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11. März 2010, 09:46 Uhr

Jugendkultur Emo

Entdeck das Mädchen in dir

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Sie tragen lange Haare, schminken sich, zeigen Gefühle. Die düster-kitschigen Emos sind die erste Jugendszene, in der sich Jungs an Mädchen anpassen. Sie stellen das Rollenmodell auf den Kopf, ernten dafür Spott und Unverständnis - und manchmal Schläge.

Jungs wie Pascal Birkle erfüllen alles, was vom modernen Mann so gefordert wird. "Gefühle sind mir sehr wichtig", sagt der 17-Jährige, "das drücke ich auch in meinen Gedichten aus. Oder wenn ich singe." Er achtet auf seine Kleidung und trägt am liebsten Schwarz. Sein langer Pony fällt über ein Auge, das andere blickt empfindsam in die Welt. Manchmal sagen seine Mitschüler an seinem Gymnasium in der Nähe von Freiburg "Du bist krank" oder "Geh zum Friseur". Dann bedauert Pascal sie für ihre Engstirnigkeit. "Die sind einfach verklemmt. Ich rede aber lieber, als dass ich gleich draufhaue."

Pascal suchte Gleichgesinnte und fand sie bei einem "Emotreff" am Freiburger Hauptbahnhof. Wie in vielen anderen Städten versammeln sich dort regelmäßig Teenager, die schräg aussehen und vor allem ein Anliegen haben: ihre Gefühle auszuleben.

Sie kleiden sich oft in Schwarz, schminken sich blass und die Augen dunkel, sind aber keine Gothics.

Sie hören Hardcore und binden sich Nietengürtel um, sind aber keine Punks.

Sie tragen Vans, sind aber keine Skater.

Sie mögen Comicfiguren, wollen aber nicht mit Anhängern des Visual Kei verwechselt werden.

Es gibt sie schon seit ein paar Jahren, doch weil sie ihren Stil aus anderen Jugendbewegungen zusammenpuzzelten, wird Emo, im Unterschied zu HipHop oder Punk, als eigenständige Jugendkultur von anderen Szenen oft nicht anerkannt. Dabei haben die Emos auf einer anderen Ebene die Popgeschichte revolutioniert: "Emo ist die erste Jugendkultur, in der sich die Jungs an die Mädchen anpassen. Die Emos stellen das Rollenmodell auf den Kopf", sagt der Kulturwissenschaftler Jonas Engelmann, 31, der gerade das Buch "Emo. Porträt einer Szene" herausgebracht hat.

"Ich muss täglich Haare glätten"

Dass sich Teenie-Mädchen gern mit Klamotten und Schminke beschäftigen, ist nicht neu - jetzt aber stehen auch Jungs zu ihrer Eitelkeit. Sie schminken sich die Augen mit dunklem Kajal, lackieren die Fingernägel und geben sich in Internetforen Tipps, wie man durch zu viel Haarspray strapazierte Haare retten kann. Sie reden über Gefühle und trauen sich, auch mal zu weinen. Sie tragen Röhrenjeans, viel Schmuck und Sternchen-Tattoos, besonders beliebt sind "Snakebites", Piercings in beiden Winkeln der Unterlippe.

Matthias Neuser, 21, aus Siegen wurde Emo, weil er den "Stil und die Frisuren schon immer schön fand, und allmählich haben sich die Piercings angesammelt". Heute muss er sich "fast täglich die Haare glätten", damit sie in der gewünschten Form ins Gesicht fallen.

Matthias arbeitet als Elektriker, abends holt er in der Abendschule das Abitur nach. "Dazwischen habe ich 45 bis 60 Minuten Zeit, mich fertig zu machen. Das reicht gerade so, damit ich nicht so abgefuckt aussehe." Buchautor Engelmann erklärt: "Emos verweigern sich den gesellschaftlichen und ästhetischen Normen. Dabei ziehen sie allerdings viel Hass auf sich."

Unzählige Emo-Witze und Beschimpfungen

Für ihr Bekenntnis zum Gefühl und ihren androgynen Stil ernten Pascal und Matthias oft Spott und Verachtung. Bei YouTube und auf nur zu diesem Zweck eingerichteten Web-Seiten werden Emos beinahe so häufig verhöhnt wie einst Ostfriesen, Blondinen oder Manta-Fahrer. Sie bekommen virtuelle Morddrohungen, werden als schwach und schwul beschimpft, als verweichlichte Mittelschichtkinder ausgelacht.

Es gibt kaum einen Ort, an dem Schwulen- und Lesbenfeindlichkeit so offen ausgelebt wird, wie die Schule. Als "Schwuchtel", "schwul" oder "Tunte" beschimpft zu werden, das geht auf den Pausenhöfen ganz schnell. Besonders die 14- bis 20-jährigen Jungs gelten in den Augen von Anhängern anderer, von demonstrativ breitbeiniger Männlichkeit dominierter Jugendszenen als "schwule" Heulsusen, die keine Freunde haben und sich regelmäßig die Arme aufritzen.

"Durch die Emo-Bewegung werden klassische Geschlechterrollen aufgelöst", sagt auch der Berliner Jugendforscher Marc Calmbach. "Alle reden vom neuen Mann, doch jetzt, wo Jungs eine neue, weiche Männlichkeit nach außen tragen, werden sie sofort sozial sanktioniert." Auch Tokio-Hotel-Sänger Bill Kaulitz, der mit seinem androgynen, schmächtigen Äußeren der Emo-Kultur ähnelt, polarisiert auf ähnliche Weise.

Wenn Matthias Neuser durch die Stadt geht, hört er oft "Iiih, ein Emo"; einmal wurde er verprügelt. In Mexiko taten sich gar im April 2008 etwa tausend Punks zusammen, um Emos aus der Stadt zu jagen. Der Berliner Rapper Gin Tonik tönte zur gleichen Zeit in seinem "Emo-Diss-Song": "Du wünschst dir den Tod, den wünsch ich dir auch."

Szene ohne Aufnahmerituale - offen, gefühlig und ein bisschen bi

Bis in die neunziger Jahre war Emo in erster Linie eine Bezeichnung für eine Spielart des amerikanischen Hardcore. Vor allem die US-Band Rites of Spring mit dem Sänger Guy Picciotto wollte der aggressiver werdenden Spielart dieser Rockmusik mehr Gefühl entgegensetzen. So entstand der Begriff Emotional Hardcore. Mit dem neuen Jahrtausend verbanden auch andere Bands Emo-Elemente mit ihrem Stil - es entstanden die Richtungen Emopop, Emorock, Emocore. Heute sind Bands wie Funeral for a Friend, Fall Out Boy und My Chemical Romance in der Szene beliebt.

Doch anders als bei älteren Jugendkulturen steht Musik nicht im Mittelpunkt der Bewegung. Aus dem Musikstil wurde eine Mode und eine Einstellung, die Gefühle und Weltschmerz offensiv zur Schau stellt. "Das heißt nicht, dass wir den ganzen Tag rumheulen oder uns ritzen", widerspricht Matthias Neuser den gängigen Emo-Klischees. "Aber man muss sich doch mit seinen Gefühlen auseinandersetzen, sonst staut sich so ein großes Gefühlschaos an, dass man erst recht nicht weiß, was man machen soll."

Dass die Szene vieler Anfeindungen zum Trotz einen großen Zulauf hat, liegt nicht zuletzt daran, dass sie auf die Bedürfnisse Pubertierender zugeschnitten ist: Hier darf man noch Kind sein, sich einsam und unverstanden fühlen, alles doof finden. Deshalb sind Emos selten über 20 Jahre alt. Diejenigen, die dem Stil länger treu bleiben, diskutieren in Foren, ob "Emo mit 20+" überhaupt geht, und grenzen sich von den "Emo-Kiddies" und "Möchtegerns" ab.

"Jeder wird so akzeptiert, wie er ist"

Auf der Emo-Plattform "Emostar" werden diese Themen neben Styling-Fragen am eifrigsten besprochen. Außerdem brummt der Bücher-Thread: Emos sind belesen, "viele sind Gymnasiasten und kommen aus einer akademischen Mittelschicht", weiß Forscher Engelmann.

Mit ihrer gefühligen, in sich gekehrten Art und ihrer Offenheit wirken die Emos auch anziehend auf Jugendliche, die auf der Suche nach sexueller Identität sind. Beschimpfungen wie "Emo is fucking gay" beziehen sich zwar in erster Linie auf das Äußere. Doch "viele sind bi- oder homosexuell", sagt Mischa Zaugg, 18, aus Seon in der Schweiz. Seit zwei Jahren trifft er sich mit anderen Emos am Zürcher Hauptbahnhof. "Schwulsein hat nichts mit Emo zu tun. Dass viele in die Szene kommen, liegt daran, dass bei uns jeder so akzeptiert wird, wie er ist."

Bei den Emos fällt es leicht, dazuzugehören. Denn anders als unter Skatern oder im HipHop müssen sich Emos nicht erst beweisen, um aufgenommen zu werden. "Ich war schon immer ein nachdenklicher, künstlerischer Mensch und wollte meine Gefühle zeigen", sagt die angehende Zahnarztassistentin Marion Stenger, die von Wien aus den Blog Kawaii-web.com betreibt, "somit war ich schon immer irgendwie Emo, auch wenn ich lange mit dieser Bezeichnung nichts anfangen konnte." Viele Emos finden erst im Internet Gleichgesinnte. "Im Netz sind alle viel offener, später trifft man sich dann auch im echten Leben", sagt die 20-Jährige. Auch ihren Freund, einen Emo aus Bremen, hat Marion in einem Forum kennen gelernt.

"Pain" wie geritzt im Dekolleté

Sie arbeitet aktiv in der Szene: Marion organisiert Emo-Treffen und betreibt ein kleines Modelabel, sie stellt Manga-Zeichnungen, Make-up-Anleitungen und dramatisch inszenierte Selbstporträts ins Netz. Auf einem Bild trägt sie eine schwarze Perücke, die ihre Augen verdeckt, und hat sich mit rotem Filzstift das Wort "Pain" auf das tief ausgeschnittene Dekolleté geschrieben - die Buchstaben sehen aus, als seien sie in die Haut geritzt.

"Leute mit autoaggressivem Verhalten fühlen sich zur Emo-Szene hingezogen. Ich will, dass die Menschen darüber nachdenken, wieso das so ist", sagt Marion. Wissenschaftler Engelmann erklärt dazu: "Natürlich ist es ein Vorurteil, dass sich alle Emos selbst verstümmeln. Gleichzeitig bietet die Szene Jugendlichen mit psychischen Problemen ein Umfeld, das sie nicht ausgrenzt."

In Foren diskutiert Marion außerdem, wie sich die Emo-Szene in den letzten Jahren verändert hat. Ein Prozess, der in jeder Jugendkultur irgendwann stattfindet: Die Pioniere von einst machen sich Gedanken über den theoretischen Unterbau ihrer Subkultur. "Ich glaube, keine andere Kultur hat sich so verändert", schrieb Nutzer "Chibi-Dude" im Januar 2010. Und erhielt von "Glückskind" die Antwort: "Vermutlich hat jeder Emo seine ganz eigene Definition, was Emo für ihn ist. Alle haben Recht, aber keiner will das einsehen."

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