Jugendforscher "Nirgendwo wird die DDR im Unterricht ausreichend behandelt"

Deutsche Schüler in Ost und West loben die soziale Seite der DDR - dass es keine demokratischen Wahlen gab, wissen viele nicht. Der Berliner Wissenschaftler Klaus Schroeder ist geschockt: Im SPIEGEL-ONLINE-Interview fordert er, die Lehrpläne zu ändern.

SPIEGEL ONLINE: Laut ihrer Studie zum DDR-Bild deutscher Schüler neigen viele dazu, dem SED-Staat auch positive Seiten abzugewinnen. Was ist daran schlimm?

Schroeder: Ich habe etwas dagegen, wenn Schüler die DDR positiv sehen und ihre soziale Seite überschätzen – weil sie es nicht besser wissen.

SPIEGEL ONLINE: Müssten es ostdeutsche Schüler nicht besser wissen?

Schroeder: Nein, das Problem ist gesamtdeutsch. Nirgendwo wird die DDR in der Schule ausreichend behandelt. In ostdeutschen Familien wird sie oft sozial-romantisch verklärt. Die Leute haben mit der Wiedervereinigung und den Jahren danach keine guten Erfahrungen gemacht. Dadurch kommt es in der Rückschau zu einer Einschätzung der DDR, die auf Vorurteilen beruht, auf Filmen – aber nicht auf konkreter Kenntnis.

SPIEGEL ONLINE: Ist es nicht klar, dass man bei einem Fragebogen wie Ihrem - mit Ankreuz-Kästchen - nur grobe Antworten bekommt?

Schroeder: Die Fragen sind offen formuliert. Wir sind in die Klassen gegangen und haben den Schülern erklärt, wozu sie den Fragebogen ausfüllen sollen. Wir haben ganz klar gesagt, dass sie das ankreuzen sollen, was sie wirklich denken – und nicht das, wovon sie glauben, dass es das 'richtige' Urteil ist.

SPIEGEL ONLINE: Einige Schulen in Ost-Berlin weigerten sich, ihre Bögen auszufüllen. Warum?

Schroeder: Die Verantwortlichen haben allgemeine Gründe vorgeschoben – Überlastung, zu viele Umfragen, keine Zeit. Wir hatten aber den Eindruck, die Schulleiter und die Lehrer wollten nicht, dass bekannt wird, wie ihre Schüler über die DDR und die Bundesrepublik denken.

SPIEGEL ONLINE: Vielleicht haben manche Schüler einfach nur eine andere Meinung über die DDR als Sie?

Schroeder: Das ist sicher so. Ich will ja auch nicht die Meinung der Schüler kritisieren. Die können ja gut finden, was sie wollen. Aber wenn Leute glauben, die Regierung sei in der DDR demokratisch legitimiert gewesen, die Renten höher als in der Bundesrepublik oder die Umwelt sauberer, dann entspricht das einfach nicht den Tatsachen. Die Schüler sehen eine idealisierte, soziale DDR. Sie wollen so etwas Ähnliches auch heute haben. Sie wollen eine Arbeitsplatz-Garantie und würden dafür auf Wohlstand und einen Teil ihres Lohns verzichten.

SPIEGEL ONLINE: Überrascht Sie das?

Schroeder: Die Ergebnisse haben uns vom Hocker gehauen. Uns hat vor allem überrascht, dass die Schüler nicht einmal die offensichtlichen, politischen Urteile fällen können oder wollen: Ob die DDR eine Diktatur war, zum Beispiel. Ob sie durch Wahlen legitimiert war. Schüler in Berlin und in Nordrhein-Westfalen haben dazu keine klare Haltung. Darüber sind wir wirklich erschrocken. Unsere Frage lautete: War die DDR durch demokratische Wahlen legitimiert? Ich hätte vorher getippt, dass 80 Prozent der Schüler sagen: Nein. Aber nicht einmal jeder zweite Schüler in Nordrhein-Westfalen und Berlin antwortete so. Die Schüler im Westen wissen nichts und die im Osten nur sehr wenig über die Verhältnisse in der DDR. Dort, wo sie mehr wissen, ändert sich auch das Urteil.

SPIEGEL ONLINE: Aber woher sollen die Schüler es lernen, wenn nicht in der Schule. Ist es nicht unfair, das gerade den Schülern vorzuwerfen?

Schroeder: Den Schülern würde ich das auch nicht vorwerfen. Wir müssen ran an die Lehrpläne der Schulen – mehr Zeitgeschichte! Heute ist im Unterricht zumeist Schluss nach der NS-Zeit. Als sei danach nichts mehr passiert.

Das Interview führte Markus Flohr

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