Erwachsenwerden im Jugendknast Schrei nach Liebe

4800 junge Menschen sitzen in deutschen Jugendgefängnissen, Steve und Joe sind zwei von ihnen. Macht der Knast ihre Chancen auf ein besseres Leben zunichte oder hilft er ihnen? Ein Besuch hinter Gittern.

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Auf dem Handgelenk beginnt das J, in dicken, unruhigen Linien, dahinter, schon auf dem Unterarm, schlängelt sich das A. Jasmin hieß Steves Freundin, als er zum ersten Mal ins Gefängnis kam. Er begann, sich ihren Namen einzutätowieren, im Knast sticht man sich den Ruß eines verkokelten Plastikrasierers unter die Haut. Gerade als Steve mit dem A fertig war, kam der Brief: Jasmin machte Schluss. Das Tattoo brach Steve ab, wie er so vieles abgebrochen hatte.

Mit 13 hat Steve zum ersten Mal geklaut, dann Drogen, weitere Diebstähle, Körperverletzungen, Sachbeschädigungen. Er besuchte eine Förderschule und nach der neunten Klasse gar keine Schule mehr. Praktika und Programme vom Arbeitsamt schmiss er hin. Schulden, die Freundin schwanger, drei Jahre Gefängnis vor sich - so sah sein Leben aus, als Steve mit 19 zum ersten Mal "einfuhr".

Nun, mit 23, sitzt er zum zweiten Mal. Nach seiner Entlassung hatte er gegen Bewährungsauflagen verstoßen, Geld und einen Transporter geklaut, und sich schließlich selbst gestellt. Seine neue Freundin - auch eine Jasmin - ist schwanger, und dieses Mal, dieses Mal, will er es packen. "Ich bin nicht stolz darauf, wieder hier zu sein, versagt zu haben", sagt Steve. "Ich war zu schwach, habe zu schnell aufgegeben."

Mit 13 die erste Straftat, mit 19 kam Steve K. zum ersten Mal ins Gefängnis
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Mit 13 die erste Straftat, mit 19 kam Steve K. zum ersten Mal ins Gefängnis

In der Jugendstrafanstalt (JSA) Arnstadt in Thüringen wundert sich niemand, dass Steve wieder da ist. Er bringt sich selbst in Schwierigkeiten, sagen seine Psychologin, sein Sozialarbeiter und die Gefängnisleiterin. Und er könne sich selbst nicht helfen, fordere aber Aufmerksamkeit von anderen, ständig. "Der schreit nach Zuneigung", sagt JSA-Leiterin Anette Brüchmann. Doch Hilfe nimmt er nicht an. Er hätte eine Ausbildung machen können im Gefängnis, als Maurer zum Beispiel oder Maler. Er hätte einen Schulabschluss nachholen können. Den Zeugnissen hätte man nicht angesehen, dass sie im Gefängnis erworben wurden. Hätte, hätte, hätte.

Perspektive ist für viele hier keine Kategorie, die Zukunft zu weit weg, um gegen kurzfristige Bedürfnisse gewinnen zu können. Knapp 70 Prozent werden wieder straffällig, ungefähr 30 Prozent müssen wieder in Haft. Ungefähr 4800 Jugendliche und junge Erwachsene sitzen derzeit in Deutschlands knapp 30 Jugendgefängnissen ein. In Arnstadt sind es 130 Gefangene, junge Männer, zwischen 15 und 24 Jahre alt. Die meisten sind wegen gefährlicher Körperverletzung, Diebstahls oder Drogen hier, ein paar wegen Mordes oder Totschlags. "Bis die hierherkamen, haben die schon was richtig Fettes gemacht, viele schon seit ihrer Kindheit", sagt Brüchmann. Vier von fünf haben keinen Schulabschluss, die anderen einen Hauptschulabschluss, nur einer war auf einer Realschule.

Das Schwierigste ist die erste Zeit nach der Entlassung - schaffen es die jungen Männer, sich einen neuen Freundeskreis aufzubauen und sich neue Verhaltensweisen anzugewöhnen? Oder treffen sie sich wieder mit ihrer Clique von früher und fallen in alte Muster zurück? Und nehmen sie Unterstützung bei der Arbeits- und Wohnungssuche an? Ohne fremde Hilfe schaffen es die wenigsten - Mitarbeiter in Ämtern und Behörden behandeln sie häufig schlecht, Leistungen, die ihnen zustehen, werden verweigert, einer Diskussion halten die Jungs dann aber meist nicht stand.

"Wir erziehen hier richtig", sagt Brüchmann. Aber was soll man tun, wenn 18 Jahre lang alles schiefgegangen ist, zu Hause und in der Schule? Hier, im Gefängnis, müssen alle etwas machen, von 7 bis 16 Uhr, Schule, kurze Weiterbildungseinheiten oder eine Lehre. Doch kaum einer hat gelernt, dass es sich lohnen kann, etwas durchzuziehen, vielleicht nutzen deshalb bisher nur 30 der 130 jungen Männer die Chance auf eine anerkannte Berufsausbildung. Das Wichtigste sei, so die Leiterin, dass sie sich körperlich auspowern. Und dass sie "ordentlich" behandelt werden. Siezen gehört dazu und auch Lob, denn: Kritik und Respektlosigkeit haben die jungen Männer schon ihr ganzes Leben lang erlebt.

Der Sportplatz der JSA Arnstadt: "Dass sich die Jungs körperlich auspowern, ist das Wichtigste"
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Der Sportplatz der JSA Arnstadt: "Dass sich die Jungs körperlich auspowern, ist das Wichtigste"

Die neue JSA, eröffnet im Spätsommer, sei Deutschlands "modernstes Jugendgefängnis", heißt es in Pressemitteilungen. Zehn Autominuten vom Bahnhof des schmucken Städtchens Arnstadt entfernt, steht das neu gebaute Gefängnis, groß, hell und sauber. Kein Vergleich zur alten Anstalt, die nur wenige Kilometer weiter vor sich hin rottet, heruntergekommen und verdreckt. "Ja, der Geruch war muffig", sagt Leiterin Brüchmann. Und ständig seien Drogen über die Mauer geworfen worden, das ginge jetzt nicht mehr.

Stattdessen haben die Einzelzellen Kühlschränke und Fernseher, DVD-Player und Telefone sind geplant. Der Sportplatz, die Essensräume, die Bibliothek: alles neu. Die Ausbildungsräume sind besser ausgestattet als viele Betriebe, mit neuesten Maschinen, gutem Werkzeug und allen benötigten Materialien. Am Tag der offenen Tür ist die Gefängnisleitung dafür von Bürgern beschimpft worden, die JSA sei zu schick für einen Knast. Die Jungs jedenfalls sind laut der Leiterin seit dem Umzug besser drauf.

Ausbildungsstätte für Maurer: In den Zeugnissen taucht nicht auf, dass sie im Gefängnis erworben wurden
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Ausbildungsstätte für Maurer: In den Zeugnissen taucht nicht auf, dass sie im Gefängnis erworben wurden

Knast bleibt aber Knast. Hier wird schnell zugeschlagen, Freundschaften sind selten. "Es gibt ein paar Leute, mit denen kann man hier reden, aber der Großteil redet nur über seine Straftaten und Frauengeschichten, jeder will die anderen toppen und was Geiles gemacht haben", erzählt Joe*, 24. Er halte sich da raus. Auch die Verbrennungen an der rechten Schulter, die ihm ein anderer Häftling mit kochendem Wasser zugefügt hat, spielt er herunter: "Das war aus einer Laune heraus, der hat das nicht so ernst gemeint." Bloß keinen Stress.

Joe ist hier, weil er mit 18 unbedingt einen Sportwagen haben wollte, und zwar schnell. Zwei Jahre lang saß er im Wohnzimmer seiner Eltern, bestellte im Internet Handys und Autoteile, verkaufte sie weiter, aber bezahlte sie nicht. Wäre er nicht erwischt worden, würde er wahrscheinlich immer noch betrügen, sagt er. Jetzt will er nur noch raus hier, die Schulden loswerden, einen Job, eine Wohnung. Und eine Freundin. Bei dem Wort lächelt er zum ersten Mal.

Ihm trauen sie hier zu, dass er es packt. Joe ist einer der wenigen, der in der JSA eine Ausbildung gemacht hat. "Er geht zielstrebig seinen Weg", sagen die Betreuer. Und er habe "geordnete Familienverhältnisse", das sei selten. In seiner Zelle hängen Fotos von seiner Familie, keine Nacktbilder wie bei anderen. "Meine Eltern und meine vier Geschwister vermisse ich am meisten", sagt Joe. Das Schlimmste sei der lange Einschluss am Wochenende, von 18 bis 8.30 Uhr in der Einzelzelle. Briefeschreiben, RTL II und Liegestütze.

Joe in seiner Zelle: "Er geht zielstrebig seinen Weg"
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Joe in seiner Zelle: "Er geht zielstrebig seinen Weg"

Zweimal im Monat fährt die Familie hundert Kilometer, um Joe zu sehen, am Telefon erzählt seine Schwester ihm, welche HipHop-Alben neu und es wert sind, dass er sie sich im Gefängnisladen bestellt. Von seinem Ausbildungsgehalt kauft er dort auch die vielen Liter Milch, die sie hier mit eiweißhaltiger Babynahrung mischen, für den Muskelaufbau. Von seiner Freundin trennte sich Joe, als er ins Gefängnis musste, weil das "eh nicht geklappt hätte". Es gibt eine Regel: Die Jungs haben Freundinnen, wenn sie hierherkommen. Die Mädels versprechen hoch und heilig, dass sie warten, doch sie halten nicht durch. Nach zwei bis drei Monaten ist die Beziehung dann vorbei.

Steve weiß das, es fällt ihm schwer, der neuen Jasmin zu vertrauen. Doch er hofft, auf seinen Traum: Eine Wohnung mit seiner kleinen Familie, einen Job als Fernfahrer - und straffrei bleiben.

* Name von der Redaktion geändert

Gewalttätige Mädchen im geschlossenen Heim: Danke, ich bin eingesperrt
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    Sie kommt aus der scheinbar perfekten Familie, freundlich, gebildet. Trotzdem lief Emilia immer wieder weg, klaute, nahm Drogen, schlug zu. Mit 14 landete sie auf der Straße. Ihre Mutter fragte sich: Wie rette ich mein Kind? Und ließ ihre Tochter einsperren.

insgesamt 38 Beiträge
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Solid 27.11.2014
1. zu spät im Knast
Was will man erwarten, wenn der Knast erst kommt, wenn man sich Verbrechen angewöhnt hat? Ab dem zweiten Auftritt vor dem Jugendrichter darf es keine Bewährung mehr geben.
sarkasmis 27.11.2014
2. Frage nicht beantwortet
Der Artikel liefert kaum Antworten auf die Eingangs gestellte Frage. Insbesondere die These, der Knast würde alles schlimmer machen. Insoweit muss man dies für tendenziös halten. Knast macht die Leute sicher nicht zu besseren Menschen. Aber Straflosigkeit führt oft zu Intensivstraftäterkarrieren. In dem Fall muss man dann sagen, dass der Knast die Täter wenigstens vor der Gesellschaft fernhält.
so-oder-so 27.11.2014
3.
Das was ich rauslese ist: Wenn die Leute endlich mal in den Knast kommen, ist es meist eh schon zu spät. Die Hemmschwelle Straftaten zu begehen ist dann durch die vorigen, meist lächerlichen Strafen schon viel zu weit gesunken...
Wheredoyouwanttogotoday? 27.11.2014
4. Kita
Das Zauberwort ist Kita und Ganztagsschule. Habe auch bei der Staatsanwaltschaft die traurigen Gestalten kennen lernen dürfen. Die Gesellschaft läßt diese Kinder mit ihren unfähigen Eltern einfach alleine. Das erste Mal, dass wir einschreiten ist beim Jugendgericht. Dann ist es aber erheblich schwerer und teurer, 14 Jahre lieblose Erziehung wieder gut zu machen. Oft geht es gar nicht mehr. Das wollen die, die das Lied von der heiligen Familie als Keimzelle der Gesellschaft singen, aber nicht wahr haben.
fort-perfect 27.11.2014
5. Wer
Wer heute als Jugendlicher oder junger Erwachsener im Knast landet muss schon ziemlich viel auf dem Kerbholz haben. Die deutsche Justiz behandelt junge Straftäter mit Samthandschuhen, die Strafmaße für wiederholten Raub, Körperverletzung oder ähnliche Delikte sind doch Pillepalle. Kriminelle brauchen keine besondere Zuwendung vom Staat, sondern Kriminelle müssen für ihre Straftaten einstehen. Manchmal gewinnt man bei der herrschenden Rechtsprechung eher den Eindruck, dass sich die Opfer für die ihnen zugefügten Straftaten entschuldigen müssten....
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