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04. Oktober 2010, 13:46 Uhr

Jugendkulturen

"Wir lassen uns nichts vorschreiben"

Warum verzichten manche Jugendliche auf Alkohol und Zigaretten? Warum laufen manche ganz in Schwarz durch die Welt? Und gegen was revoltieren die jungen Hippies von heute? Das Jugendmagazin "Spiesser" wollte es wissen - und lässt acht Anhänger von Jugendkulturen ihre Szene vorstellen.

"Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein", schmetterte die Band Tocotronic Mitte der Neunziger Jahre. Den Wunsch teilen die Rocker mit vielen Jugendlichen - doch nur eine Minderheit schließt sich tatsächlich einer Szene an. Jeder fünfte Jugendliche sagt von sich, einer Jugendbewegung aktiv anzugehören.

Dafür hat diese Minderheit eine enorme Strahlkraft: Sieben von zehn Jugendlichen sagen, dass sie sich an einer Jugendkultur orientieren, weil sie etwa deren Musik hören. Die Orientierung wird allerdings zunehmend schwer: "Jugendkulturen werden kleinteiliger und schnelllebiger", sagte Klaus Farin, Szenekenner aus Berlin, im Interview mit SPIEGEL ONLINE.

Das Magazin "Spiesser" hat sich auf die Suche gemacht nach Vertretern von acht Jugendkulturen, die dem von Farin beschriebenen Trend trotzen: Die Punkerin Nika etwa erzählt, gegen was sie rebelliert. Isabell sagt, was es heißt, heute ein Hippie zu sein. Und Daniel erklärt, dass er eher selten Blut trinkt, auch wenn das manche Leute von ihm denken, wenn sie ihn sehen.

Alle sagen ungefiltert ihre Meinung - und nennen die Liedzeilen ihres Lebens. So unterschiedlich ihre Ziele und Geschmäcker sind, eines haben sie gemeinsam: Sie lassen sich nicht reinreden, nicht von Eltern, nicht von Oma, nicht von Modeketten.

Emo, kurz für Emotional Hardcore [engl.] (Subgenre des Hardcore-Punk mit starker Betonung von Gefühlen und zwischenmenschlichen Themen); Gabriel, 20, aus Berlin muss seine Männlichkeit nicht ständig unter Beweis stellen.

Es ist nicht so, dass ich ständig weinend in der Ecke sitze. Trotzdem bin ich Emo. Aber nicht, weil ich mit meinen Gefühlen nicht klarkomme. Mir gefällt einfach der Stil: enge Klamotten, schwarz gefärbte, längere Haare, die ins Gesicht fallen. Einige Jungs schminken sich, das wäre mir zu anstrengend. Aber klar, der Begriff Emo wird oft abwertend genutzt.

Dass mir jemand "Iiih, guck mal ein Emo" hinterher ruft, passiert mir bestimmt ein oder zwei Mal die Woche. Naja, ich glaube, manche brauchen einfach ihre Feindbilder, um mit sich selbst klarzukommen. Dabei denke ich, dass jeder Jugendliche sich irgendeine Sparte sucht. Selbst "nichts sein" ist schon zur Gruppe geworden.

In meinem nahen Umfeld bin ich aber auf wenig Unverständnis gestoßen, als ich vor etwa vier Jahren anfing, mich so zu kleiden. Nur mein älterer Bruder meinte mal, ich sehe schwul aus. Ist mir gleich. Ich muss meine Männlichkeit nicht ständig unter Beweis stellen.

Genauso wenig spielt für mich eine Rolle, dass ich Schlagzeuger bei "Kill Her First" bin, obwohl wir überall als "female Emocore-Band" beschrieben werden. Vor mir waren eben nur Mädels in der Band, die mit ihrem harten, kraftvollen Sound und dem Growlen unserer Sängerin Gerox gerade wenig weibliche Lieblichkeit ausstrahlten. Ich laufe jetzt halt unter dem Label "female". Mir gehts um die Musik.

An sich ist es musikalisch gesehen relativ vage, was Emocore eigentlich ist. Klar spielen gefühlsbetonte Texte eine Rolle. Aber dann könnte man auch Radiohead eine Emo-Band nennen. Auf die Idee würde wohl niemand kommen.

Eigentlich machen mich Stil und Musik zum Emo. Nicht irgendwelche politischen Statements, wie bei anderen Jugendkulturen. Und mich nervts wirklich, wenn Leute alles auf unsere - in Anführungsstrichen - angebliche Gefühlsduselei schieben. Warum sollte sich mein Leben anders anfühlen, nur weil ich Röhrenjeans trage?

Liedzeilen, die mich gut beschreiben:

I play my cards with all the risks
no more games & bloody fists,
time is come for some trust,
I leave behind all the past!
(Kill her First: "No more Games")

Protokoll: Tina Gebler

Straight Edge [engl.] (gerader Weg; Bewegung, deren Anhänger auf Alkohol, Tabak und Drogen verzichten); Thomas, 23, auf Usedom will morgens ohne Kater aufwachen.

Wenn andere hören, dass ich nicht trinke, rauche und keine Drogen nehme, gibts oft blöde Kommentare. Kostproben davon will ich euch ersparen. Es ist halt für die meisten nicht normal. Warum eigentlich?

Je besser mich diese Leute dann aber kennen lernen, desto mehr bewundern sie meine Haltung. Dass ich mein eigenes Ding durchziehe. Viele finden es dann eher verwunderlich, wie viel Blödsinn ich mitmache. Ohne zu saufen. Ich kann es absolut nicht haben, wenn mir Freunde immer wieder Alkohol anbieten. Finden die das lustig? Ich nicht. Es gibt ein Lied von Minor Threat - einer US-Band aus den 80ern - da heißt es: "Don't smoke, don't drink, don't fuck, at least I can fucking think."

Die Idee hat bis heute Bestand, sich aber in viele Richtungen entwickelt, zu Positive-Hardcore, zur Tierrechtsbewegung, sogar zu einer Hare-Krishna-Bewegung. Straight Edge steht dir nicht auf die Stirn geschrieben. Viele Edger sind tätowiert, es gibt auch oft geweitete Ohrlöcher und Piercings. Aber das ist gar nicht so entscheidend. Es ist die Meinung. Die Einstellung. Nennt's, wie ihr wollt.

Für mich und viele andere dreht es sich um den DIY-Gedanken, also: Do it yourself. Dass man teilhat an der Szene, politisch aktiv ist oder in einer Band ist. Dass man was aus seinem Leben macht. Einen aufrechten, unbedröhnten Weg gehen, heißt Straight Edge. Zu sich selbst stehen, mit allen Konsequenzen. Wenn ich morgens ohne Kater aufwache, kann ich schon irgendwas reißen. Mal ganz ehrlich: Mit Alkohol und Drogen verschwenden wir doch nur Zeit. Ich nicht mehr.

Welche Songzeile triffts für dich?

Es gibt keine, sonst hätte ich sie selbst geschrieben.

Protokoll: Tahnee Godt

Pun|ker [engl.] (Jugendlicher, der durch Verhalten und Aufmachung seine antibürgerliche Einstellung ausdrückt); Nika, 18, aus Bochum will nach ihrem Piercing jetzt ein Strichcode-Tattoo.

Wenn ich austicke, schmeiße ich auch mal Gläser durch die Gegend. Ist schon passiert. Ich will es auch gar nicht jedem recht machen. Lieber auffallen! Jeder Punk will auffallen. Und ich bin Punk. Provozieren, aus der Reserve locken. Klingt bis hierher vielleicht nicht so, aber eigentlich bin ich ein friedfertiger Mensch.

Ich war 13 Jahre alt, oder vielleicht ein bisschen älter. Da habe ich angefangen, meine Klamotten zu verändern; hab nicht mehr nur angezogen, was Mutti gut findet. Ersteinmal gings in Richtung Gothic. Alles schwarz. Doch Farben sind zu schön, um sie aus meinem Leben rauszuhalten.

Seit ich 14 bin, verändere ich meine Haarfarbe ständig. Meine Frisöse Jenni mag mich, schnitt mir schon als Kind die Haare. Natürlich eck ich mit meinem Style an. Einmal war echt krass: Ich sah mir Ringe in einem Laden an. Die Verkäuferin guckte schief zu den drei Security-Typen rüber und sagte zu mir - immer noch mit schiefem Blick - ich passe nicht in das Klientel. Ich bin dann gegangen. Ohne Blick.

Auch meine Schulleiterin hat mich auf mein Auftreten angesprochen. Ich war auf dem Weg in den Proberaum unserer Band, trug eine kurze Hose mit Leggins darunter. Ganz normal. Es war noch nicht mal aufreizend oder sowas. Wenn ich mich nicht angemessen kleide, könne ich nicht am Unterricht teilnehmen, sagte sie. Ich kam mir ganz schön verarscht vor. Punks sind gegen das System.

In unserer Politik fehlt's einfach an Selbstbestimmung. Wird doch alles nur in Akten gehalten. Dagegen will ich rebellieren. Als Tattoo will ich mir bald einen Strichcode machen lassen. Meine Eltern sind dagegen, doch das war beim Piercing genauso. Das nötige Geld gabs von Freunden zum Geburtstag. Außerdem bin ich 18. Meine Eltern können gar nichts dagegen tun. Sie haben sich damit abgefunden, eigentlich verstehen wir uns gut und meine Mutter ist froh, dass ich mir Gedanken mache.

Dass Punks asozial sind und nur in zerrissenen Klamotten und mit Bier rumgammeln, ist nur ein dummes Klischee. Ich will später mal in die Kinder- und Jugendarbeit. Das wird mein Beitrag für ein bisschen mehr Love, Peace und Empathy für diese Welt. Mein Arbeitgeber muss meinen Style schon akzeptieren. Aber das wird bestimmt kein Problem. Will ja nicht hintern Bankschalter.

Liedzeilen, die mich gut beschreiben:

I'm your hell I'm your dream,
I'm nothing in between,
you know you wouldn't want,
it any other way
So take me as I am.
(Meredith Brooks: "Bitch")

Protokoll: Jennifer Busch

Hippie (Anhänger einer pazifistischen, naturnahen Lebensform; Blumenkind); Isabell, 17, aus Hamburg will sich nicht in die Probleme anderer hineinsteigern.

Chaotisch, schweigsam, faul. Das bin ich. Und Langschläfer. Und ich benehme mich nicht immer perfekt. Aber wer macht das schon. Wie Menschen reagieren und was sie zu sagen haben, ist mir wichtig. Klamotten und Materielles nicht. Denn der Mensch muss etwas Besonderes sein, nicht seine Hose, nicht sein Hemd.

Zu meinen Wunden: Meine Faulheit! Alle meine Freunde ärgern sich darüber. Das sehe ich ganz realistisch. Aber ich finde eben auch, dass zu viel Arbeit stresst. Und Stress macht mich traurig. Am Ende des Tages erreiche ich mehr ohne Stress, weil ich einfach die Augenblicke mehr genieße. Das Wesentliche rauscht doch an den allermeisten vorbei.

Meine Freunde sagen auch, ich höre nicht gut zu. Konfliktpunkt! Naja, auf manche Fragen reagiere ich nicht. Viele meiner Freunde behaupten deshalb, ich sei desinteressiert. Mein Freund ist immer stinksauer, wenn er mir alles noch mal erklären muss. Eigentlich möchte ich mich nicht zu sehr in die Probleme der anderen hineinsteigern. Ich schweife dann kurz ab, denke über Dinge nach, die ich erlebt habe. Danach höre ich wieder zu und bin für den Menschen da. Ja, ich kenne meine Schwächen. Aber gehören sie nicht zu mir?

In mir steckt eben mehr oder weniger ein Hippie. Frieden, Sex, Liebe und Spaß, das sind die Schlüsselwörter zum Glück. Beim Feiern und Austoben fühle ich mich wohl, durch Musik fühle ich mich mit anderen verbunden. Meine Lieblingsmusik ist Rock und Reggae, zuletzt war ich auf dem Hurricane. Alles sehr ungezwungen.

Ich bin bei vielen Dingen sehr entspannt. Ganz im Gegensatz zu meinen Eltern. Sie denken oft zu viel nach, bevor sie etwas sagen. Ich bin da anders. Glaube sogar, dass - in Klammern: fast - jeder Jugendliche so eine Haltung entwickelt, anders sein will und sich auflehnt. Jugendliche haben eine revolutionäre Kraft in sich. Ich lebe hier und jetzt! Vielleicht werde ich ja Pendler oder eine Reisende. Sei selbst die Veränderung, die du dir wünschst für diese Welt! Der letzte Satz ist nicht von mir, sondern von Gandhi. Ich sehe es genauso.

Und welcher Liedtext beschreibt dich am ehesten?

I paid a flying visit to my first and only love,
She's as white as any lily,and as gentle as a dove,
She threw her arm around me saying,
"Andy I love you still"
Oh, she's one miss Bazo Bailey,
the pride of Fairmount Hill
(Dropkick Murphys: "Fairmount Hill")

Protokoll: Nadine Wittleben

Go|thic, [engl.] (figurativ,düster, schaurig; Subkultur im Rahmen der Post-Punk- und Dark-Wave-Bewegung); Daniel, 19, aus Porta Westfalica mag Musik mit einer Mischung aus Härte und Melodie

Mein Vater ist sauer auf mich. Jedenfalls manchmal. Ich bin einsneunzig groß, kräftige Statur - wie man so schön sagt. Ich trage Stiefel und einen langen Mantel. Plus griesgrämiger Blick. Aber der ist nicht absichtlich. Ist einfach da. Wahrscheinlich bin ich kein typischer Vorzeigesohn, wirke manchmal sogar bisschen aggressiv. Besonders in meiner schwarzen Ausgehkluft.

Darin ernte ich oft schiefe Blicke. Normal ist anscheinend anders. Aber was ist schon normal? Ist doch alles relativ. Emos ritzen, Hopper haben die Hosen in den Knien. Und wir Gothics sind Grabsteinschubser. So einfach. Alles Aussagen Ahnungsloser. Ich werde oft völlig falsch eingeschätzt. Ich gehe nicht auf den Friedhof, habe keine schwarze Tapete. Blut trinke ich erst recht nicht. Mit Satanismus habe ich nichts am Hut. Und ich habe ganz normale Klamotten im Schrank. Rote und blaue Shirts. Aber Schwarz ist und bleibt meine Lieblingsfarbe.

Wer vermutet bei einem Gothic Baggy-Jeans im Kleiderschrank? Ich trage die Hopper-Hosen gern. Apropos: Früher habe ich mal Hip-Hop gehört; Punk kam und ging; zuerst stand ich auf Techno; später auf Hardcore. Irgendwann war ich dann in der Gothic-Sache drin. Ich mag die Musik. Echt tolle Musik! Die Mischung aus Härte und Melodie gefällt mir. Dunkle, aber tiefgründige Texte, die von Liebe, Leben und alten Märchen handeln. Zu der Sage Krabat gibts ein ganzes Album. Ein sehr gutes. Mit Hip-Hop und dem ganzen anderen Zeug kann ich mich nicht identifizieren. Nicht mehr. Ich hatte und habe viele Facetten.

Sich neu zu erfinden, ist nicht schlecht. So kann man sich ein Bild machen, was der andere hört und denkt. Man wird toleranter, wenn man die Vorurteile am eigenen Leib erfährt. Ich habe Träume und Ziele. Wie jeder andere auch. In der Wohnung gammeln, von Hartz IV leben? Auf keinen Fall! Daher mache ich gerade mein Abitur. Und jobbe nebenbei im Penny Markt. Ganz gewöhnlich. Man könnte auch sagen: normal.

Und welcher Liedtext beschreibt dich am ehesten?

Alles schwarz, ich kann nicht sehen
ich kann die Welt nicht mehr verstehen
Der Mond reißt mir die Augen aus
Ich bin gefangen und ich komm nicht raus
Weißt du wer ich bin?
(ASP: "Schwarzer Schmetterling")

Protokoll: Viktoria Wiemer

Hip-Hop, [engl.-amerik.] (urbane Jugendkultur mit Ursprung in den afroamerikanischen Ghettos New York Citys der 1970er Jahre); Marius, 23, aus Berlin sprüht am liebsten ohne Vorgaben.

Yo yo, fett, Alter! Reicht das für die Schublade? Früher kam noch "Zieh die Hose hoch!" oder "Setz deine Mütze richtig auf!" Heute kleide ich mich eigentlich normal, naja, meine Mütze trage ich immer noch nicht richtig, wer auch immer das richtige Tragen einer Mütze definiert hat.

Was gute Musik für mich ist, kann ich definieren. Blumentopf zum Beispiel. Die Liebe zu Bands wie Blumentopf entdeckte ich neugierig lauschend durch den Türspalt zum Zimmer meines Bruders. Das ist schon 'ne Weile her. In diesem Jahr war ich zum siebenten Mal beim Splash!-Festival. Die Szene verändert sich; immer mehr Poser; jeder ist ein Gangster. Blumentopf haben auch gespielt und die neuen Sachen finde ich klasse, weil sie sich treu bleiben.

Bei meinem Bruder auf dem Schreibtisch sah ich auch zum ersten Mal Graffitiskizzen. Zum Glück blieben meine ersten Breakdance-Versuche im Gegensatz zu den Graffitis für immer ungesehen hinter den heimischen Wohnzimmergardinen. Und es blieb bei den ersten. Gemalt habe ich seit dem immer wieder.

Das Sprühen war am Anfang ein richtiges Abenteuer. Heimlich waren wir nachts in unserer Kleinstadt unterwegs. Warum ich heute nur noch legal male? Ich sag mal so: Einmal gab es richtig Ärger. Aber eigentlich nehme ich mir auch lieber Zeit für meine Werke, nachts schaffst du einfach nicht so viel. Wenn ich jetzt sprühe, sind es oft sogar Auftragsarbeiten. Die allerdings auch lieber ohne konkrete Vorgaben. Dann nehme ich mir auch die Zeit.

Obwohl mir 24 Stunden für einen Tag meist schon zu wenig sind. Für vieles fehlt mir die Zeit. Zum Schlafen zum Beispiel. Oder schlafe ich zu viel, um alles zu schaffen?

Meine Freundin hat mir aus Australien ein handgemachtes Skizzenbuch mitgebracht. So richtig aus Blättern, ein echt schönes Teil. Am Anfang dachte ich, es wäre zu schade, um es mit Ideen zu füllen. Ideen, mit denen ich auch mal nicht so zufrieden bin. Aber das ist es nicht, im Gegenteil. Denn nur ein gefülltes Skizzenbuch erfüllt seinen Sinn, leer wäre es doch völlig nutzlos. Definitiv!

Und der Songtext von Marius:

Wir ham 'nen Schatten, doch die Taschen voller Sonnenschein.
Wir ham mehr Träume als wir schlafen können und sind süchtig nach 'ner Bombenzeit.
(Blumentopf: "Taschen voller Sonnenschein")

Protokoll: Verena Bartels

Me|tal, kurz für Heavy Metal [engl.] (aggressivere Variante des Hard-Rocks mit gitarren- und schlagzeugzentrierter Klangfarbe); Anne-Katrin, 20, aus Tübingen kämpft mit Schwertern.

Ein normales Wochenende bei mir: Ich pack' Schlafsack und Isomatte ein, was zum Grillen - und mein Schwert. Ich mache Schwertkampf. Leider haben meine Freunde und ich dafür keinen anderen Ort als den Grillplatz. Das oberste Gebot dabei lautet: Vorsicht! Unsere Schwerter sind nicht angeschliffen, trotzdem gefährlich: Einmal hab ich meinem Kampfpartner eine Platzwunde über dem Auge verpasst. War nicht mit Absicht.

Meine Freunde habe ich fast alle auf dem Mittelaltermarkt oder im Pub kennengelernt. Fast alle sind Metaller; mit Normalos hatte ich neben der Schule noch nie viel zu tun. In der Klasse galt ich als Kuriosum - noch bevor ich angefangen hab, Metal zu hören und Schwarz zu tragen. Ich war das schüchterne Mauerblümchen und der Depp für alles.

Die Musik, der Metal, hat mir Selbstbewusstsein gegeben; mich stärker gemacht, sodass ich irgendwann sagen konnte: Hey, was die über mich erzählen, ist mir scheißegal! In den schwarzen Klamotten fühle ich mich irgendwie geschützt. Dazu kamen Band-Shirts und Tarnhosen. Meine Oma explodiert jedes Mal: "Das ist doch nicht schön! Du kannst doch viel mehr aus dir machen!" Sagt sie, die Oma. Ich kann nur noch drüber lachen.

Und weil wir gerade dabei sind: Metaller sind auch nicht ungepflegt, nur weil sie auf Festivals mal drei Tage nicht duschen! Doch manche Vorurteile stimmen: Wir trinken gerne Met und Bier. Und ich mag kein Rosa! Ich will nicht zum großen Einheitsbrei dazugehören - mir nicht von den Modediktatoren H&M und Mango vorschreiben lassen, was ich anziehe. Meine Springerstiefel werde ich wohl nie ganz wegpacken. Aber ich kann mir vorstellen, sie ab und zu gegen lila Ballerinas einzutauschen. Lila - nicht rosa!

Mein Aussehen wird sich in Zukunft - da bin ich ganz realistisch - weiter anpassen. Oder ist das schon pessimistisch? Ich studiere nämlich Lehramt. Und mit Patronengürtel und Nietenarmbändern kann ich als Lehrerin sicher nicht rumlaufen. Dennoch bin ich Vollblutmetallerin - denn was einen Metaller ausmacht, ist die Liebe zur Musik. Und die wird, denke ich, niemals enden.

Die Songtextzeile passt zu mir:

Yeah, I'm free - free falling!
(Tom Petty: "Free Falling")

Protokoll : Bettina Schneider

In|die, [engl.] (kurz für Independent, unabhängig, Sammelbezeichnung für kreative, freie, nicht kommerzielle Ausdrucksformen); Kristian, 16, aus Trünzig will viel mehr Respekt für die Mitwelt und ein bisschen mehr Gelassenheit

Insgesamt habe ich 68 Dreads. Für einen einzigen Zopf benötigt der Friseur vielleicht so vier Stunden. Ihr könnt euch also ausrechnen, dass ich Ewigkeiten im Salon saß. Aber Stillsitzen, Kosten und Nackenstarre haben sich gelohnt. Mir gefällt's.

"Hey Bob, was macht deine Läusepopulation?" Obwohl der Vergleich mit Musiklegende Bob Marley schmeichelhaft ist, kann ich bei solchen Sprüchen nur den Filzkopf schütteln. Dreads fetten kaum. Und ich versichere euch: Mein Haar bekommt mehr Zuwendung als jede Normalofrisur. "Wirtshaus für Krabbeltiere" - solche Aussagen kommen von Ahnungslosen.

Was ich bei Anderen absolut nicht abkann, ist eine Mischung aus Arroganz, Ignoranz und Intoleranz. Menschen mit diesen Charaktereigenschaften sind schlicht zu faul den Blick hinter Klischees zu wagen.

Vorurteile sind hartnäckig. Das Kopieren bestehender Meinungen ist eben viel bequemer als selbständige Urteilsbildung. Denn nicht jeder Dread-Head kifft und trägt ausschließlich legere Shirts in Rot, Gelb, Grün mit Hanf-Aufdruck. Hemden gehören sogar zur Grundausstattung meines Kleiderschrankes.

Meine Frisur spiegelt meine Persönlichkeit wieder. Ich bin individuell, locker, spontan und vor allem offen für Neues. Ich würde gern mit Freunden auf das Burning-Man-Festival in Nevada fahren. Sonnenschein, Musik, Kunstausstellungen - fernab jeglicher Regeln und doch bei vollem Umweltbewusstsein. Ein Ort intensiver Selbstdarstellung, ohne Autos und Müllanhäufungen.

Generell sollte unsere Gesellschaft dringend ihre Haltung zur Natur überdenken. Es geht nicht in meinen Kopf, dass wir noch immer vorwiegend fossile Brennstoffe nutzen. Im Heimatland von Bob Marley und den "Wailers" hat man mehr Respekt vor der Mitwelt. Diese Einstellung plus Freigeist und Gelassenheit beeindrucken mich beim Reggae am meisten.

Ob ich einer einzigen Jugendkultur angehöre? Macht das überhaupt jemand? Ich bin eher multikulturell. Zwar trage ich eine reggaetypische Frisur, höre aber auch bevorzugt Metal und Indie.

Musik ist mein Leben. Ich spiele Gitarre, habe eine Band und würde gern E-Bass erlernen. Nach dem Abitur steht ein Auslandsjahr an, danach will ich Tontechnik studieren. Oder ich werd Instrumentenbauer. Ich will mich einfach nicht festlegen - noch nicht.

Eine Songzeile, die mich beschreibt:

"Singularity is here to stay, so go down, let's take it slow."
(Foals: "Total Life Forever")

Protokoll: Anne Wirth

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