei Jungs ist es auch nicht gut, aber nicht so schlimm wie bei Mädchen. Ich werde natürlich warten. Man genießt es bestimmt mehr, wenn man das mit dem Mann macht, den man liebt. Manchmal rede ich mit meiner besten Freundin darüber, zum Beispiel, wenn wir einen Film anschauen und ich etwas nicht verstehe. Sie erklärt es mir dann. In der Schule hatten wir auch Sexualkundeunterricht, das finde ich wichtig. Ich will es eben einfach wissen."

*Name geändert

Daniel, 21: "Hörner abstoßen kommt nicht in Frage"

Daniel, 21: "Hörner abstoßen kommt nicht in Frage"

"Ich will mit wachem Geist leben, frei von realitätsverdrehenden Einflüssen. Für einige Anhänger des Straight-Edge-Gedankens ist die logische Konsequenz allerdings auch: kein Sex. Für sie ist Sex schlicht und ergreifend eine weitere Droge. Geschlechtsverkehr kommt für sie nur der reinen Fortpflanzung wegen in Frage. Aber das ist eine individuelle Auslegung.

Hardcore-Fan Daniel: Kein Sex aus Respekt

Hardcore-Fan Daniel: Kein Sex aus Respekt

Ich lebe seit zwei Jahren 'straight', wie man sagt. Straight Edge bedeutet für mich: keine Drogen, also auch keinen Alkohol, keine Promiskuität - kein selbstdestruktives, respektloses Leben eben. Hörner abstoßen, wie man so schön sagt, kommt für mich nicht in Frage.

Wenn andere das mitbekommen, auf Partys oder in Bars, heißt es dann schon mal: Das glaube ich Dir nicht, die meisten sagen, dass sie das nie durchziehen könnten. Ich will eben auf mich acht geben - dazu gehört auch der Respekt vor anderen."

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