Jugendbuch-Crew "Lest das bloß nicht!"

Hunderte von Büchern, 30 Jugendliche, ein Ziel: In Göttingen treffen sich junge Vielleser jede Woche zum großen Buchpalaver. Die "Jugendbuch-Crew" urteilt rotzig und ohne Gnade - immer auf der Suche nach dem echten Leben in Büchern, die das Kino im Kopf starten.
Foto: Jonas Leppin

Es gibt da dieses Buch. Meike Hamm, 16, hält das weiße Cover für alle gut sichtbar in die Höhe. Der Verfasser ist ein mehrfach prämierter Autor für Jugendliteratur. Ein Profi. Einer, der angeblich das Lebensgefühl von Kindern und Jugendlichen in besonders treffenden und lebensnahen Worten beschreibt.

Die Fachpresse schätzt die sozialrealistischen Jugendromane und traut dem Erfolgsautor zu, mit seiner Mischung aus Unterhaltung und Warnung das zu schaffen, was Kultusminister sich so sehnlichst wünschen: bei jungen Lesern die Leselust wecken.

Soviel zur Theorie. Meike findet den hochgelobten Roman verwirrend und seltsam - eigentlich habe sie ihn überhaupt nicht verstanden. Sie sagt: "Lest das bloß nicht." Und schiebt sich lässig den Ohrstöpsel ihres lilafarbenen i-Pods zurück ins Ohr.

Wer volljährig ist, fliegt raus

Meike Hamm gehört zur Jubu-Crew aus Göttingen, einer Gruppe von etwa 30 Jugendlichen, die sich einmal die Woche trifft, um über Jugendbücher zu reden. "Jubu" stehr für JUgendBUch.

Ihre wichtigste Regel: keine Erwachsenen. Wer volljährig ist, fliegt raus. Die Jubu-Crew, das ist eine Art anarchistischer Literaturclub. Ohne Schule, ohne Eltern. Aber zugleich ist sie auch die aktuelle Speerspitze junger Lesekompetenz. nach den Ergebnissen der aktuellen Pisa-Studie haben sich die deutschen Schüler im Lesen kaum verbessert. Die Jubu-Crew aus Göttingen zeigt, wie Jugendliche eine wirkliche Lust am Lesen entwickeln.

Über zwei Drittel der Mitglieder sind Mädchen, fast alle besuchen Gymnasien, fast alle sind Akademikerkinder. Wer hierher kommt, liest gern - nicht nur Kinderbücher, sondern auch J.R.R. Tolkien und Ian McEwan. Auf dem Nachttisch von Lisa Bleckwedel-Röhrs, 13, liegen gerade Shakespeares "Gesammelte Werke".

Sie setzen sich in einem Zimmer des "Kommunikations- und Aktionszentrums Göttingen" auf den knallroten Teppichboden, immer dienstags so um Sieben, überall liegen Bücher herum oder sind zu kleinen Türmen aufgestapelt. Die Kinder und Jugendlichen formen eine Art Kreis, dann geht es los. Sie sind mitunter härter in ihrer Kritik als ein Marcel Reich-Ranicki, und lustiger: "Die Geschichte ist voll eklig", sagt Meike zum von ihr kurzerhand verrissenen Buch.

"Die Schule hat mich vom Lesen abgeschreckt"

Man könnte denken, die Jubu-Crew, das seien eben Elite-Sprösslinge mit Leseaffinität, also "Streber, die keine Freunde haben", sagt Julius Adam, einer der wenigen Jungen in der Gruppe. Er dachte das auch immer, bis er mal herkam. Dann sah Julius: alles Quatsch.

Auf dem roten Teppichboden mitten im Büchermeer herrscht fröhlich-kreatives Chaos, die Jungleser sind laut und rotzig. Mustergültige Literaturkritik? Gelehrter Standesdünkel? Wen interessiert denn sowas? Das hier sind einfach nur junge Menschen, die gern lesen. Und drüber reden.

Mit einem kleinen Unterschied vielleicht zu anderen jungen Leuten - die Jubu-Jugendlichen wissen sehr genau, was sie nicht mehr lesen wollen: ungefähr das, was sie im Unterricht als Lektüre vorgesetzt bekommen, oder was in den Schulbüchern steht. "Die Schule hat mich vom Lesen eher abgeschreckt", sagt Christiane Böker, "immer dieses Zerhackstückeln und Zerreißen der Geschichten, das ist doch furchtbar."

Die 16-Jährige ist so etwas wie die Leiterin der Jubu-Crew. Wäre dies eine Klasse, dann wäre sie die Klassensprecherin. Christiane ist selbstbewusst, direkt, und je stärker der Geräuschpegel im Raum ansteigt, desto mehr lächelt sie. Christiane ist Vielleserin. "Vielleicht liegt das auch daran, dass wir zuhause keinen Fernseher haben", sagt sie.

Mehr Lebensgefühl in die Zeilen

Gute Bücher, da herrscht hier Konsens, brauchen neue und mitreißende Ideen. Vor allem aber sollten sie ihre Leser ernst nehmen. Und nicht schon im ersten Absatz ihr Ethos verraten. Mehr Lebensgefühl in den Zeilen - weniger Holzhammermoral auf Papier. Das wär schon was.

Die Jubu-Jugendlichen wollen nicht nur die alten Schinken lesen - die, die schon die Eltern und die große Schwester gelesen haben. "Als Hitler das rosa Kaninchen stahl", ein Roman von Judith Kerr über die Anfänge des Dritten Reiches, das ist so ein Buch. Erschienen 1971, eigentlich ganz gut, aber irgendwie halt von gestern. Und in der Schule wird es einem immer wieder aufgetischt.

Vielfalt im Unterricht? Meist Fehlanzeige! "Immer nur diese Problembücher über Arbeitslosigkeit, Gewalt und Schwangerschaft, das kann ich auch nicht mehr sehen", sagt Moira Marcinkiewicz, 14. Vielleicht werden dadurch die richtigen Inhalte vermittelt. Aber die Liebe zur Sprache, der Spaß am Wort oder das Gefühl in Geschichten zu versinken, das alles nicht.

Das Potenzial der Jubu-Crew haben auch schon die großen Verlage erkannt und schicken an die Jugendlichen regelmäßig die neueste Jugendliteratur. Die Buchberge sind mittlerweile fast so beeindruckend wie der Schuhhaufen vor der Eingangstür.

Ihre Rezensionen schickt die Jubu-Crew an über 400 Interessenten, vom Verleger über Schulen bis hin zu Privatpersonen. Seit einigen Jahren wählt die Jubu-Crew auch in einer regionalen Jury Bücher für den Deutschen Jugendliteraturpreis aus.

Auf dem Schulhof über Bücher diskutieren

Wichtig ist ihnen vor allem Unverwechselbarkeit. Die Geschichten sollen "eigene Bilder haben, etwas noch nie dagewesenes beschreiben und nicht so vorhersehbar sein wie eine Fernsehsoap", sagt Meike Hamm. Sie sollen das Kino im Kopf anmachen.

Früher waren es die Eltern oder großen Geschwister, die den Jubu-Crew-Jugendlichen vorgelesen haben - heute ist die Meinung der Freunde und Mitschüler auf dem Pausenhof die Entscheidende. Wer selbst gern liest, umgibt sich auch mit Leuten, die gerne schmökern.

"Ich muss mit meiner Freundin über Bücher wie über einen Film reden können", sagt Lisa Bleckwedel-Röhus, "es gibt aber auch einige in meiner Klasse, die überhaupt nicht lesen und das auch toll finden." Vor einiger Zeit sollten sie in der Klasse Romane vorstellen, ein Mitschüler wollte nicht mitmachen. Als die Lehrerin zu ihm nach Hause kam, fand sie tatsächlich kein einziges Buch.


Die Jubu-Crew wählt jeden Monat ein Lieblingsbuch aus und ein Crew-Mitglied schreibt eine Rezension. SPIEGEL ONLINE zeigt, was den Jungkritikern 2007 gefiel - vielleicht ist ja auch noch ein Geschenktipp für Weihnachten dabei:

Die Jubu-Bücher im Januar, Februar, März: "Drachenglut", "Das Schweigen der Eulen" und "Bar Code Tattoo"

"Drachenglut" von Jonathan Stroud

Heiß ist es, und die Luft stickig. Trotzdem schläft Michael auf der Hügelkuppe außerhalb des Dorfes ein und erwacht erst Stunden später. Als er sich auf den Heimweg macht, ist ihm schwindelig und speiübel. Doch da ist noch etwas anderes, etwas, was vor seinem nachmittäglichen Ausflug noch nicht da war: Stimmt was nicht mit seinen Augen? Oder sehen die Köpfe der Menschen um ihn herum wirklich so seltsam verzerrt und glänzend aus?

Auch Pfarrer Tom passiert an diesem Tag etwas Komisches: Auf dem Kirchhof wird ein riesiges keltisches Kreuz ausgegraben. Es ist mit vielen Raken verziert und in der Mitte ist ein großer Drache. Dann bricht auch noch jemand nachts in der Kirche ein und nimmt einen losen Querbalken mit.

Michael geht der Sache nach. Er und sein großer Bruder Stephen, entdecken Geheimnisse, die überhaupt nicht zu den sonst engelsgleich-wirkenden Dorfbewohnern und Nachbarn passen wollen. Dinge, die eigentlich schon längst in Vergessenheit geraten waren...

"Drachenglut" ist ein äußerst interessantes und lesenswertes Werk vom Jonathan Stroud. Es besitzt zwar nicht so einen Witz und Ironie, wie seine "Bartimäus"-Trilogie, ist aber sehr gut durchdacht, spannend und mit einem mystischen Hintergrund. Mit diesem Buch, das übrigens schon vor Jahren in England erschien, zeigt Stroud, wie man aus einem kleinen englischen Ort und einer alten Legende ein Buch erschaffen kann, das nur in höchsten Tönen gelobt werden kann. Jonathan Stroud versteht sein Handwerk wie nur wenige andere und die moderne englische Literaturgesellschaft kann sehr stolz auf ihn sein!

Ab 13 Jahren; aus dem Englischen von Nina Schindler; Boje Verlag, 320 Seiten, 15,90 Euro

Moira Marcinkiewicz, 13 Jahre


"Das Schweigen der Eulen" von Jan de Leeuw

Der 12-Jährige Arnoud muss nach dem Tod seiner Großmutter seine Ferien in ihrem Heimatdorf verbringen. Er kannte die alte Frau nicht sehr gut und kommt sich seltsam vor auf ihrer Beerdigung, zwischen all den Menschen, die seine Großmutter besser kannten als er.

Nach der Trauerfeier läuft er alleine über den Friedhof, und findet einen Grabstein, auf dem "Arnoud de Vriendt" steht. Es ist das Grab seines Großvaters und er findet heraus, dass er nicht nur den Namen, sondern auch das Aussehen mit seinem Großvater teilt. Noch überraschter ist er, als er beim Aufräumen des alten Hauses seiner Großmutter Briefe findet, in denen sie Arnoud von ihrer Vergangenheit, erzählt: von ihrem Mann, Arnouds Großvater, und wie dieser während der deutschen Besatzung erschossen wurde.

Arnoud beginnt sich mehr und mehr dafür zu interessieren; er fragt verschiedene Leute nach Hintergründen, erkundet das Dorf und sucht Plätze, die seine Oma ihm beschrieben hatte. Dann lernt er die zwei Jahre ältere Rebecca kennen. Sie ärgert ihn ab dem ersten Moment und er muss sich immer mit ihr streiten. Als sich die beiden besser kennen lernen, stellt Rebecca Arnoud ihren Freund Titus, den Eulenforscher, vor.

Er unternimmt einiges mit den Beiden, verliert sein eigentliches Ziel aber nicht aus den Augen. Schließlich macht er Bekanntschaft mit der vom Dorf gefürchteten Baroness. Sie erzählt sie Arnoud, dass sie in ihm seinen Großvater sieht - und dann ein paar Geschichten von früher. Arnoud wird einiges klar. Nebenbei kommt er einem Kunstdiebstahl auf die Schliche - war der Grund für die merkwürdigen Dinge in der Vergangenheit vielleicht ein Vermögen? Und wenn ja, was war damit geschehen?

Spannend und lustig ist die Geschichte von Arnoud, der auf der Suche nach der Wahrheit ist, von der ersten Seite an. Stück für Stück bringt er die unheimliche Wahrheit ans Licht, und findet dabei vieles über sich selbst und seine Familie heraus. Durch den packenden Erzählstil und den trockenen Humor des Autors Jan de Leeuw ist einem der Ich-Erzähler sofort sympathisch. Es fällt nie schwer, sich die Begebenheiten vorzustellen und Arnouds Gefühle zu verstehen. Jan de Leeuw hat eine erfrischende und vielseitige Geschichte geschaffen. Ein unglaublicher Roman über Eifersucht, Tod, aber auch Charakterstärke und Identitätssuche. Ein Muss für jugendliche Krimifans und Geschichtsinteressierte, denen weniger an Brutalität, als an einer spannenden Ermittlung liegt.

Ab 10 Jahren; aus dem Niederländischen von Rolf Erdorf, Gerstenberg Verlag; 254 Seiten, 13,90 Euro

Lena Reiff, 12 Jahre


"Bar Code Tattoo" von Suzanne Weyn

Im Jahr 2025 gibt es kein Bargeld und keine Kreditkarten mehr, man braucht weder Ausweis noch Führerschein. All diese Informationen sind in einem Strichcode-Tattoo enthalten, das sich jeder mit 17 Jahren aufs Handgelenk tätowieren lassen muss. Doch hinter diesem Tattoo scheint mehr zu stecken.

Die 17-Jährige Kayla weigert sich, das Tattoo zu bekommen, ihr Vater beging wegen ihm Selbstmord, ihre Mutter kommt bei dem Versuch, es sich wegzubrennen, ums Leben. Aber ohne Strichcode hat Kayla keine Zukunft: Sie bekommt kein Stipendium, kann nicht einkaufen oder Auto fahren. Um zu erfahren, warum das so ist, schließt sie sich einer Gruppe von Bürgerrechtlern an, und findet die schreckliche Wahrheit über die Tattoos heraus.

Eine traurige fiktive Geschichte, die zur Abwechslung mal nicht in der Vergangenheit oder Gegenwart spielt. In dieses eindrucksvolle Buch sind viele gute Ideen in einer lebendigen Sprache eingebracht und gut verarbeitet. Obwohl das Buch nur aus Kaylas Sicht geschrieben ist, kann man sich gut in die anderen Charaktere hineinversetzen. Kaylas Geschichte ist trotz einiger Hoffnungsschimmer fast immer traurig, wirkt auf mich aber weder langweilig noch aufgesetzt. Ein Buch, bei dem man sich noch lange nach dem Lesen viele Gedanken macht - und hofft, dass die Geschichte niemals wahr wird.

Ab 12 Jahre; aus dem Amerikanischen von Ulla Höfker; Sauerländer; 228 Seiten, 14,90 Euro

Meike Hamm, 15 Jahre

Die Jubu-Bücher im April, Mai, Juni: "Eine wie Alaska", "Nick & Norah - Soundtrack einer Nacht" und "Fletcher Moon –Privatdetektiv"

"Eine wie Alaska" von John Green

Miles ist ein unscheinbarer, langweiliger Typ aus Florida. Er hat kaum etwas Besonderes an sich. Freunde hat er kaum und außer Lesen und Lernen für die Schule macht er nicht viel. Doch mit dem Wechsel zum Culver Creek Internat in Alabama ändert sich einiges. Kurz nach seiner Ankunft verliebt er sich auf den ersten Blick in Alaska. Alaska ist ein undurchdringliches Mädchen; ein wahres Rätsel. Einerseits ein Star, ein Mädchen, dass die Jungen lieben, dass verbotene Dinge wie heimliches Rauchen oder Alkoholtrinken genauso selbstverständlich und gerne macht, wie originelle Streiche planen und durchführen.

Doch andererseits kann sie auch sehr verschlossen und verletzlich sein. Miles möchte wissen, wer sie ist, die sich den Namen Alaska aussuchte, da ihr Mary zu normal schien. Doch das ist keineswegs eine leichte Aufgabe. Auf der Suche nach der Lösung macht er einiges, was er sich vor seiner Zeit in Culver Creek nicht einmal im Traum vorgestellt hätte. Doch dann ist "der letzte Tag" da. Er verändert alles. Nicht nur wegen des langen Kusses von Alaska, sondern vor allem wegen des tragischen Ereignisses danach. Die Welt steht für Miles auf dem Kopf.

Eine spannende, sehr dramatische Geschichte! John Greens lebendiger Tonfall und seine lustigen Einfälle sorgen dafür, dass man nicht nur einmal herrlich lachen muss! Von Beginn an fragt man sich, was es mit den ungewöhnlichen Kapitelüberschriften auf sich hat, doch mit dem tatsächlichen Ereignis, das dahinter steht, rechnet man nicht. Sehr plötzlich und unerwartet passiert das Ereignis, doch wird es danach gut verarbeitet. Obwohl das erste Kapitel leider etwas langweilig anfängt, überzeugt das Buch spätestens ab Miles' Ankunft in Culver Creek. Das Internatsleben vor dem "letzten Tag" wird äußerst witzig und verrückt erzählt und gerade wegen der einmaligen Charakterzüge kann man sich nicht mehr von "Eine wie Alaska" losreißen. Man wünscht sich sehnlichst, dass auch der eine oder andere graue Schulalltag durch solche Streiche, wie sie Miles und seine Freunde machen, aufgelockert würde.

Ab 13 Jahren; aus dem Amerikanischen von Sophie Zeitz, Carl Hanser Verlag, 285 Seiten, 16,90 Euro

Christiane Böker, 15 Jahre


"Nick & Norah - Soundtrack einer Nacht" von Rachel Cohn und David Levithan

Nick und Norah treffen sich in einer Disco. Beide zweifeln an sich, beide sind talentiert. Er hängt immer noch seiner alten Liebe Tris hinterher, sie kann sich nicht entscheiden. Nick bittet Norah, für fünf Minuten seine Freundin zu sein, nur um seiner Ex-Freundin eins auszuwischen. Danach können die beiden nicht mehr voneinander lassen.

Es ist der Beginn einer rasanten Nacht in New York mit Höhen und Tiefen, Liebe und Eifersucht, einer Nacht, in der Musik eine große Rolle spielt. Immer wieder erkennt man, wie schwer die beiden vom Alltäglichen loslassen können, wie sie die Musik verbindet, aber auch zerreißt. Nick und Norah scheinen sich nicht zu lieben, doch sie brauchen einander sehr, um den immerwährenden Frust über die Welt loszuwerden.

Sie ergänzen sich gut, obwohl sie verschiedener kaum sein könnten. "Nick & Norah - Soundtrack einer Nacht" ist ein Buch, bei dem man mitschwimmen kann. Die Geschichte wird aus der Sicht der beiden Protagonisten tiefgründig und oberflächlich zugleich erzählt. Ein beinahe alltägliches Buch, dass eine wundersame Geschichte erzählt. Ein Buch, das in den Ohren klingt, als wäre es die wahre Musik.

Ab 14 Jahren; cbj, 224 Seiten, 9,95 Euro

Carla Westphälinger, 13 Jahre


"Fletcher Moon –Privatdetektiv" von Eoin Colfer

Fletcher ist 12 Jahre alt und Hobbydetektiv. Sein ganzer Stolz ist seine Detektivmarke, die er sich bei einem Internetlehrgang des von ihm verehrten Profidetektivs Bernstein erworben hat. Die Regeln dieses Lehrgangs sind für ihn zum Gesetz bei seinen Ermittlungen geworden. Doch als er den ersten Auftrag eines zahlenden Kunden bekommt, ist es auf einmal unmöglich, diese festen Regeln nicht zu übertreten.

Fletcher verstrickt sich immer mehr in die Verwirrungen seines Falls. Schließlich ist er nicht mehr nur der Ermittler, sondern muss auch seine eigene Haut retten. Er wird verdächtigt, einen Brand gelegt zu haben.

Um den Täter zu finden - und damit die eigene Unschuld zu beweisen, muss er sogar hinter die feindlichen Linien und sich mit Red Sharkey zusammentun, dem Spross eines berühmt-berüchtigten Gangsterclans. Schließlich erkennt er, wo die Spuren zusammen laufen: bei einem Talentwettbewerb. Im letzten Augenblick befallen ihn Selbstzweifel. Es wird schwierig, unparteiisch zu bleiben, wenn die eigenen Freunde ins Spiel geraten.

Die Geschichte beschränkt sich nicht nur auf die kriminalistische Handlung, auch eine verrückte Freundschaftsgeschichte zwischen den beiden so ungleichen Jungen wird erzählt: der selbstsichere Red, der weiß, was er will - und der Außenseiter Fletcher, der plötzlich Detektiv ist.

Bei diesem Roman hat man eine Menge Spaß beim Lesen. Gekonnt macht er sich über die kleinen Geschenisse des Alltags lustig, die wir alle nur zu gut kennen. Die packende Handlung ist zwar eigentlich sehr ernst, aber mit soviel Witz, Sarkasmus und unglaublich schwarzem Humor beschrieben, dass die Lesezeit wie im Flug vergeht. Nebenbei schnappt man viele interessante Weisheiten auf - über schizophrene Schuldirektorinnen, überfürsorgliche Ärzte und andere schräge Gestalten.

Ab 11 Jahren; aus dem Englischen von Catrin Frischer; Carlsen, 320 Seiten, 14,90€

Lena Reiff, 12 Jahre

Die Jubu-Bücher im Juli, August, September: "Was ich über die Liebe weiß", "Der Tag der zuckersüßen Rache" und "Wir treffen uns, wenn alle weg sind"

"Was ich über die Liebe weiß" von Kate le Vann

"Das war’s dann, ich glaube, ich werde sterben." Auf dem Flug zu ihrem Bruder Jeff, der in den USA studiert, hat Livia Angst, das Flugzeug könnte wegen eines unbemerkten Fehlers abstürzen. Ausgerechnet vor dieser Art zu sterben hat sie Angst, dabei hat sie mit dem Tod schon viel direkter gekämpft.

Livia ist an Leukämie erkrankt. Doch nun scheint es, als habe sie ihre Krankheit besiegt. Sogar ihren Bruder in den USA, den sie seit über einen Jahr nicht gesehen hat, darf sie besuchen. Alleine reist sie in das ferne Land. Sie taucht dort in das Leben der Amerikaner ein, wird jedoch zugleich von Jeff gebremst. Er sorgt sich um sie. Livia fühlt sich gesund, so dass sie beschließt, mehr als New Jersey zu sehen. Gemeinsam mit dem lustigen Adam, einem guten Freund ihres Bruders aus Manchester, der auch in New Jersey studiert, darf sie einen Tagesausflug nach New York machen, um die kleinen von Adam entdeckten Gegenden anzuschauen, an der Lower East Side spazieren zu gehen, über einen Flohmarkt zu schlendern, und gemeinsam zu lachen. Glücklich, verliebt, und - besonders Livia - erschöpft kommen die beiden aus New York zurück.

Ein zweites Mal besuchen die beiden New York. Livia möchte ihre letzten Tage in Amerika nutzen, um von der Stadt mehr zu sehen und beachtet ihre seit Tagen anhaltenden Halsschmerzen nicht.

Einfühlsam erzählt Kate Le Vann Livias Geschichte. Wie sie ihren Bruder besucht, die USA und die Liebe kennen lernt, wie sehr sie mit ihrer Krankheit zu kämpfen und unter ihr zu leiden hat. Livia erzählt geschehensnah in nichteinsehbaren Internetblogs von ihren Erlebnissen und Eindrücken. Adams anfangs noch unsicheren Internetblogs beleuchten ihre Geschichte von einer weiteren Sichtweise.

Ein trauriges und zu gleich lustiges und wunderschönes Buch. Gemeinsam mit Livia erlebt man ihre Schmerzen und ihren Kummer. Doch fühlt Livia sich gesund, ist sie froh und glücklich. Sie freut sich, ihren Bruder wiederzusehen, sie lacht mit Adam so viel, dass alle Sorgen um ihre Krankheit in den Hintergrund rücken. Um so schmerzhafter wird der Kummer, als sie einen Rückfall erleidet.

Ein Buch, bei dem man Lesen, Träumen, Lachen und Weinen kann. Die Geschichte bleibt einem lange in Erinnerung.

Ab 12 Jahren; aus dem Englischen von Ann Lecker-Chewiwi; Boje Verlag

Christiane Böker, 16 Jahre


"Der Tag der zuckersüßen Rache" von Jaclyn Moriaty

Lieber Lesende,
der gute Wille eines Englischlehrers hat mal wieder zugeschlagen! Denn um die Feindschaft zwischen der Privatschule Ashbury High und der Brookfield-Volksschule zu schlichten, wird die Klasse der drei Freundinnen Emily, Lydia und Cassie dazu ermuntert, mit ihrer Nachbarschule einen Briefwechsel zu beginnen. "Letztes Jahr hat es doch auch nicht geklappt", denken sich die armen SchülerInnen, obwohl so mancher zu Elizabeth Clarry hinüberschielt, die sich bei der letzten Briefaktion mit einem der "Anderen" angefreundet hat.

Aber das Schulprojekt stellt sich als "gar nicht so schlimm" heraus. Tatsächlich haben Emily und Lydia richtiges Glück. Ihre Briefe bekommen zwei Jungs und zwischen den Briefpärchen entsteht eine gewisse Art von Freundschaft.

Doch was mit Cassie los ist, kann sich niemand erklären. Kein Wort über ihr Schreiben kommt über ihre Lippen und auch sonst wird sie immer verschlossener. Ihre Freundinnen machen sich Sorgen und beginnen eine Initiative gegen... ja, gegen wen eigentlich?

Eine zuckersüße Rache gegen Traum- und Alptraumtypen beginnt, mit vielen Gefühlen, Witz und Charme.

In Briefen voller Ironie, Fantasie und Harmonie erzählt Jaclyn Moriarty über das Leben von ein paar Teenagern, die vielleicht nicht gerade auf dem Weg ins Erwachsenenleben sind - zumindest nicht auf einem normalen Weg. Moriaty hat sich genial in das Gefühlsleben der Protagonisten eingefunden und das Ergebnis kann man sehr gut lesen - und weiterempfehlen. Viel Spaß beim Verschlingen und freundliche Grüße!

Aus dem Australischen von Anja Hansen-Schmidt, Arena Verlag, 368 Seiten, 12,95€

Moira Marcinkiewicz, 13 Jahre


"Wir treffen uns, wenn alle weg sind" von Iva Procházková

Mojmir ist im Waisenhaus aufgewachsen, hat seine Kochlehre gerade bestanden und den besten Freund der Welt. Er wird von Omi Kalomi, einer alten Witwe, wie schon viele Jahre zuvor, in ihr kleines abgelegenes Häuschen in den Bergen eingeladen. Doch dieses Mal ist es anders: Omi Kalomi hat Kehlkopfkrebs und wird bald sterben. Deshalb entschließt sich Mojmir bei seiner Großmutter zu bleiben, bis sie stirbt. Er hat kaum Kontakt zu anderen Menschen und das ist sein Glück - denn in dieser Zeit bricht ein schrecklicher Virus aus: EBS. Wer infiziert ist, löst sich langsam aber sicher in nichts auf – und infiziert sind fast alle. Mojmir gehört zu den wenigen, die überleben. Er beginnt mit der Suche nach seinen Freunden – in einer wieder gesetzlosen und gefährlichen Welt.

Eine sehr ergreifende, traurige Geschichte, die tief geht. Sprachlich ist sie sehr schön geschrieben und die Details, die dieses Buch ausmachen, sind genau und passend eingesetzt und machen die Geschichte so lesenswert. Mojmirs Erfahrungen und das Kämpfen darum, nach der überlebten Katastrophe nicht Opfer eines Verrückten zu werden, sind so beschrieben, dass man wunderbar darin eintauchen und sich von dieser packenden Geschichte mitreißen lassen kann. Wunderschön!

Ab 12 Jahren; Sauerländer, 14,90 Euro, 304 Seiten

Meike Hamm, 15 Jahre

Die Jubu-Bücher im Oktober, November und Dezember: "Im Fluss", "Nachtland" und "Running Man"

"Im Fluss" von Marlene Röder

Mia, 16, zieht mit ihren Eltern aus der Stadt aufs Land. Ein Haus im Grünen - der Traum ihrer Mutter, der Albtraum von Mia. Ihre einzigen Nachbarn sind die Geschwister Alex und Jan, mit ihrem Vater und der Großmutter. Doch Mia will mit keinem etwas zu tun haben. Bis sie Alex besser kennen lernt und mit ihm zusammenkommt. Von da an hat sie viel mit der Nachbarsfamilie zu tun. Der Großmutter leistet sie Gesellschaft - dafür erfährt sie, warum die Mutter die Familie verlassen hat. Auch Alex" jüngeren Bruder mag sie. Doch Jan ist irgendwie anders. Manchmal benimmt er sich wie ein Kind und zeigt viele Gefühle, vielleicht mag Mia ihn gerade deshalb so gern. Oft trifft Jan Alina am Fluss. Er verbringt viel Zeit mit "der Königin der Eisvögel" und sie ist seine beste Freundin. Aber sie ist eifersüchtig auf Mia und versucht diese von Jan wegzuhalten. Dafür hängt sie Voodoo-Puppen und tote Fische in den Kirschbaum und ertränkt den Streuner, der Mia immer hinterherläuft. Das alles erfährt auch der entsetzte Jan. Er wendet sich von ihr ab. Was er nicht weiß: Alina ist ein Geist. Sie ist nun allein. Als sie merkt, dass sie ihren besten und einzigen Freund verloren hat, wird sie sehr wütend.

"Im Fluss" ist eine traurige und einfühlsame Geschichte. Unterteilt in Frühling, Sommer, Herbst und Winter wird die Geschichte aus verschiedenen Sichten erzählt, wodurch sie sowohl abwechslungsreicher als auch interessanter ist und man Jan, Mia und Alex viel besser versteht. Es ist spannend und fesselnd mitzuverfolgen, wie die Protagonisten sich im Laufe der Zeit verändern und ihren eigenen Weg finden und gehen. Das Ende ist schön, aber sehr traurig. Wie viel mehr hinter einer Familie mit einer halbwegs normalen Fassade steckt, kann man an diesem Buch wunderschön sehen und miterleben. Dabei werden aber nur die wichtigen Charaktere betont, was die Spannung nicht mindert, sondern ihr eher gut tut.

Ab 10 Jahre; Ravensburger Buchverlag; 256 Seiten, 14,95 Euro

Meike Hamm, 15 Jahre


"Nachtland" von Jan de Leuw

Wegen eines Streits läuft Niels von zu Hause weg. Aber er kommt nicht an. Auf einem zugefrorenen See wird er gefunden, und ins Krankenhaus gebracht. Niels liegt im Koma, seine Mutter tut alles, was in ihrer Macht steht, damit er wieder aufwacht. Doch für Nils öffnet sich eine Traumwelt, eine Reise in seine Vergangenheit und in sein Inneres.

Er ist auf der Suche nach seinem Vater, der die Familie verlassen hat, als die Kinder noch klein waren. Während seine Mutter und seine Schwester jeden Tag bei ihm sind und verzweifelt dafür kämpfen, dass er aufwacht, und ihm das Krankenzimmer für ihn einrichten, geht Niels im Traum durch "Katatonien".

Im Traum begegnen ihm lauter Personen, die oft etwas Böses im Schilde führen, jeder ist ein Zeichen für etwas ganz Bestimmtes. Als Schauspieler, der seinen Text nicht behalten kann, und als Fremder irrt er meistens alleine durch Katatonien. Die einzig wahre Freundin, die er dort hat, die ihm immer wieder hilft und für ihn da ist, ist Maya.

Eine Geschichte, die fast nur in Niels Kopf passiert, in der er in seiner eigenen Traumwelt lebt. Durch den Wechsel zwischen Realität und Traumwelt wird die Geschichte von einer zerbrochenen Familie und der Beschäftigung mit sich selbst spannend und fesselnd erzählt. Dem Leser wird klar, wie sehr Niels seinen Vater vermisst und wie dringend er seinen Vater als Bezugsperson braucht.

Ab 13 Jahren; aus dem Niederländischen von Rolf Erdorf, Gerstenberg; 376 Seiten, 14,90 Euro

Kira Bothe, 16 Jahre


"Running Man" von Michael Gerard Bauer

Joseph, ein 14-jähriger Junge, der ziemlich gut zeichnen kann, mäht als Nebenjob seiner Nachbarin Caroline Leyton den Rasen. Als er ihr erzählt, dass er für die Schule ein Porträt malen soll, bittet sie ihn, ihren Bruder Tom zu malen, über den verschiedenste Gerüchte in seinem Viertel kursieren. Er geht seit dem Tod seiner Eltern nie vor die Tür und wurde als Lehrer fristlos entlassen. Erst sträubt sich alles in Joseph diesen Tom Leyton zu malen, doch schließlich tut er es doch. Am Anfang sind die beiden sich sehr fremd und Joseph verschwindet, sobald er kann, aus Toms Gegenwart. Doch Joseph weiß, wenn er ein wirklich echtes Portrait von Tom malen will, so muss er ihn näher kennen lernen und sein wahres Wesen sehen. Über ein paar Seidenraupen gelingt es ihm langsam Tom Leyton aus seiner Schweigsamkeit zu locken. Die Begegnungen mit Tom helfen Joseph auch, den "Running Man", einen wild aussehenden Mann, der immer nur rennt, besser zu verstehen. Diese Figur verfolgt ihn seit der Grundschule in seinen Albträumen. Nach und nach erfährt Joseph Toms wirkliche Geschichte und holt ihn langsam aus seinem Kokon der Einsamkeit.

Michael Gerard Bauer schafft es, seine Leser vollends in die Geschichte mit hinein zu ziehen. Es berührt einen persönlich und man fängt an, über das Buch hinaus zu denken und Leute nicht früheilig zu verurteilen - das Buch zeigt: Man sollte nicht wegen Gerüchten oder Aussehen zu schnell auf das Wesen anderer Menschen schließen. Es ist besser, sich zu überlegen, wie es kommen kann, dass Menschen sich, wie in diesem Fall, vollkommen von der Gesellschaft abschotten. Die Charaktere sind sehr umfassend beschrieben und könnten glatt aus dem richtigen Leben stammen, sodass man sich sehr gut mit ihnen identifizieren kann. Sehr eindrücklich schildert Michael Gerard Bauer auch den schmalen Spalt zwischen Gut und Böse, und das die Welt nicht immer nur schwarz oder weiß ist. Das Buch birgt auch viele Rätsel und offene Fragen in sich, die es spannend machen und einem zum Weiterlesen anregen. Weiterhin sind die verschiedenen Gefühle sehr gut dargestellt und es wird gezeigt, wie nah diese beieinander liegen. Alles in allem ein sehr zu empfehlendes Buch!

Ab 13 Jahren; aus dem Englischen von Birgitt Kollmann, Nagel & Kimche; 272 Seiten, 14,90 Euro

Leonie Henschel, 15 Jahre

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