Jugendliche Fußballer Im Verein ist Trinken am schönsten

Nicht nur bei Flatratepartys, auch im Sportclub um die Ecke wird heftig gebechert, sagt Thomas Fritz. Der Sportwissenschaftler hat das Trinkverhalten junger Fußballer untersucht. Im Interview spricht er über Ritualsäufer, Rumpelfüßler und laxe Trainer.


SPIEGEL ONLINE: Trinken Sie Alkohol?

Fritz: Ja. Ich würde mich zu den Fastabstinenten zählen.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben das Trinkverhalten 15 bis 17 Jahre alter Vereinsfußballer in Bielefeld untersucht. Besonders eine Zahl sorgte für Aufsehen: Fast die Hälfte gibt an, im Verein regelmäßig Alkohol zu trinken. Ist das schlimm?

Ballack bei Bayern-Siegesfeier (2005): Vorbild für Jungkicker?
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Ballack bei Bayern-Siegesfeier (2005): Vorbild für Jungkicker?

Fritz: Die Prozentzahl allein sagt wenig aus. Sie zeigt zwar, dass viele Jugendliche im Verein bereits einmal Alkohol konsumiert haben - aber auch, dass längst nicht alle im Verein trinken. Man darf Fußballvereine nicht per se stigmatisieren, sondern muss genau hinschauen: Wie gehen die einzelnen Clubs mit Alkohol um? Viele Vereine sind bereits vorbildlich, verbieten Alkoholausschank und fördern das Problembewusstsein für Alkohol. Andererseits gibt es etliche schwarze Schafe.

SPIEGEL ONLINE: Ihre Studie zeigt, dass sich in Fußballclubs auch viele Schluckspechte tummeln. Warum?

Fritz: Das ist schwer zu sagen. Ich möchte klarstellen: Die Vereine machen aus den Jungen keine Säufer. Meine Analysen zeigen, dass selbst exzessive Trinker im Club maßvoller zum Alkohol greifen als in ihrer sonstigen Freizeit. Einiges spricht dafür, dass exzessive Trinker dieses Verhalten woanders erlernt haben.

SPIEGEL ONLINE: Hardcore-Trinker kommen schnell mal auf sieben bis zwölf Gläser Bier, dazu kommen noch Schnäpse. Ab wann wird Trinken zum Saufen?

Fritz: Offiziell beginnt Binge-Drinking ab fünf Gläsern Alkohol. Eine solche Einteilung nützt aber wenig, da für viele Teenager richtiges Saufen erst bei deutlich mehr als fünf Gläsern losgeht. Außer auf die Alkoholmenge muss man auch auf die Gründe für den Konsum achten. Manche Jugendliche trinken, um cool sein zu wollen, andere, um Probleme zu vergessen. Bei den letzteren sind schon wesentlich geringere Trinkmengen kritisch, weil sie stärker gefährdet sind, auch als Erwachsene regelmäßig zu trinken.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben herausgefunden, dass exzessive Konsumierer im Verein weniger stark integriert sind. Warum sind die Trinkstärksten nicht die Alphatierchen?

Fritz: Die meisten Vereine, selbst die, in denen Alkohol häufig getrunken wird, tolerieren einen exzessiven Umgang mit Alkohol in der Regel nicht. Die Jugendlichen halten sich dran, weil sonst Restriktionen drohen. Exzessiv-Trinken ist nichts, womit man im Fußballclub Ansehen bekommen könnte.

SPIEGEL ONLINE: In Ihrer Studie betonen Sie das Soziale am Trinken: Man gehört dazu, wird locker, flirtet mit Mädchen. Aber trinken Jugendliche nicht auch oft, weil ihnen Alkohol schmeckt - so wie andere Schokolade essen, weil die lecker ist?

Fritz: Nein, Alkohol besitzt fast immer eine Funktion, das ist bei Schokolade übrigens nicht anders. Menschen essen ja oft Süßes, um alltägliche Sorgen zu verdrängen. Viele sind sich der tieferen Gründe gar nicht bewusst, aber unter der Oberfläche von Spaß und Genuss steckt fast immer noch was anderes. Einige Jugendliche sagen zwar: "Alkohol ist für mich ein Grundnahrungsmittel." Aber auch bei diesen Jugendlichen hat Alkohol eine Funktion. Am Anfang stehen die Motive Neugier und der Reiz des Verbotenen. Erst später beginnt Alkohol, Jugendlichen zu schmecken. Aber auch dann haben sie für's Trinken Motive.

SPIEGEL ONLINE: Erfolgreiche Jungfußballer trinken deutlich weniger als Rumpelfüßler, heißt es in Ihrer Untersuchung. Wieso? Bekommt man von Alkoholexzessen Füße aus Malta?

Fritz: Jugendliche, die nicht in der Kreisliga kicken, sondern in höheren Spielklassen, wird bald klar: richtig Saufen und Leistungssport - das geht nicht zusammen. Außerdem sind die Trainer höherklassiger Clubs oft strenger: Wer auf der Party am Vorabend gesoffen hat, muss beim Spiel auf die Ersatzbank. Das ist für ehrgeizige Jugendliche bitter. Daher entwickeln sie auch schneller ein Problembewusstsein für Alkohol.

SPIEGEL ONLINE: Sie betonen den Gruppenzwang beim Saufen. Wie stark muss man sein, um in geselliger Runde bei einer kreisenden Wodka-Flasche abzuwinken?

Fritz: Viel kommt auf die Größe des Freundeskreises an. Wer noch in anderen Cliquen außerhalb des Vereins integriert ist, widersteht leichter dem Druck der Fußballclique. Sind aber die Jugendlichen im Verein die einzigen Freunde, wird's schwerer, "Nein" zu sagen.

SPIEGEL ONLINE: In Ihren Interviews mit Jungkickern klagten Abstinente, dass Trinker sie bedrängen, Alkohol zu trinken. Alkoholkonsumierende Jugendliche sagen aber, dass es ihnen egal sei, ob jemand trinkt oder nicht. Wer hat nun Recht?

Fritz: Beide. Fast abstinente Jugendliche geraten in vielen Situationen, in denen getrunken wird, in Konflikt. Die Trinker dagegen verfügen über kein Problembewusstsein gegenüber dem Alkoholkonsum. Sie sehen keinen Grund darin, auf Alkohol zu verzichten. Daher gibt es keinen Konflikt für sie, sie merken nicht, wie sie auf andere Druck ausüben. In ihren Augen ist Alkoholkonsum ganz normal. Ihnen kommt nicht in den Sinn, dass manche Alkohol schlicht ablehnen.

SPIEGEL ONLINE: Bei Alkohol haben Jugendliche meist null Problembewusstsein. Liegt's nur am schlechten Vorbild der Erwachsenen?

Fritz: In unserer Gesellschaft ist Alkohol weithin akzeptiert. Besonders bedenklich im Fußball ist, dass ausgerechnet Brauereien häufig Hauptsponsoren in den Vereinen sind. Außerdem verhalten sich Erwachsene oftmals widersprüchlich: Verurteilen sie Alkoholkonsum bei Teenagern noch scharf, gönnen sie sich abends gerne selbst einen Schoppen. Es ist wichtig, zu bedenken, dass Jugendliche Erwachsenen nacheifern. Sie nutzen Alkohol auch, um erwachsen zu wirken.

SPIEGEL ONLINE: Breit angelegte Kampagnen zur Alkoholprävention wie "Kinder stark machen" setzen auf die Stärkung des Selbstbewusstseins: trocken bleiben, auch wenn die anderen tanken. Viel gebracht hat es offenbar nicht.

Fritz: Fakt ist: Viele Initiativen, die das Selbstbewusstsein der Teenager fördern wollten, hatten noch nicht den erwünschten Erfolg. Meine Untersuchungsergebnisse zeigen, dass Jugendliche erst über ein Problembewusstsein verfügen müssen, damit eine Stärkung des Selbstbewusstseins wirksam ist. Es ist jedoch anzunehmen, dass viele Jugendliche heutzutage kein Problembewusstsein gegenüber dem Alkoholkonsum haben. Man muss daher verstärkt dort ansetzen.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben auch nachgewiesen, dass ein klares Nein des Trainers zum Alkohol wirkt - die Jugendlichen trinken dann tatsächlich nicht. Sind Trainer nicht energisch genug?

Fritz: Es stimmt, dass viele Trainer ihre Einflussmöglichkeiten auf den Alkoholkonsum der Jugendlichen noch nicht genug nutzen. Notwendig ist aber eine Sensibilität gegenüber dem übermäßigen Alkoholkonsum im ganzen Verein. Wenn die Seniorenabteilung zur Bierflasche greift, werden die Bemühungen des Trainers, der den Jungs Alkohol verbietet, nicht ernst genommen. Alle im Verein müssen Verantwortung übernehmen und an einem Strang ziehen.

Das Interview führte Christian Hambrecht

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