Jugendliche in Serbien Rap die Zukunft

Serbien ist bankrott, rückständig, ein Synonym für Kriegsverbrechen - die Jugendlichen haben keine Perspektive. Viele verwandeln ihren trotzigen Nationalismus in Turbofolk, eine Art Volksmusik, die nah an Pornografie dran ist. Nun melden sich junge Rapper zu Wort. Von Mareike Fallet


Marcelo hat sich verzogen in eine dunkle Ecke des SKC, "Studentski Kulturni Centar", der Trubel ist ihm zu viel. Es ist Freitagabend, 21 Uhr, und im Studentenzentrum findet eine Breakdance-Battle statt, ein Tanzwettbewerb. Etwa hundert Jugendliche vom ganzen Balkan treten gegeneinander an, Serben, Bosnier, Kroaten, Slowenen. Ohne Hass, ohne Waffen.

Marcelo ist der Hauptact des Abends. Auftreten wird er erst nach Mitternacht, er wartet, und auf ihn warten etwa 300 Fans. Die Mädchen stehen in Grüppchen, sie tuscheln und kichern, winken ihm zu aus sicherer Entfernung. Marcelo hält sich an einem Bier fest und an einer Zigarette. Ein zartes, blasses Büblein, kaum 1,65 groß, spärlicher Bartwuchs. Er ist 23 und sieht aus, als habe er die Pubertät gerade erst hinter sich.

Das Studentenzentrum wirkt nicht gerade einladend: die Fenster dreckig, der Eingang vermüllt, der Putz blättert innen wie außen. Aus den Toiletten wabert der Geruch von Urin durch die Flure. Marcelo trägt einen weiten schwarzen Kapuzenpulli über der schlackernden Jeans, weiße Turnschuhe und eine Mütze auf den kurzen braunen Haaren. Er zündet die nächste Zigarette an, er ist nervös. Eigentlich raucht in Serbien fast jeder, Zigaretten sind so ziemlich das Einzige, was erschwinglich ist. Eine Schachtel kostet rund 75 Dinar, weniger als ein Euro. Das durchschnittliche Monatseinkommen liegt bei umgerechnet 200 Euro. Eine CD ist so teuer wie bei uns, Strom und Heizung für eine Wohnung kosten im Monat um 150 Euro. Viele haben Zweit- und Drittjobs oder arbeiten schwarz.

Das meistverachtete Volk der Welt

Mit HipHop verdient man in Serbien kein Geld. Marcelo sagt, es reiche, um die Miete für sein WG-Zimmer zu bezahlen. Er ist ein Kind aus der Mittelschicht, wie die anderen Belgrader HipHopper auch. Er rappt nicht nur, er schreibt Kurzgeschichten, studiert Literaturwissenschaft und Englisch an der Belgrader Universität. Marcelo liebt Ivo Andric, den serbischen Literaturnobelpreisträger von 1961. Andric ist der einzige Nobelpreisträger, den das Land hervorgebracht hat; Serbien ist eher bekannt für seine Kriegsverbrecher.

"Das ist nicht meine Vergangenheit", sagt Marcelo trotzig. Er war noch ein Kind, als Miloševic den Balkan mit Krieg überzog. Ihn beschäftigt nicht die Vergangenheit, mit der Gegenwart hat er genug zu tun. Aber Serben gelten nicht als Opfer, sie gelten als Täter. "Wir sind das meistverachtete Volk der Welt", sagt der Musikjournalist Petar Janjatovic, 50. Er hat die ausgezehrte Figur eines langjährigen Kettenrauchers. Janjatovic sieht sich von Miloševic um seine Zukunft betrogen, um eine Zukunft in finanzieller Sicherheit. Er war Radiomoderator, hat Bücher geschrieben über die Musikszene, Artikel in Zeitungen und Magazinen. Heute ist er Freiberufler, verheiratet und Vater einer 17-jährigen Tochter. Janjatovic investiert all sein Geld in sein Kind – wie die meisten serbischen Eltern.

Fast jeder Jugendliche besitzt ein Handy. Marcelo auch, natürlich, als Musiker muss man erreichbar sein. Ständig tippt er SMS-Nachrichten, sein Handy piepst alle paar Minuten, neue Nachricht, Entschuldigung, ich muss antworten, meine Freundin. Der Rapper ist höflich und schüchtern.

Serbien bedeutet Kriegsverbrechen

Die Popularität, die er nach seinen zwei Platten "Defacto" und "Puzzle Shock" in Belgrad hat, kam ein bisschen plötzlich, Marcelo wirkt überfordert. Zwar schaut er auf Fotos in der Presse ernst und böse, doch eigentlich ist er ein Netter, ein Junge von nebenan. Jeder kennt ihn, das serbische MTV will ein Interview, das Stadtmagazin, der Radiosender B 92. Pro Tag erreichen ihn rund 40 E-Mails, die meisten von Mädchen. Er antwortet allen. Der Hip-Hop ist in Serbien eine Randerscheinung, eine Subkultur. Etwa zehn Prozent der Jugendlichen hören Rap.

Miloševic ist tot, aber sein Erbe ist unübersehbar. In den Neunzigern hatte er die Serben gegen Bosnien, gegen Kroatien, gegen den Kosovo mobilisiert. 1999 fielen Nato-Bomben auf das Land, 77 Tage lang. Eine Demütigung – die Bevölkerung solidarisierte sich mit ihrem Regime, erst im Herbst 2000 wurde Miloševic abgesetzt. Manche Gebäude, die von den Bomben getroffen wurden, stehen noch da wie nach dem Angriff, auch mitten in der Stadt. Ruinen mit glaslosen Fenstern, wie ein Vorwurf an die westliche Welt.

Einst muss Belgrad sehr schön gewesen sein, mit Parks und Jugendstilhäusern und großen Villen. Heute sind die meisten Häuser der Stadt marode; die Wohnungen, die Möbel, die Bäder - zerschlissen, verschimmelt, notdürftig geflickt. Abgase erschweren das Atmen, Belgrad ist umhüllt von einem grauen Mantel. Viele betanken ihre alten, rostigen "Yugos" mit Heizöl, das stinkt zwar, ist aber billiger als normaler Diesel.

Serbien bankrott, rückständig, ein Synonym für Korruption und Kriegsverbrechen. Noch immer leben Kriegsverbrecher wie Ratko Mladic in Freiheit. Weil Serbien den ehemaligen General nicht auslieferte an das UN-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag, schob die EU die Beitrittsverhandlungen weiter auf. Die Montenegriner haben sich aus dem gemeinsamen Staat heraus gewählt.

Turbofolk zu Ehren von Miloševic

Viele Serben sind hin- und hergerissen zwischen Schmach und Trotz: "Wenn Europa uns nicht haben will - dann brauchen wir Europa auch nicht." Der Soundtrack dieses trotzigen Nationalismus heißt Turbofolk: eine Art Volksmusik mit Technorhythmen und orientalischen Klängen. Die Stars heißen Ceca, Jelena Karleuša, Borislav Zoric Licanin, sie singen vom Kosovo und von Serbien, von Tradition, Glaube und Glut, von Stolz und Kindern und Kämpfen und Grenzen. Turbofolk dudelt aus Autoradios, auf Hochzeiten, in Cafés. Petar Janjatovic verzieht das Gesicht, als würde ihm diese Musik Schmerzen bereiten. Seine Leidenschaft gilt dem Rock 'n' Roll. Er ist froh, dass seine Tochter HipHop mag.

Während im SKC die Breakdancer in Sportklamotten zum Breakbeat grätschen, springen, sich schwingen und drehen, während dort die Fenster beschlagen von ihrem Schweiß und Marcelo die nächste Zigarette anzündet und auf seinen Auftritt wartet, starten die Turbofolkschwärmer in die Nacht. Zu Tausenden pilgern sie in die Diskoschiffe, die tags wie tote Fische an den Ufern von Donau und Save liegen. Ein Boot reiht sich ans andere, etwa 100 sind es insgesamt, Treibgut und Müll schwimmen auf dem Wasser. Davor, auf den Parkplätzen, stehen viele schwarze Limousinen, BMW, Mercedes, Porsche, manche sind gepanzert. Das Gangster-Image, das geben sich die Turbofolkmacher und ihre Anhänger selbst.



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